Warum es mir ein Anliegen ist, zu helfen? Weil einem die Not anderer doch nicht einfach egal sein kann. Aber auch, weil es damals, in der NS-Zeit, Menschen gegeben hat, die meinen Großeltern halfen. Ihre Flucht 1938 von Wien nach Frankreich ist höchstwahrscheinlich noch recht geordnet abgelaufen. Aber dann später, als sie auch Frankreich verlassen mussten, da hatten schon viele Länder ihre Grenzen dicht gemacht, nahmen niemanden mehr auf. In Bordeaux gab es damals den portugiesischen Konsul Aristides de Sousa Mendes. Er stellte Menschen in Not Visa aus, auch zu einer Zeit, als es ihm das Salazar Regime bereits untersagt hatte.

Auf der Seite der Sousa Mendes Foundation findet sich unter Eichler, dem Familiennamen meiner Großeltern, folgender Eintrag (hier in deutscher Übersetzung): "Visaempfänger: Eichler, Ernest, Alter: 30, Visum #1600, Eichler, Marianne, Alter: 26, Visum #1601. Am 16. Oktober 1939 wurde das Ehepaar Eichler, österreichische Staatsbürger, in das Sousa Mendes Visa-Registrierungsbuch eingetragen und dann wieder ausgestrichen. Am 15. November 1939 fragte Aristide de Sousa Mendes beim portugiesischen Außenministerium um die Erlaubnis an, der Familie Eichler Visa zu gewähren. Die Familie wurde im Juni 1940 im Lager Cours du Médoc in Bordeaux interniert. Schließlich fragten alle Lagerinsassen bei Aristide de Sousa Mendes um Visa an und erhielten sie."

Die Seite zeigt auch Fotos der damaligen Liste. Beim Namen meines Großvaters ist in der Spalte "Nationalität" vermerkt: "Ex-Österreicher" und in der Spalte "Visa, Ausweis": "Haiti". Zudem findet sich unter den Namen meiner Großeltern auch der Name meiner Urgroßmutter Therese Eichler. Sie sollte schließlich versteckt in Südfrankreich überleben.

Flucht ist schwierig. Sie erfordert gute Nerven, Geduld und ja, auch Geld. Sie erfordert Helfer, und ja, auch da floss oft damals Geld und fließt auch heute Geld. Schlepper verdienen auf dem Rücken Verfolgter, einerseits, andererseits brauchen sie auch oft monetäre Mittel, um das für die Flucht Nötige zu finanzieren, wie Verkehrsmittel oder Dokumente. Viele nach dem Gesetz als Schlepper Geltende sind kriminell, aber nicht alle. Nicht jeder Helfer, der Menschen über Grenzen hilft, ist meinem Verständnis nach ein Schlepper im Sinn eines Kriminellen. Flucht ist ja gekennzeichnet davon, dass Grenzen – illegal – überwunden werden müssen. Nur so kann heute anderswo um Asyl angesucht werden, die Möglichkeit, an einer Botschaft Asyl zu beantragen, gibt es ja nicht mehr.

Schreckliche Momente

Immer wieder gibt es Diskussionen darüber, ob die Situation von heute mit der Situation von damals verglichen werden darf. Meine Haltung ist klar und ich stoße in Gespräche damit oft auf Unverständnis. Ich halte dennoch daran fest. Der Holocaust ist unvergleichbar. Die Rahmenbedingungen von Flucht waren aber damals schrecklich und sie sind heute schrecklich. Wer mit Geflüchteten heute spricht, wenn sie denn überhaupt detailliert erzählen können, was ihnen auf dem Weg zu ihrem heutigen Zufluchtsort zugestoßen ist, der hört schlimme Geschichten. Geschichten von Schleppern, die Geld genommen und nicht gehalten haben, was sie versprachen, Geschichten über Vergewaltigungen und Hunger, über Nächte im Freien und Monate ohne die nötigen Medikamente, über Menschen, die man ertrinken gesehen hat und Hunde, die in der Nacht – bereits auf EU-Gebiet – auf im Freien schlafende Flüchtlinge gehetzt werden.