Der Empörungsautomatismus funktioniert in Zeiten von social media auf Knopfdruck. Vielleicht hatten das Rammstein auch einkalkuliert, als sie einen Tag vor der Veröffentlichung ihres neuneinhalbminütigen Videos zum neuen Song "Deutschland" einen kurzen Teaser veröffentlichten. Vielleicht auch nicht. Denn es war klar, dass der Teaser Szenen aus dem Video enthält. Dass diese Szenen Mitglieder der Band in KZ-Häftlingskleidung zeigten, die kurz davor stehen, am Galgen gehängt zu werden, war also auch schon zu dem Zeitpunkt nicht als Werbung für einen Heile Welt-Song zu verstehen, wofür Rammstein schon bisher nicht standen, sondern als Thema dessen, womit sich Rammstein in dem neuen Stück auseinandersetzen.

Sind Szenen, die Menschen in KZ-Häftlingskleidung zeigen (an einer prangt auch ein so genannter Judenstern) eine Provokation, wie der Zentralrat der Juden in Deutschland sofort anprangerte? "Wer den Holocaust zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Und: Es gebe zahlreiche Künstler, die sich in ihren Kunstwerken auf eine würdevolle Art mit der Schoa auseinandersetzen. Wer beurteilt Kunst? Was ist würdevoll? Wer bestimmt, wie der Holocaust dargestellt werden darf und wie nicht? Zum einen.

Zum anderen: Wenn eine Schuhmarke, ein Kaugummi-Produzent, der Anbieter von Outdoor-Kleidung mit einem Spot wirbt, der in einem Konzentrationslager spielt: Geht gar nicht. Da ist jeder Aufschrei gerechtfertigt. Mit dem Holocaust darf nicht geworben werden. Punkt. Wie ist es aber mit einem Film, dessen Geschichte in der NS-Zeit spielt? Darf es für diesen auch keinen Trailer geben, der zum Beispiel die Misshandlung von Juden zeigt? Doch, es darf. Es wäre ja absurd, einen solchen Film mit einer Szenerie auf einer Blumenwiese mit strahlend blauem Himmel und fröhlichen Menschen zu bewerben. Der Konsument will und soll schließlich wissen, was ihn erwartet, wenn er sich den Film ansieht.

Ähnlich verhält es sich mit dem Video zum Song "Deutschland" von Rammstein. Man mag den Stil Rammsteins nicht mögen, der für seinen brachialen Ton in Musik und Bild bekannt ist. Auch dieses Video spart nicht mit Brutalität. Aber: Es ist Kunst. Und Kunst darf den Holocaust darstellen. Und sich mit ihm auseinandersetzen. Und genau das tun Rammstein.

Geschichte im Zeitraffer

In "Deutschland" arbeitet sich die Band an der deutschen Geschichte ab: Da wechseln einander in raschem Tempo Szenen im Mittelalter mit jenen in der Neuzeit, in der NS-Zeit, in der DDR ab. Ritter auf dem Schlachtfeld, mittelalterliche Mönche, Bücherverbrennung durch die Nazis, ein Boxkampf (wahrscheinlich in den 1920er Jahren angesiedelt), Vandalismus in jüngerer Zeit.

Deutschland wird von einer Frau mit dunkler Hautfarbe verkörpert – diese Germania wäre wohl von rechten bis rechtsextremen Fans nicht geduldet (denn auch bei dieser Nummer wurde wie schon bei Veröffentlichungen Rammsteins in der Vergangenheit in vielen Reaktionen auf social media, aber auch in Zeitungskommentaren in den Raum gestellt, die Band verbreite rechtes Gedankengut). Extrem schlecht kommt zudem die Kirche weg: Sie pflanzt in Germania sozusagen die braune Brut, die als zotteliges Wesen zur Welt kommt.

Der Text spricht eine klare Sprache: "Du hast viel geweint, im Geist getrennt, im Herz verein", "Deutschland – mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen". Letzteres könnte nationalistisch gelesen werden und zwar als Kritik an der Selbstkritik an Deutschland, die – auf Grund der NS-Vergangenheit – den Diskurs der vergangenen Jahrzehnte bestimmte. Diese Lesart ist aber unwahrscheinlich, denn: während im Video die Hinrichtungsszene der KZ-Häftlinge zu sehen ist, ist der Text "Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben" zu hören. Für mich ist hier die Text-Bild-Botschaft mehr als stimmig.

Sich gegen Unrecht erheben

Dass die Häftlinge, die verschiedene Opfergruppen repräsentieren, in ihren gestreiften Kappen, Hemden, Hosen schließlich von ihrem Galgen steigen und ihrerseits die Nazis erschießen, entspricht zwar nicht dem Lauf der Geschichte. Sich gegen das zu erheben, was der Nationalsozialismus verkörpert(e), ist für mich allerdings eine der zentralen Botschaften von "Deutschland".

In Zeiten des wieder erstarkenden Nationalismus und Fremdenhasses legen Rammstein damit ihre Finger in offene Wunden. Sie tun dies mit einem Kurzfilm, der völlig überladen unzählige Botschaften transportiert. Wird hier mit "faschistischer Ästhetik" ironisch gespielt, wie Daniel Hornuff in Die Zeit konstatiert? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Man könnte jedenfalls alle paar Sekunden das Bild anhalten und – wie bei einem Gemälde – das Setting, die Kostüme, die benutzten Requisiten – analysieren. Der Clip bietet Potenzial für eine umfangreiche wissenschaftliche Arbeit. Der Clip bietet aber auch das Potenzial, Geschichte zu vermitteln – wenn man etwa Jugendlichen Szene für Szene die Hintergründe und Zusammenhänge erklärt.