Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Ich habe noch meinen Vater im Ohr, wenn er am Telefon Namen buchstabierte oder Adressen. In meinem Erwachsenenleben habe ich dieses offizielle Buchstabieralphabet quasi automatisch übernommen. Jüngst kam es mir in den Lernunterlagen meiner geflüchteten Freunde, die diese im Deutschkurs erhielten, auch schriftlich unter.

Das hat mich erstaunt, erstaunt deshalb, da ich inzwischen weiß, dass sich diese Buchstabiertafel an jener orientiert, welche die Nationalsozialisten eingeführt haben. Jüdische Namen, die vorher für einige Buchstaben standen, mussten eliminiert werden. Und das sind sie bis heute. Das offizielle Buchstabieralphabet wurde in Österreich in Bezug auf diese jüdischen Namen nicht rückverändert.

Siegfried statt Samuel

So sagen wir seit Jahrzehnten Dora statt David, Jot statt Jacob, Nordpol statt Nathan, Siegfried statt Samuel, Zeppelin statt Zacharias. Festgehalten sind die zu verwendenden Begriffe und Namen in der Ö-Norm A 1081. Während Deutschland 1948 immerhin Samuel und Zacharias wieder in die offizielle Buchstabiertafel übernahm, heißt es in Österreich weiterhin Siegfried und Zeppelin.

Dass Buchstaben Namen oder Begriffe zugeordnet werden, um vor allem am Telefon die richtige Schreibung leichter vermitteln zu können, geht auf die Ausgabe des Berliner Telefonbuchs von 1903 zurück. Das Telefonbuch von 1934 enthielt erstmals die von den Nazis umgestaltete Tabelle. Biblisches sollte dort nicht mehr vorkommen.

"Geeignete deutsche Namen"

Der Anstoß dazu soll von einem Herrn Schliemann gekommen sein, der sich 1933 mit einer Postkarte an die Post, konkret das Postamt Rostock wandte. "In Anbetracht des nationalen Umschwungs in Deutschland halte ich es für nicht angebracht, die in der Buchstabiertabelle des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen wie David, Nathan, Samuel etc. noch länger beizubehalten. Ich nehme an, dass sich geeignete deutsche Namen finden lassen. Ich hoffe, in der nächsten Ausgabe des Telefonbuchs meinen Vorschlag berücksichtigt zu sehen."

Ich versuche es seit einigen Jahren zu vermeiden, meinen Namen "Wilhelm – Emil – Ida – Siegfried – Siegfried" zu buchstabieren. Die rein klangliche Wiedergabe der Buchstaben "We – e – i – es – es" ist allerdings auch keine Lösung. Schon habe ich die Runen vor Augen. Bleibt die Variante, "Weiss wie die Farbe, aber mit Doppel-s am Ende". Immer öfter ziehe ich stattdessen "Samuel – Samuel" heran.

Buchstabiert man etwa in einem Geschäft, sind erstaunte Blicke Programm. Aber nein, ich erkläre es dann nicht. Verstanden wird es ja, dass es sich um ein S handeln muss. Und was kann der Einzelne dafür, der in der Schule ein Buchstabieralphabet erlernt, das nicht an die Zeit vor den Nazis angepasst wurde. Man muss ja Menschen nicht ständig vor den Kopf stoßen. Das würden den Alltag auch ziemlich anstrengend machen.

Kein Bewusstsein

Es wäre an den Behörden, hier endlich etwas zu verändern. Bisher scheint es dafür aber kein Bewusstsein zu geben. Immer wieder wird dazu veröffentlicht – auch die Duden-Redaktion wies auf diesen Umstand hin, vor mittlerweile drei Jahren in einem Online-Eintrag der Duden-Sprachberatung. Doch es dringt nicht durch.

Über Straßennamen gibt es immer wieder Debatten, manchmal werden diese geändert, in vielen Fällen gibt es eine erklärende Zusatztafel. Im Fall des Buchstabieralphabets wissen die meisten gar nicht, dass sie mit Siegfried oder Zeppelin buchstabieren wie die Nazis. Dass die Bildungsbehörden hier nicht längst für Änderungen gesorgt haben, ist eigentlich eine Schande.