2018 wurde bereits gesplittet – ein Teil des Festivals fand im Herbst statt, ein Teil im Frühjahr. 2019 ist das Jüdische Filmfestival Wien nun endgültig im Frühling angekommen und ich finde das wunderbar. Weil: Im Herbst gaben sich bisher die jüdischen Festivals die Türe in die Hand – KlezMORE, Yiddish Culture Festival und eben das Jüdische Filmfestival. Im November gesellen sich dann meist noch viele Gedenkveranstaltungen zum regen jüdischen Wiener Kulturleben. Nun hat das jüdische Kino in Wien seinen großen Auftritt von 30. April bis 15. Mai und wird dann abgelöst vom Festival der jüdischen Kultur der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (heuer 4. bis 25. Juni mit dem Schwerpunkt "Italien"). So ist die Chance höher, sich mehr Filme anzusehen als bisher und der Blick ins Programm zeigt: Da ist abseits des Erwartbaren heuer auch viel Schräges und Popkulturelles dabei.

Familie einerseits und Diskriminierung, Hass, Fremdenfeindlichkeit andererseits: Das sind die beiden Themen, die sich durch die Programmierung dieses Festivals ziehen. Der Eröffnungsfilm "The Day after I’m gone" des israelischen Regisseurs Nimrod Eldar richtet den Scheinwerfer auf eine Vater-Tochter-Beziehung, die von Schweigen geprägt ist. In "You only die twice" begibt sich der Dokumentarfilmer Yair Lev in Österreich auf die Suche nach der wahren Identität des Mannes, der den Namen seines Großvaters trug. Und "Leona" erzählt die Geschichte einer jüdischen Malerin in Mexico City, deren Familie nicht nachvollziehen kann, warum sie sich für einen christlichen und keinen jüdischen Partner entscheidet.

"Skin" des israelischen Regisseurs und Oskar-Gewinners Guy Nattiv ist dem anderen Schwerpunkt zuzuschlagen: Hier wird die wahre Geschichte des US-Neonazis und späteren Aussteigers Bryon Wildner erzählt. Der Film scheint nichts für schwache Gemüter zu sein. "Warnung: visuelle Gewalt" ist im Programmheft zu lesen. In "Genezis" erzählt Árpád Bogodá wiederum von der rassistisch begründeten Mordserie an Roma in Ungarn in den Jahren 2008 und 2009.

Mrs. Maisel und Baby Houseman

Popkulturell wird es, wenn einige Folgen der Web Serie "The Marvelous Mrs. Maisel" über die große Leinwand flimmern. Ausgewählt wurden jene Episoden, in der die New Yorker Familie Weissman Urlaub in den Catskills macht. Da erscheint es fast schon logische Ergänzung, dass das Festival auch "Dirty Dancing" zeigt, jenen Blockbuster aus den 1980ern, in dem Frances "Baby" Houseman ebenfalls in den Catskills auf beziehungstechnische Abwege gerät. Die Urlaube der Familien Weissman und Houseman ähneln einander tatsächlich frappant.

Die Marke Weider ist allen Fitnessbewussten, die auf Proteinprodukte setzen, bekannt. Begründet wurde sie von den Brüdern Joe und Ben Weider, den Söhnen polnisch-jüdischer Einwanderer nach Kanada. Die beiden waren Pioniere im Bereich des Krafttrainings und Fitnesssports – sie bauten nicht nur ein Imperium für Fitnessprodukte auf, sondern entdeckten auch Arnold Schwarzenegger, unterstützten die Stärkung von Frauenrechten und traten für diversity (gesellschaftliche Vielfalt) ein. Der Spielfilm "Bigger" von George Gallo spürt den beiden Brüdern nach. Wer sich für die Welt der Bodybuilder interessiert, ist hier richtig.

Der Blick nach Israel zeigt heuer mit "Noble Savage / Pere Atzil" von Marco Carmel das Porträt zweier Ex-Junkies in Tel Aviv, die versuchen ihr Leben wieder auf Schiene zu bekommen. In "Tel Aviv on Fire" von Sameh Zoabi werden Seifenopern zum kleinsten gemeinsamen Nenner eines palästinensischen Praktikanten beim Fernsehen und eines israelischen Grenzpolizisten. "The other Story / Sipur Acher" von Avi Nesher wiederum erzählt die Geschichte zweier Rückkehrer zum Glauben. Diesen Film werden jene lieben, die gern Einblick in die Welt der Orthodoxie erhalten (wie er etwa auch in der Web Serie "Shtisel" eröffnet wird). Rückkehrer haben allerdings ein Vorleben und das dieser beiden Protagonisten ist durchaus schillernd: Denn wie ist das, wenn ein ehemals drogensüchtiger Musiker religiös wird?

"Vor möglichen Entgleisungen warnen ..."

Heitere Momente vor jedem Film verspricht heuer ein "Shalom Oida"-Trailer. Darin versucht ein Polizist ein ziemlich kleines Pferd zu besteigen, doch es misslingt. Pferde bei der Polizei? Ein Schelm, wer hier an den Innenminister denkt. Anlass für diesen Teaser des Festivals war vielmehr das Erlebnis von Nathan Spasic, der im Gespräch mit einem Polizisten "Oida" sagte und dafür eine 100-Euro-Strafe erhielt. "Mit diesem Filmchen wollen wir darauf aufmerksam machen, dass das Innehaben einer Machtposition nicht zu übertriebenen Handlungen führen sollte", halten die Festivalorganisatoren fest. Und dann doch weiter in Richtung der amtierenden Politiker: "Wir wollen auch vor möglichen Entgleisungen warnen, die durch die Politik der jetzigen österreichischen Regierung gefördert werden könnten. Weder das Aussehen noch der Dialekt eines Mitbürgers sollte zu Überreaktionen führen."

Das Festival bezieht damit klar Position. Nicht nur mit diesem Statement, sondern auch mit dem heurigen Schwerpunkt zu Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit. Ich finde es erfrischend und auch wegweisend, dass ein jüdisches Filmfestival sich hier nicht nur auf die Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus zurückzieht. Und auch wenn ich – die Organisatoren wissen es – den Ausdruck "Oida" persönlich so gar nicht leiden kann, ist es doch passend zu sagen: "Shalom, liebe Freunde". Und wenn das dann auf Wienerisch "Oida" heißt, soll es mir auch recht sein.