Während in Österreich die Stadt Klagenfurt versucht nach der Masernerkrankung eines Busfahrers eine Epidemie zu vermeiden und die Ärztekammer sich diese Woche dafür aussprach, eine Impfpflicht einzuführen, macht sich die Erkrankung in ultraorthodoxen jüdischen Gemeinden in Israel und den USA massiv breit. Bill de Blasio, der Bürgermeister von New York, hat dieser Tage den Gesundheits-Notstand in der Stadt ausgerufen. In Williamsburg, Heimat von ultraorthodoxen Gemeinden, haben die Fälle von Masern zugenommen. Seit vergangenen Oktober sind 285 Menschen erkrankt, darunter 246 Kinder. De Blasio greift nun durch: Wer sich nicht impfen lässt, muss eine Strafe in Höhe von 1.000 Dollar zahlen. Jeschiwot, die ungeimpfte Kinder und Jugendliche zum Unterricht zulassen, droht er mit Schließung.

Der Masern-Ausbruch in New York wurde durch ein ungeimpftes Kind verursacht, das sich in Israel angesteckt hatte, berichtete die Washington Post diese Woche. In Israel wiederum begann die Krankheit laut Jewish Telegraphic Agency ab März 2018 um sich zu greifen. Die Infektionen starteten in einer kleinen orthodoxen Gemeinde in Safed im Norden des Landes. Im Oktober 2018 explodierten jedoch die Fallzahlen, alleine in diesem Monat verzeichneten die Gesundheitsbehörden in Israel 949 Fälle.

Ursprung in der Ukraine

Eingeschleppt worden dürfte die Krankheit aus der Ukraine worden sein. Dort brach die Krankheit 2017 aus, es wurden bisher fast 70.000 Erkrankungen verzeichnet. Zu Rosch HaSchana, dem jüdischen Neujahr, das im Herbst gefeiert wird, versammeln sich jedes Jahr zehntausende chassidische Juden, sie sind Teil der Brazlawer Chassidim, in der Ukraine nahe der Grabstätte eines Rabbiners aus dem 18. Jahrhundert, Rabbiner Nachman von Breslow (1772-1810). Bereits 1811 trafen einander Anhänger des Rabbiners erstmals an dessen Grab. Nach der Rückkehr der Pilger von der Ukraine nach Israel im Herbst 2018 gingen die Masernerkrankungen in Israel in die Höhe.

Grundsätzlich gibt die Halacha, das jüdische Recht, vor, dass Menschen auf ihre Gesundheit achten müssen. "Es ist eine Verpflichtung gemäß der Tora, sich um die körperliche Gesundheit zu kümmern. Das beinhaltet auch Prävention", sagt der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister. Impfen wird daher von Rabbinern quer durch verschiedenste Gemeinden, als Mitzwa, als religiöse Pflicht gesehen. Das gilt auch für die Ultraorthodoxie. Die Impfraten betragen sowohl in Israel als auch in den Gemeinden in Williamsburg, New York, an die 80 Prozent oder mehr. Doch wenn an die 20 Prozent der Menschen, und dabei vor allem Kinder, nicht geimpft sind, verbreitet sich die Krankheit in Schulen und auf Festen rasch.

Wenn orthodoxe Jüdinnen und Juden ihre Kinder nicht impfen, dann hat dies jedenfalls nichts mit diesbezüglichen religiösen Geboten zu tun. Im Gegenteil. Der Grund, warum manche auch sehr observante Juden ihre Kinder nicht mehr impfen lassen, liegt in Kampagnen von Impfgegnern. Laut einem Bericht der Jewish Telegraphic Agency (JTA) von dieser Woche zirkuliert in orthodoxen Gemeinden ein Pamphlet einer orthodoxen Impfgegner-Gruppierung namens Parents Educating and Advocating for Children’s Health. Darin steht unter anderem, dass Ärzte trotz Beweisen, dass Impfungen schädlich sind, impfen und dass Impfungen zu Hirnschwellungen, Lähmung, Tod führen können. Die Gruppe veranstalte auch immer wieder Konferenzen, zu denen sie Ärzte lädt, die ebenfalls dem Impfgegnerlager angehören.

Bildungsproblem

Vor allem charedische Juden hätten oft keine gute akademische Bildung und seien grundsätzlich Behörden über skeptisch eingestellt, wird ein Mitglied der Orthodox Jewish Nurses Association in dem JTA-Bericht zitiert. Sie seien nicht vertraut mit der Welt der Wissenschaft. "Man hat ihnen nicht beigebracht zwischen Verschwörungstheorien und echter Wissenschaft zu unterscheiden." In New York pocht nicht nur Bürgermeister De Blasio darauf, dass Eltern ihre Kinder impfen lassen. Es gab in den vergangenen Wochen und Monaten auch zig diesbezügliche Aufrufe von jüdischen Organisationen.

Impfgegner reagieren indessen mit immer drastischeren Formen des Protests. Del Bigtree, Gründer von ICAN (Informed Consent Action Network), einer Impfgegner-Organisation in den USA, trug Ende März bei einer Demonstration gegen das Impfen in Texas eine Nachempfindung des Judensterns der Nazis an seinem Jacket. Andere Impfgegner erweiterten die gelben Sterne um die Inschrift "No Vax" (keine Impfungen) in dem Hebräischen nachempfundenen Buchstaben.

NS-Vergleiche sind oft problematisch, in diesem Fall aber mehr als zynisch. Denn Impfungen schützen vor Krankheit, hier den Gesundheitsbehörden also Nazi-Praktiken zu unterstellen, ist doppelt absurd. Dass sich die Impfgegnerbewegung auch in ultraorthodoxen Kreisen zunehmend Beliebtheit erfreut, ist wohl aber nicht auf solche radikale Stimmen wie jene von Del Bigtree zurückzuführen. Es reicht schon, Misstrauen zu säen, indem die vermeintlichen Gefahren des Impfens hochstilisiert werden. Welche Eltern beginnen dann nicht zu verzweifeln?

Es gilt daher hier wie anderswo: Aufklären, aufklären, aufklären. Das Internet, in dem Impfgegner ungehindert ihre kruden Theorien verbreiten können, machen dies offiziellen Stellen allerdings schwer. Angesichts der Tatsache, dass Masern einerseits rasch ansteckend sind (es braucht keinen direkten Kontakt, es reicht im selben Raum zu sein) und andererseits etwa eine Gehirnhautentzündung Folge sein kann, die auch tödlich enden kann, stellt sich daher die Frage, ob der Kurs, den De Blasio in New York einschlägt, nicht der richtige ist und auch der Vorstoß der Ärztekammer in Österreich zu unterstützen ist. So wie Eltern ihre Kinder vor Gefahren schützen müssen, so muss dies auch der Staat für seine Bürger und Bürgerinnen tun.

Ich weiß, da ist noch die Sache mit dem mündigen Bürger und der Eigenverantwortung. Ich denke, hier verhält es sich wie mit dem Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden oder auch Lokalen. Wer sich nicht impfen lässt oder seine Kinder nicht impfen lässt, gefährdet damit nicht nur sich oder eben seine Kinder, sondern auch andere. Der Herdenschutz ist bei Impfungen wichtig – es müssen also genügend Menschen geimpft sein, um zum Beispiel Säuglinge oder Menschen, die auf Grund eines Immundefekts nicht geimpft werden können, zu schützen. Es ist eine Aufgabe des Staates, Epidemien zu vermeiden. Mit einer Impfflicht wäre dieses Ziel zu erreichen.