Nun ist die Beschneidung von Grundrechten nicht nur ein Merkmal des Nationalsozialismus, sondern grundsätzlich von Diktaturen. Vielleicht wäre es daher tatsächlich klug, den Fokus nicht so sehr auf die NS-Zeit zu lenken und mehr auf die Verfasstheit der Demokratie in Österreich. Wer die NS-Zeit ins Spiel bringt, löst gleichzeitig den Reflex aus, dass Menschen meinen, sich gegen "die Nazi-Keule" verwehren zu müssen. Rasch ist man in der Schlussstrich-Debatte oder beim Argument, dass die heutige Generation nichts für die Fehler der Vorväter könne.

"Wehret den Anfängen": Das heißt für mich nicht nur, zu achten, dass Antisemitismus nicht überhand nimmt. Das heißt auch, für die Aufrechterhaltung der Demokratie und von Grundrechten zu sorgen. Diese Frage sollte meiner Meinung nach auch im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion stehen. Wer zulässt, dass Nichtjuristen über die Inhaftierung von Menschen entscheiden, öffnet Willkür Tür und Tor. Morgen mag das dann vorrangig junge männliche Geflüchtete betreffen, übermorgen andere Gruppen auch. Das macht Angst. Zum einen. Zum anderen scheint mir der Blick auf den Hilfeschrei von Geflüchteten völlig unterzugehen. Die Bewusstseinsgrenzen sind massiv verschoben. Wer flüchtet, bittet um Hilfe und ist nicht automatisch kriminell oder ein Gefährder. Letzteres hat sich inzwischen jedoch erfolgreich in den Köpfen vieler festgesetzt. Und, nun sei doch noch ein Satz zur NS-Zeit erlaubt: Das, was mit den Juden damals gemacht wurde, wurde in den Köpfen der Bevölkerung dadurch legitimiert, dass man Juden kriminalisiert hat. So sinkt die Hemmschwelle, Menschen nicht mehr menschlich zu behandeln.