Heute fallen jede Menge Locken. In vielen orthodoxen jüdischen Familien (vor allem in chassidischen) lassen Eltern die Haare ihrer kleinen Buben bis zum Alter von drei Jahren wachsen. Dann werden sie abgeschnitten und nur zwei Strähnen im Bereich der Ohren bleiben lang – sie bilden fortan die Pejes. "Ihr sollt nicht rund abnehmen die Seitenenden eures Haupthaares, und nicht zerstören die Enden eures Bartes", heißt es in Wajikra, dem 3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 27. Der erste Teil dieses Verses bezieht sich auf das Kopfhaar und verbietet Männern das Abschneiden der Haare unterhalb der Schläfen auf Höhe der Mitte des Ohrs.

Der Teil des Haares, der lang bleibt, wird als Pejes bezeichnet. Pejah bedeutet auf Hebräisch Ecke. Manche Männer lassen das Haar an dieser Stelle nur etwas länger als den Rest des Haupthaares wachsen, andere schneiden diese Strähnen gar nicht und drehen sie zu zwei Korkenzieherlocken. So kommen die Pejes auch zu ihrem deutschen Namen: Schläfenlocken.

Die Tora nennt allerdings keinen expliziten Grund für die Notwendigkeit der Pejes. Das schafft Raum für verschiedenste Interpretationen. Rambam (1135-1204) etwa meinte, die Schläfenlocken dienen zur sichtbaren Unterscheidung von den "Götzendienern". Im Sohar, einem Werk der Kabbala, wiederum wird erklärt, die Pejes kanalisieren die Energie des Geistes.

Warum aber fallen gerade heute viele Haare? Zwischen Pessach (Erinnerung an den Auszug aus Ägypten) und Schawuot (Wochenfest, mit dem an den Empfang der Zehn Gebote erinnert wird) ist eine Trauerzeit. Diese beträgt 49 Tage und diese werden gezählt, hier spricht man vom Omer-Zählen. In dieser Zeit dürfen keine Familienfeste wie etwa Hochzeiten gefeiert werden – mit Ausnahme vom Lag BaOmer, dem 33. Tag.

Freudentag

Lag BaOmer ist in diesem Jahr heute – der Tag begann, wie bei jüdischen Feiertagen üblich, gestern abends und endet mit dem heutigen Sonnenuntergang. Zu Lag BaOmer gibt es traditionell Lagerfeuer und Picknicks (wenn ich eben aus dem Fenster sehe, werden diese heuer jedenfalls in Wien eher ausbleiben). Warum ist Lag BaOmer ein Freudentag? An diesem endete das Sterben der Schüler von Rabbi Akiba. Rabbi Akiba, geboren etwa im Jahr 50 n. Chr., gestorben 135 n. Chr., gehört zu den wichtigsten Vätern des rabbinischen Judentums. Er wirkte zur Zeit des Zweiten Tempels. An die 24.000 seiner Schüler starben während des Aufstands gegen die Römer.