Pinchas Goldschmidt, Vorsitzender der Europäischen Rabbinerkonferenz, verabschiedete sich mit bitteren Worten vom Jahr 2018: "Heute ist der letzte Tag, an dem in Belgien koscheres Fleisch und Geflügel für die jüdischen Gemeinden in Antwerpen und Brüssel geschlachtet werden kann. Ein trauriger Tag für die Juden in Europa, ein trauriger Tag für die Religionsfreiheit in Europa."

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Konkret ist mit 1. Jänner in der belgischen Region Flandern ein Schächtverbot in Kraft getreten, das sowohl für das koschere als auch für das halal Schlachten gilt. Das Gesetz dazu wurde im Juli 2017 vom Regionalparlament verabschiedet. Kurz zuvor, im Mai 2017, hat auch die Region von Wallonien das Schächten verboten, diese Regelung tritt mit September dieses Jahres in Kraft.

Schächtverbote in Europa sind nichts Neues – in der Schweiz ist es bereits seit 1893 untersagt (mit Ausnahme des Schächtens von Geflügel). Dieses Verbot wurde Ende des 19. Jahrhundert von Tierschützern durchgesetzt. Inzwischen darf zum Beispiel auch in Polen, Dänemark, Island, Norwegen oder Schweden nicht mehr koscher geschlachtet werden. Jüdische Gemeinden in jenen Ländern, in denen noch koscheres Fleisch produziert werden darf, spüren den zunehmenden Druck. Wo wird es zum nächsten Verbot kommen?

Gibt es ein Nachbarland, in dem geschächtet werden darf, ist es möglich, koscheres Fleisch zu importieren. Je mehr Länder das koschere (beziehungsweise auch halal) Schlachten verbieten, desto weiter wird allerdings der Transportweg. Das schlägt sich dann für den Konsumenten auch im Preis nieder (und ist auch nicht gerade umweltfreundlich). In der Schweiz ist koscheres Fleisch daher wesentlich teurer als etwa in Wien.

Wie werden die konkreten Forderungen des Tierschutzvolksbegehrens lauten?

Hier zu Lande wird das Schächten übrigens in Bälde wieder Thema sein. Im Februar will der Initiator eines Tierschutzvolksbegehrens, Sebastian Bohrn-Mena, den konkreten Forderungskatalog präsentieren. Dieser soll in Zusammenarbeit mit Experten sowie NGOs erarbeitet werden, sagte Bohrn-Mena bei der Präsentation des Projekts Tierschutzvolksbegehren Ende November.

Ob eine der Forderungen sein wird, das Schächten zu verbieten? Bohrn-Mena verwahrte sich im Zug der Diskussion um den Vorstoß des niederösterreichischen FPÖ-Landesrats Gottfried Waldhäusl, das Schächten einzuschränken, zwar in einem Userkommentar auf derstandard.at dagegen, den Tierschutz für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu instrumentalisieren. "Keinem Tier geht es besser, wenn Juden sich in ihrer Heimat wieder unwohl bis bedroht fühlen, weil manche in der Staatsmacht unüberlegt oder gezielt von ihrer Erhebung in Listen faseln und damit letztlich von Missständen im Umgang mit Tieren ablenken, die in den Ministerien und Landesregierungen nicht einmal statistisch erfasst werden, damit ja niemand auf die Idee kommt sie anzusprechen oder gar Änderung einzufordern. Der Tierschutz der FPÖ ist kein echter Tierschutz. Und er bringt nicht nur den Tieren nichts, er gefährdet auch den gesellschaftlichen Zusammenhang und trägt dazu bei, dass der Entmenschlichung politischer Diskurse weiter Vorschub geleistet wird. Dabei wäre es hoch an der Zeit, dass tatsächlich echte Tierschutzpolitik angegangen wird", schrieb er dazu vergangenes Jahr.

Aber: Als pro-tier, der Verband Österreichischer Tierschutzorganisationen, vor der letzten Nationalratswahl 2017 die für Tierschutzagenden in den einzelnen Parteien Verantwortlichen zum Thema religiöses Schächten ohne vorherige Betäubung befragte, da antwortete Bohrn-Mena, damals Kandidat der Liste Pilz (nun: Jetzt): "Die Vermeidung von Tierleid hat Priorität." Und dass verschiedenste NGOs – in diesem Fall Tierschutzorganisationen – das Thema nicht auf die Forderungsliste setzen, davon ist nicht auszugehen. Man darf also gespannt sein.

FPÖ Niederösterreich setzt Kampagne fort

Seitens der FPÖ wurde pro-tier 2017 übrigens ausgerichtet: "Es muss zu einer unbedingten Betäubung vor der Schlachtung kommen." Die FPÖ Niederösterreich führt übrigens auch 2019 ihre Anti-Schächt-Kampagne fort. Auf der Startseite des Webauftritts der Partei ist eine "Unterschriftenliste Schächtverbot" downloadbar. "Schächten? Nein danke!" heißt es da und "Stoppt Tierleid und Todesfolter!". "Zeigen Sie Ihr Herz für Tiere", werden Unterschriftswillige aufgefordert, ihrer Meinung per Signatur Ausdruck zu verleihen. Und, so der Appell vom FPÖ-Landtagsabgeordneten Udo Landbauer: "Tierschutz geht uns alle an!"

Man sollte meinen, dass es im Bereich des Tierschutzes tatsächlich jede Menge zu tun gibt: lange Tiertransporte, nicht artgerechte Haltung oder der Schutz von vom Aussterben bedrohten Arten sind nur einige der Punkte, für die es aus meiner Sicht zu kämpfen gilt. Die koschere Fleischproduktion gehört aber nicht dazu. Gerade hier sind lange Transportwege tabu und die Tiere müssen bei der Schlachtung gesund sein und dürfen keine Verletzungen aufweisen (was eine artgerechte Haltung voraussetzt).

Für den Bestand der jüdischen Gemeinde in Wien wäre das Aufrechterhalten des Status Quo beim Schächten jedenfalls wichtig. Viele Mitglieder halten grundsätzlich koscher, weitere achten vor allem beim Fleisch auf koschere Produktion. Und zu den Feiertagen oder Festen wie Hochzeiten servieren auch sehr säkular Lebende grundsätzlich nur Speisen, die den Vorschriften der Kaschrut entsprechen. Kommt es also auch in Österreich zu einem Schächtverbot, würde sich wohl so manche Familie in ein Land auszuwandern, in dem es kein Problem ist, koscheres Fleisch zu bekommen. Nun bleibt abzuwarten, wie sich die Debatte hier zu Lande in den kommenden Monaten entwickelt.