Die große Pride Parade ist über die Bühne gegangen: Wien hat einmal mehr seine weltoffene Seite gezeigt. Insgesamt hat Österreich viele Gesichter: Da gewinnt eine Conchita den Eurovision Song Contest und wird dafür ebenso bejubelt wie ein Andreas Gabalier für seine Auftritte mit Akkordeon und Krachlederner.

Regenbogenfahne mit Davidstern am Stand von "Stop the bomb" beim jüdischen Straßenfest am Judenplatz. - © Alexia Weiss
Regenbogenfahne mit Davidstern am Stand von "Stop the bomb" beim jüdischen Straßenfest am Judenplatz. - © Alexia Weiss

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass aus Deutschland nicht Meldungen kommen, dass jemand, der als Jude im Straßenbild sichtbar ist, attackiert oder angepöbelt wurde – oder jemand überhaupt davor warnt, mit Kippa auf die Straße zu gehen. Nun verstehe ich den Einzelnen, der sagt, ich will mich keiner Gefahr aussetzen, da packe ich doch lieber noch eine Baseballkappe über meine Kippa und laufe nicht Gefahr, als Jude erkannt zu werden. Die Frage ist dann allerdings: Will ich so leben? Will ich in einem Land leben, indem ich mich in Gefahr begebe, wenn ich in der Öffentlichkeit zu meiner Identität stehe?

In Österreich ticken die Uhren diesbezüglich etwas anders. Ja, auch hier berichten Mitglieder der orthodoxen Teile der jüdischen Gemeinde, dass es immer wieder zu Pöbeleien kommt. Tätliche Angriffe sind aber die absolute Ausnahme, wie auch der jährliche Bericht des Forums gegen Antisemitismus zeigt. Da mag das umfassende Sicherheitskonzept der Kultusgemeinde und die diesbezüglich gute Zusammenarbeit mit der österreichischen Polizei eine Rolle spielen. Da helfen aber auch Initiativen wie jene der Muslimischen Jugend Österreichs, die sich aktiv mit Antisemitismus auseinandersetzen und Kontakt zur jüdischen Gemeinde suchen.

Festival der jüdischen Kultur

Selbstbewusst hinausgehen, sich zeigen, sich öffnen: diesen Weg geht die Wiener jüdische Gemeinde nun schon seit vielen Jahren. Einer der diesbezüglichen Höhepunkte ist das jährliche Straßenfest, das am gestrigen Sonntag am Judenplatz stattfand. Eingebettet in das Festival der jüdischen Kultur, das sich heuer bis 25. Juni dem Nachbarland Italien widmet, präsentiert sich die jüdische Gemeinde bei diesem Fest in der Vielfalt, die sie ausmacht: Vom Rabbinat bis zu den jüdischen Schulen, von Jugendorganisationen bis zum Frauen-Wohltätigkeitsverein, von der Friedensinitiative Peacecamp bis zur Schmuckdesignerin reicht die Palette der Informationsstände. Gastronomisch reichte das Angebot auch heuer wieder von Falafeln bis zu koscher-veganem Eis.

Ein Fest der Lebensfreude im Freien, mitten in Wien: Ja, natürlich wird das Thema Sicherheit dann groß geschrieben – wer den Judenplatz betreten wollte, musste durch eine Sicherheitsschleuse. Aber dennoch. In Wien können solche Events ohne Zwischenfälle stattfinden. In Wien finden sich genügend Interessierte, die kommen und mitfeiern (unter ihnen auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen sowie die ÖVP- beziehungsweise SPÖ-Politikerinnen Karoline Edtstadler und Pamela Rendi-Wagner).

Stolz und laut zeigen, wer man ist: Das funktioniert hier zu Lande auf der Pride Parade, das funktioniert aber auch mit dem jährlichen jüdischen Straßenfest. Stolz und laut kann aber nur der auftreten, der sich halbwegs sicher wähnt. Antisemitismus ist auch in Österreich ein Thema, keine Frage. Es gibt aber eben auch das andere Österreich, das sich mitfreut, wenn das österreichische Judentum ein kräftiges Lebenszeichen von sich gibt.

Eine Pride Flagge mit Davidstern hat am Sonntag übrigens die irankritische Plattform "Stop the bomb" an ihrem Stand am Straßenfest angebracht. Während man in Israel als Homosexuelle/r unbehelligt leben kann, droht einem dafür im Iran der Tod. Nun mag es auch in der jüdischen Orthodoxie Vertreter geben, die Homosexualität als etwas Unnatürliches sehen, das bekämpft werden muss. In Wien ist hier die Toleranz seitens der Gemeinde jedenfalls spürbar. Die Reformcommunity Or Chadasch hält sogar jedes Jahr einen Pride Schabbat ab – dabei halten die Regenbogenfarben auch Einzug in die kleine Synagoge in der Robertgasse.

Wer laut ist, ist sichtbar und wer sichtbar ist und dies als Selbstverständlichkeit lebt, schafft sich seinen Platz in der Gesellschaft. Durchs Lautsein wird dieser auch positiv besetzt. Sichtbarsein kann auch mit An-den-Rand-gedrängt-Werden einhergehen. Das zeigen die Attacken auf Kippa-tragende Juden in Deutschland. Das jüdische Straßenfest hat hier eine ganz andere Botschaft. Es zeigt: Das ist die Wiener jüdische Gemeinde mit all ihren vielen Facetten: Fühlt euch eingeladen, kommt, genießt die Musik, kostet etwas aus der jüdischen Küche, kurz: fühlt euch wohl. Brücken bauen statt sich zurückzuziehen. Vielleicht ist das ja ein durchaus tauglicher Ansatz, sich gegen Antisemitismus zur Wehr zu setzen.