Die Historikerin Shoshana Duizend-Jensen bei der Verleihung des diesjährigen Leon Zelman-Preises. - © Alexia Weiss
Die Historikerin Shoshana Duizend-Jensen bei der Verleihung des diesjährigen Leon Zelman-Preises. - © Alexia Weiss

Sie wirkt leise, elegant, fast zerbrechlich. Aber eigentlich ist sie laut, hartnäckig und sehr überzeugend. Sie wird nicht ausfallend, aber findet klare Worte. Sie spaziert zwischen säkularer und orthodoxer Welt und hat sich ihren ganz eigenen Platz geschaffen: Shoshana Duizend-Jensen. Zum siebenten Mal wurde heuer der Leon Zelman-Preis verliehen, am 12. Juni, denn an diesem Tag im Jahr 1928 war der inzwischen verstorbene Holocaust-Überlebende, Brückenbauer, Begründer des Jewish Welcome Service und des Jüdischen Echo, Leon Zelman, geboren.

Die Zeremonie findet alljährlich im Stadtsenatsitzungssaal im Rathaus statt. Viele Stufen sind da emporzusteigen und wenn ich mich an die Ehrungen der vergangenen Jahre zurückerinnere, war es an diesem Tag oft sehr heiß, wie gestern. Und dieses – in diesem Fall feine - Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Gefühl, das macht sich dann auch breit, wenn man schließlich im (gekühlten) Saal angekommen ist und so viele Bekannte und Freunde sieht. Bei der gestrigen Auszeichnung für Shoshana waren es noch mehr als bei vorangegangenen Ehrungen. Da kamen ihre Familie und ihre Freunde und Freundinnen aus der jüdischen Gemeinde, um zu gratulieren, da kamen Historiker und Historikerinnen, da kamen Vertreter der Zivilgesellschaft.

Der Leon Zelman-Preis zeichnet Personen oder Initiativen aus, die sich im Sinn Zelmans aktiv für die Erinnerung an die Schoa und den Dialog zwischen dem heutigen Österreich und den Opfern der NS-Verfolgung und ihren Nachkommen einsetzen. Der Preis würdigt aber auch zivilgesellschaftliches Engagement, Eintreten gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Verschwundenes sichtbar machen

"Die Preisträgerin Shoshana Duizend-Jensen setzt sich seit vielen Jahren umfassend mit der Entrechtung, Beraubung, Vertreibung und Verfolgung Wiener Jüdinnen und Juden auseinander. In ihrer Arbeit als Historikerin macht Duizend-Jensen zerstörtes und verschwundenes jüdisches Leben in der Stadt sichtbar und zeigt die vielen Leerstellen, die in Wien während der NS-Zeit, aber auch nach 1945 entstanden sind, auf. Durch ihre Ausstellungen und Publikationen trägt sie dazu bei, das Bewusstsein der Öffentlichkeit in Bezug auf die Schoa und deren Folgen zu schärfen und zu sensibilisieren. Ihr Engagement und ihre Empathie spiegeln sich nicht nur in ihrer wissenschaftlichen Arbeit und deren Vermittlung, sondern auch in ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement in der Flüchtlingshilfe wider", so die Begründung der Jury, die Auszeichnung heuer an Shoshana zu verleihen.

Vieles von dem, was Shoshana ist, wird hier angesprochen. Als Historikerin im Wiener Stadt- und Landesarchiv bemüht sie sich seit Jahren darum, das jüdische Leben in Wien bis 1938 nachzuzeichnen und zu dokumentieren (auch nachzulesen in ihren vielen Einträgen im Wien Geschichte Wiki), aber auch die Brücken in das Jetzt zu schlagen und auf die Versäumnisse in den Nachkriegsjahrzehnten hinzuweisen. Es genüge nicht, Jugendliche als Pflichtprogramm durch Mauthausen zu führen, meint sie. "Ich möchte gerne daran mitwirken, Jugendliche mit jüdischen Schicksalen und jüdischen, verschwundenen Institutionen in ihrer Wohn- und Schulumgebung zu konfrontieren und auf diese Weise Vergangenheit lebendig werden zu lassen."

Weil die Verantwortung für das, was in der NS-Zeit passierte, für sie aber nicht mit 1945 endet, berührte sie das Schicksal derer, die 2015 nach Europa aus Syrien, Afghanistan, dem Irak flüchteten. Sie hatte das Gefühl, helfen zu wollen, helfen zu müssen. Bis heute begleitet sie eine afghanische Familie im Rahmen von "Shalom Alaikum – Jewish Aid for Refugees", meint dazu aber, wie immer bescheiden, sie wisse, dass noch viel mehr zu tun wäre.

