Das ist das eine Österreich. Das andere zeigt sich nun seit Tagen mit einem Engagement, das Hoffnung gibt. Verschiedene Organisationen – darunter die young Caritas, die Muslimische Jugend Österreichs (MJÖ), die Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen (JÖH), die Katholische Jugend, die Theaterinitiative Nesterwal – riefen zur Aktion "Wir passen auf!" auf. Viele andere aus der Zivilgesellschaft gesellten sich inzwischen zu ihnen und trotz Regens werden die Bilder nun rund um die Uhr bewacht. Das führt zu rührenden Szenen, wenn etwa der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister jungen Muslimen und Musliminnen zum abendlichen Fastenbrechen veganes Essen mitbringt oder der Bundespräsident mit seinem Hund vorbeischaut, um sich bei jenen zu bedanken, die zeigen, dass es eben auch noch ein anderes Österreich gibt. Die Fotos werden zudem nicht nur bis zum geplanten Ende der Ausstellung am morgigen Freitag bewacht, sondern die zerschnittenen wurden inzwischen auch wieder zusammengenäht. Und Menschen haben Blumen vor die Porträts gelegt.

Sündenböcke

Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik, meinte dieser Woche angesichts der Beschädigung einiger ausgestellter Porträts, sie sei "zutiefst schockiert" und appellierte: "Wehret den Anfängen!". Das ist eine wichtige Forderung, nur stelle ich mir nicht erst seit dieser Woche die Frage: Sind die Anfänge nicht schon längst vorbei? Waren die Anfänge nicht dort, wo, auch durch Regierungspolitik, Geflüchtete und Muslime ausgegrenzt und zu Sündenböcken gemacht wurden?

Einerseits. Andererseits zeigt das aktuelle Engagement der Zivilgesellschaft am Ring, dass es eben auch ein starkes anderes Österreich gibt. Es ist das Österreich, dass 2015 unmöglich Scheinendes bewältigte und zigtausenden Geflüchteten unter die Arme griff. Es ist das Österreich, das bei Katastrophen aller Art einspringt und Nächstenliebe mit Leben erfüllt. Es ist nicht zuletzt auch das Österreich, das am Ende dafür sorgte, dass Alexander Van der Bellen heute in der Hofburg sitzt.

IKG-Präsident Deutsch sprach diese Woche angesichts der Zerstörung der Installation Toscanos von "Symbolen der Dunkelheit". Doch die Wienerinnen und Wiener hätten durch ihre Mahnwachen auch so viel Licht gebracht und dieses Licht sei die Mehrheit. Diese Welle der Solidarität sei berührend. Liebe ist größer als Hass, mit diesem Slogan berührt die Caritas auch auf Plakaten seit geraumer Zeit. Diese Woche zeigte, dass dem auch so ist.

Und insoferne sind Anfänge heute eben auch etwas anderes als die Anfänge in den 1930er Jahren. Damals wussten die Menschen nicht, was da genau auf sie zukommen würde. Heute weiß man, wie es enden könnte. Und auch wenn es nicht alle so sehen und auch nicht alle wahrhaben wollen, gibt es doch viele, die alle Zeichen ernst nehmen. Die Zivilgesellschaft ist stark. Vielleicht hat sie nicht die Mehrheit im Land. Vielleicht werden ihre Interessen auch in absehbarer Zeit nicht durch die Regierung repräsentiert werden. Aber sie ist da. Sie zeigt auf. Sie verhindert, dass das Schlimmste passiert. Das ist beruhigend.

Eines der Fotos, das zerschnitten und wieder zusammengenäht wurde, wird übrigens in die Sammlung des Hauses der Geschichte Österreich (hdgö) aufgenommen. Das gab die Direktorin des hdgö, Monika Sommer, diese Woche bei einem Besuch der Ausstellung und der Mahnwache Haltenden bekannt. Ich halte das für eine wunderbare Idee. Denn dieses Objekt, entstanden aus dem Antrieb, gegen das Vergessen zu arbeiten, zerstört durch einen oder eine Ewiggestrige/n, aus dem oder der der Hass spricht, repariert durch eine aufmerksame Zivilgesellschaft, versinnbildlicht auf eindrückliche Weise die Verfasstheit des heutigen Österreich. Es ist ein Österreich, das sich hinterhältig und gestrig und herzlich und zukunftsgewandt zeigt. Es ist ein Österreich, in dem es dann doch wieder Momente gibt, die von Miteinander und Solidarität geprägt sind.