Vor einiger Zeit klebten in Wiener U-Bahnzügen Post-Its mit allerlei Botschaften. Allesamt regten zur Reflexion an. Wohin ich heute gehen würde, wäre es notwendig, Österreich zu verlassen? Ich weiß es nicht. - © Alexia Weiss
Vor einiger Zeit klebten in Wiener U-Bahnzügen Post-Its mit allerlei Botschaften. Allesamt regten zur Reflexion an. Wohin ich heute gehen würde, wäre es notwendig, Österreich zu verlassen? Ich weiß es nicht. - © Alexia Weiss

Da standen wir also im Gerichtssaal, nachdem der Richter seinen Richterhut aufgesetzt und mit einer Handbewegung gedeutet hatte, es sollten sich alle erheben. Ich war nervös, ich hatte ein Unruhegefühl vor allem in der Bauchgegend, ich fuhr mit der Spitze des rechten Zeigefingers über die Haut neben dem Daumennagel, hin und her, hin und her, bis ich innehielt im Wissen, dass ich mich sonst bald blutig kratzen würde. Der Richter hob an, seine Entscheidung zu verkünden und ich erinnerte mich, wie es war, an der Uni Prüfungsergebnisse zu erfahren, eine Antwort auf eine Jobbewerbung zu erhalten, den Brief zu öffnen, der Auskunft darüber gab, ob das Kind den Platz an der Wunschschule erhalten hatte oder nicht. Nur dass all diese Momente zwar wichtig, aber nicht lebensentscheidend waren. Eine Prüfung kann man wiederholen, bei einer Jobabsage feilt man an der nächsten Bewerbung und wird es nicht die gewünschte Schule, wird sich eine andere Möglichkeit auftun. Nun aber sollte der Richter verkünden, ob die Familie aus Afghanistan, die im Sommer 2015 nach Österreich kam und die ich im Rahmen der Chanukkafeier von Shalom Alaikum – Jewish Aid for Refugees im Dezember 2015 kennenlernte, Asyl erhielt oder nicht.

Seit drei Jahren treffen wir einander regelmäßig. Anfangs stand das Deutsch Lernen im Vordergrund, dann haben wir begonnen, gemeinsam etwas zu unternehmen. Wir waren aber auch zusammen bei Ärzten, Behörden, bei Asyl in Not, wo Familien wie diese rechtliche Unterstützung für ihr Asylverfahren erhalten. Wir haben zusammen gegessen, gescherzt und gelacht. Wir haben aber auch über das gesprochen, was der Familie zugestoßen ist, vor allem im Zug der Vorbereitung auf das Interview beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl und später auf die Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht. Ich kenne die Verfolgungsgeschichte inzwischen also ziemlich gut und immer noch gibt es mir einen Stich, wenn es zu den so bedrohlichen Momenten kommt. Und dann gibt es noch die Dinge, die während der Flucht passiert sind. Lange Fußmärsche mit kleinen Kindern, bis die Füße offen sind, getrennt werden und sich wieder finden, die gefährliche Überquerung des Meeres, die andere nicht überlebt haben.

Flucht damals, Flucht heute