Doch im Leben von Shoshana gibt es noch viel mehr Facetten. Das Judentum fiel ihr nicht in den Schoss. Ihr jüdischer Vater Bernhard "Bobby" Jerusalem, später Jensen, starb noch vor ihrer Geburt, und so war es das Aufwachsen mit einer tragischen Fehlstelle und ohne Erwähnen der tragischen Familiengeschichte, das schließlich in ihr den Wunsch groß werden ließ, zum Judentum überzutreten. Das ist kein leichtes Unterfangen – wer konvertiert muss Jahre des Lernens auf sich nehmen und zeigen, dass er oder sie sich an die Ge- und Verbote der Tora hält. Aber Shoshana war und ist das wichtig. Heute gehört sie als eine der ersten Frauen dem Tempelvorstand der Synagoge in der Seitenstettengasse an.

Kampf um Entschädigung

Auch in anderen Belangen musste sie von klein auf kämpfen. Eigentlich wollte Shoshana (sie kam 1961 in Wien zur Welt) Kindergärtnerin werden. Man ließ sie aber auf Grund ihrer Beeinträchtigung nicht zur Ausbildung zu. Shoshana kam mit Missbildungen an beiden Armen, Händen und am Herzen zur Welt. Der Grund dafür sollte sich ihr – wie ihre Herkunft - auch erst im Erwachsenenalter erschließen. Ihre Mutter hatte in der Schwangerschaft – als ihr Mann plötzlich und unerwartet starb – das Medikament Softenon (mit dem Wirkstoff Thalidomid, das seit 1959 in Deutschland als Contergan rezeptfrei verkauft wurde) eingenommen, um schlafen zu können. Dennoch maturierte Shoshana und studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Judaistik. Sie kämpfte aber auch viele Jahre um eine Entschädigung. 2008 gründete sie gemeinsam mit zwei anderen Frauen die "Selbsthilfegruppe der Contergan- und Thalimodidgeschädigten Österreichs", die schließlich eine einmalige Entschädigung für die Contergangeschädigten Österreichs erreichte.

Für Shoshanas Mutter, Hedwig Jensen, war die Beeinträchtigung der Tochter "eine so schwere seelische Belastung, dass sie nie mit mir darüber sprach", sagt Shoshana, umso mehr, da sie, wie auch der Vater, selbst Medizinerin war. Das Verhältnis der beiden Frauen ist dennoch herzlich, und so war die Emotionalität zu spüren, als sich Shoshana im Rahmen der gestrigen Ehrung bei ihrer Mutter bedankte, die, 93jährig und etwas wackelig auf den Beinen, aber sichtlich stolz auf ihre Tochter ins Rathaus gekommen war.

Gegen Verzerrung des Jetzt

Shoshana ist aber auch eine emsige Demonstrantin. Oft ging sie in den vergangenen Jahren auf die Straße, zuerst, wenn es um die stetige Verschlechterung im Umgang mit Geflüchteten ging, später, als die Regierungsbeteiligung der FPÖ wahr wurde. Für sie ist das "Niemals wieder" keine hohle Phrase. Für Shoshana bedeutet es, gegen Unrecht für jeden, der davon betroffen ist, aufzustehen. Wenn eine Demonstration auf einen Samstag fällt, geht sie trotz Schabbes mit und hält dabei dennoch die Ruhegebote ein. Statt mit der U-Bahn zum Protestmarsch zu fahren, geht sie zu Fuß hin. Auch wenn es kalt ist. Auch wenn es regnet.

Die Laudatio hielt Mittwoch Abend die Politikwissenschafterin Barbara Serloth, mit der Shoshana seit Studienzeiten befreundet ist. Shoshana beleuchte alles Gewesene tabulos, unterstrich sie, und: "Shoshana holt in ihrer Arbeit das Vergangene in die Gegenwart." Dabei weise sie auch immer wieder auf die Gleichgültigkeit und die Kontinuitäten in den Wertehaltungen auch in der Zweiten Republik hin. "Menschen wie Shoshana arbeiten nicht nur gegen das Vergessen, sondern auch gegen die Verzerrung des Jetzt."

Liebe Shoshana, auch von mir an dieser Stelle: Ein herzliches Mazel tov!