Vural beschönigte denn auch nichts: Antisemitismus sei ein Geschwür, wenn dieses wachse, könne es am Ende den ganzen Organismus töten. "Hass tötet, Hass ist erbarmungslos." Und ja, auch Muslime könnten diesem Hass verfallen. Dagegen trete die Islamische Glaubensgemeinschaft jedoch auf, Muslime und Juden müssten solidarisch sein, nicht zuletzt auch wegen der Anfeindungen gegen beide Gruppen. Er wagte zudem auch den Blick nach Israel: "Wenn Juden und Muslime in Österreich gemeinsam auftreten, vielleicht ist das auch ein kleiner Beitrag, dass es auch im heiligen Land zu Frieden kommt."

Ähnlich Nermina Mumic, Vorsitzende der MJÖ: "Wir können nicht leugnen, dass es auch unter MuslimInnen Antisemitismus gibt. Aber Antisemitismus als importiertes Problem darzustellen, ist zu einfach." Eineinhalb Jahre habe sich die muslimische Jugend nun mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt – in Workshops, Vorträgen, Exkursionen, unter anderem auch in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. An die 1.000 junge Menschen wurden im Zug des Projekts erreicht. Eines der Ergebnisse sei auch eine Solidarisierung zwischen Juden und Muslimen, meinte Mumic. "Die Hand, die wir ausgestreckt haben, wurde wärmstens angenommen und dafür sind wir dankbar."

Tatsächlich bedankte sich IKG-Präsident Deutsch für die Initiative der MJÖ. Ja, es gebe Antisemitismus von muslimischer Seite, betonte er und verwies auch auf problematische Stellen im Koran, wenn etwa Juden als "Abkömmlinge von Affen und Schweinen" oder als "schlimmste Feinde der Gläubigen" bezeichnet würden. Und: "Leider verbreiten einflussreiche Organisationen und sogar ganze Staaten das, was zu Hass führt: antisemitische Verschwörungstheorien und Stereotype. Hier geht es nicht nur um die Auseinandersetzung mit Israel, sondern auch um religiös begründete Feindseligkeit gegenüber Juden und Judentum."

Sorgen ernst genommen

Umso wichtiger sei die ehrliche Auseinandersetzung mit den Problemen. Das Projekt der muslimischen Jugend sei "der richtige Weg, denn nur wenn der Antisemitismus in den eigenen Reihen bekämpft wird, kommen wir weiter". Und auch die bisherigen Gespräche mit Präsident Vural seien "geprägt von Respekt und Ehrlichkeit" gewesen. "Unsere Sorgen bezüglich der Aktivitäten von Muslimbruderschaft und anderen Akteuren des politischen Islam werden ernst genommen. Ich danke Ihnen dafür", so der IKG-Präsident zu Vural.

In der Publikation "MuslimInnen gegen Antisemitismus. Gedenken. Begegnen. Bewegen", welche das Projekt der muslimischen Jugend dokumentiert, heißt es in der Einleitung: "Als im Jahr 2017 die öffentliche Debatte rund um einen sogenannten ‚islamischen Antisemitismus’ immer oberflächlicher und undifferenzierter geführt wurde, war uns klar, dass wir uns mit unserem Engagement und unseren Erfahrungen einbringen mussten. Es ging nicht darum, Antisemitismus als Phänomen innerhalb der muslimischen Communities zu leugnen. Uns war stets klar, dass ein latenter und ein manifester Antisemitismus unter Teilen der MuslimInnen vorhanden ist. Darüber wollen – ja, darüber müssen – wir reden. Der Vorwurf aber, dass ein Großteil der antisemitischen Einstellungen und Handlungen in Österreich, vor allem geflüchtete Menschen oder gar ausschließlich MuslimInnen zu verantworten hätten – entsprach weder unseren Erfahrungen noch wollten wir dies so stehen lassen."