Als in den vergangenen Tagen die ersten Fotos vom Karnevalszug in der belgischen Stadt Aalst auftauchten, kam mir als erstes "Der Stürmer" in den Sinn. Riesige pinke Figuren orthodoxer Juden mit der typischen überzeichneten Nase, Schtreimel und Pejes wurden da mitten in Europa im Jahr 2019 durch die Straßen gezogen. Der Wagen bemühte auch noch Darstellungen von Geldsäcken und Ratten. Es fühlt sich so an, als ob mit den technischen Möglichkeiten und Materialien von heute die Schmähdarstellungen der Nazis für Disney World umgesetzt worden wären.

Antisemitismus bei einem Karnevalsumzug in der belgischen Stadt Aalst. - © Screenshot Youtube Stadt Aalst
Antisemitismus bei einem Karnevalsumzug in der belgischen Stadt Aalst. - © Screenshot Youtube Stadt Aalst

Inzwischen ist auch die Frage beantwortet, was die Schöpfer dieser pinken Antisemitismus-Phantasie zum Ausdruck bringen wollten: Die Karnevalsgruppe Vismooil’n teilte mit, sie wollte damit gegen steigende Preise protestieren. Das muss man einmal sickern lassen. Im Jahr 2019 fällt Menschen zum Thema steigende Preise "der Jude" ein. "Wir fanden es halt komisch, rosa Juden auf dem Umzug zu haben, die auf einem Safe sitzen, der das Geld enthält, das wir sparen", erklärten die Gestalter des Wagens gegenüber der Zeitung "Het Laatste Nieuws".

Der Bürgermeister fand nichts dabei

Dort wurde übrigens auch der Bürgermeister der Stadt Aalst, Christoph D’Haese von der flämisch-nationalistischen Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA) zitiert, der meinte, dass es nicht zu den Aufgaben eines Bürgermeisters gehöre, so etwas zu verbieten, zumal die Teilnehmer des Umzugs keine schlechten Absichten gehabt hätten.

Jüdische Organisationen sahen das anders. Und auch die UNESCO, die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, bezeichnete den Wagen als "rassistisch und antisemitisch". Das ist insoferne von Belang, als der Faschingsumzug von Aalst, den es seit über 600 Jahren gibt, 2010 von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe ernannt wurde.

Es besteht also auf dieser Ebene Konsens darüber, dass solche Darstellungen bei einem europäischen Karnevalsumzug 2019 nichts zu suchen zu haben. Dennoch gab es sie. Dennoch fanden es Menschen komisch, diese pinken Ungetüme zu kreieren. Dennoch stellte sich ein Bürgermeister schützend vor die Faschingstruppe.

Und zurück zu meiner ersten Assoziation, den Zeichnungen aus der antisemitischen Wochenzeitung der Nazis, "Der Stürmer". Viel ist dieser Tage von importiertem Antisemitismus die Rede. Rechtspopulistische Parteien quer durch Europa suchen die Nähe zu Israel und stellen sich als Kämpfer gegen Judenfeindlichkeit dar. In den Schulen wird über die Schoa gelehrt, es gehört zur political correctness keine antisemitischen Klischees zu bedienen.

Doch die Bilder im Kopf, sie sind weiter da. Das zeigt diese unverblümt-antisemitische Darstellung von Juden in Aalst. Das zeigen aber auch die vielen antisemitischen Einträge in Zeitungsforen und sozialen Medien. Das zeigen Fragen wie, ob es stimme, dass Juden keine Steuern zahlen müssten. Und ja, die gibt es bis heute. Vor einigen Jahren hörte ich das von einer Gastwirtin in einem Salzburger Ferienort. Zuletzt kam mir diese Frage von einem Freund unter. Sie war nicht auf seinem Mist gewachsen. In einer Unterhaltung war ihm diese Behauptung untergekommen, doch er konnte es nicht glauben und fragte mich, ob das wahr sei.

Es ist offenbar eine Illusion, Antisemitismus bekommen zu können

Es ist ernüchternd. Es ist niederschmetternd. Wieviel Energie wurde in Aufklärungsarbeit, in Zeitgeschichte-Unterricht, in die Aufarbeitung der NS-Zeit gesteckt. Das war gut und wichtig und hat viele Menschen erreicht und wird daher auch in Zukunft gut und wichtig sein. Aber man darf sich offenbar keinen optimistischen Illusionen hingeben. Es wird immer Menschen geben, die Antisemiten sind. Und es braucht nicht viel, damit sie keine Hemmungen haben, ihren Antisemitismus auch öffentlich zu artikulieren. Momentan ist die gesellschaftliche Stimmung offenbar so, dass sie es in einigen Gegenden Europas auch tun.

Was also tun? Den Antisemitismus weiter versuchen, mit viel Kraft und Anstrengung unter der Oberfläche zu halten? Oder sich damit abfinden, dass er nicht kleinzukriegen ist? Ist es besser zu sehen, womit man konfrontiert ist? Bedeutet das aber dann nicht auch gleichzeitig Akzeptanz von etwas, was nicht akzeptiert werden darf?

Heute gibt es mit Israel ein Land, das allen Jüdinnen und Juden als sicherer Hafen offen steht. Was bedeutet es aber, wenn aus einigen europäischen Ländern immer mehr Menschen nach Israel auswandern, wie etwa aus Frankreich? Es bedeutet, dass die Diaspora immer auf wackeligen Beinen steht. Es bedeutet, dass Jude, Jüdin zu sein, immer Vorsicht und Wachsamkeit erfordert. Es bedeutet, dass sich der Traum, dass es eines Tages nicht mehr darauf ankommen wird, welche Herkunft man hat, welche Religion, welche Familiengeschichte, nicht erfüllen wird.

Sieht man sich die Stimmung gegenüber Migranten und Geflüchteten an, ist dieser rosarote Ballon der Hoffnung ohnehin geplatzt. A Propos pink. Die positive Konnotation dieser Farbe hat die Karnevalsgruppe Vismooil’n auch noch durch den Dreck gezogen. Aber klar – braune Figuren hätten nicht so poppig gewirkt wie pinke orthodoxe Juden. Eyecandy hat bunt und fröhlich zu sein. Ich empfinde diese Art der Fröhlichkeit als Schlag ins Gesicht der europäischen Juden und Jüdinnen. Und so war diese Kreation in pink wohl auch gemeint.