Mit ihrem Projekt schlug Anna Wexberg-Kubesch eine Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück. Sie kam mit vielen Menschen, darunter unzählige Jugendliche, ins Gespräch und konnte dabei auch den Mythos Theresienstadt entzaubern: Denn das Lager, das in einem früheren Festungskomplex untergebracht war, war eben kein Ort, an dem fröhlich musiziert, gemalt, gedichtet wurde, wie Christian Hanl vom Verein Gedenkdienst, der vor einigen Jahren an der Gedenkstätte Theresienstadt seinen Zivildienst geleistet hatte, betonte. Es war im Gegenteil ein wesentlicher Ort der Ermordung europäischer Jüdinnen und Juden. Wer nicht dort angesichts der katastrophalen Lebensbedingungen an Hunger oder Krankheit starb, wurde schließlich von Theresienstadt in ein Vernichtungslager transportiert.

Erinnerung sei lebensnotwendig, betonte Wexberg-Kubesch, und sie habe versucht, das über Beziehungen zu tun. Jeder Mensch, der eine Karte für ein ermordetes Kind, stelle eine Beziehung zur Vergangenheit her. Gleichzeitig fand im Rahmen des Projekts eine Vernetzung von unterschiedlichsten Leuten statt, die einander erst über das Gestalten von Karten kennenlernten. Überlebende Kinder hätten von Solidarität und Freundschaft berichtet. Insofern ist es schlüssig, dass beides – wie von selbst - auch Bestandteil von NEVER/FORGET/WHY? wurde. Wexberg-Kubesch’ Fazit: "Wir als Gemeinschaft können mehr schaffen."

Keine leeren Worte

"Niemals vergessen": Wie oft hörte man in den vergangenen Tagen diese Worte. Oft seien sie "inhaltsleer", so die Projektinitiatorin. Und sie bekräftigte: "Leere Floskeln und Dogmen bringen uns nicht weiter." Damit liegt sie so richtig. Und genau deshalb wurde das gesamte Projekt und auch dieser Abend so authentisch und daher fühlte sich diese Gedenkveranstaltung so richtig an.

Helga Pollak-Kinsky war als Kind in Theresienstadt interniert und hat als eines von wenigen Mädchen des Heimes, in dem sie mit anderen Mädchen untergebracht war, überlebt. Ihr Tagebuch aus der Zeit erschien 2014 unter dem Titel "Mein Theresienstädter Tagebuch 1943-1944: und die Aufzeichnungen meines Vaters Otto Pollak". Am Sonntag erzählte sie über die Lebensbedingungen im Lager. 30 Mädchen seien da in einem 28 Quadratmeter kleinen Raum untergebracht gewesen, geschlafen haben sie in dreistöckigen Betten, andere Möbel gab es kaum. "Auf unseren Betten haben wir geschlafen, gelebt und gegessen." Hinter dem Kopfpolster befand sich der Koffer mit den wenigen Habseligkeiten. Pollak-Kinsky erzählt ruhig, unaufgeregt, fast schon fröhlich von dem, was war. Doch wenn man sich in das hineindenkt, was sie erzählt, schnürt es einem die Kehle zu. Wie lebt man Monat um Monat auf engstem Raum, wie erträgt man die Ungewissheit, ob man selbst auf der nächsten Transportliste steht, wie verliert man hier nicht seinen Lebensmut?

Winkler erinnerte in "Musik an der Grenze des Lebens" an die Möglichkeit, mit Zyankali selbstbestimmt seinem Leben ein Ende zu setzen. Hätte ich davon Gebrauch gemacht? Man geht mit vielen Gedanken von dieser Veranstaltung nach Hause – ein Gefühl findet sich aber nicht darunter: Das der leichten Wut, weil das eine gesagt und anders gehandelt wird. Weil das "Nie mehr wieder" nicht nur Antisemitismus, sondern grundsätzlich Ausgrenzung, Rassismus, Fremdenfeindlicheit miteinschließen muss. NEVER/FORGET/WHY? bezog all das mit ein. Das zeigten auch die verschiedensten Botschaften auf den mehr als 15.000 Karten, die nun noch bis Mittwoch in Großaufnahme auf zwei Leinwände in der Volkshalle im Rathaus projiziert werden.

www.neverforgetwhy15000.at