Ein Fest der Lebensfreude im Freien, mitten in Wien: Ja, natürlich wird das Thema Sicherheit dann groß geschrieben – wer den Judenplatz betreten wollte, musste durch eine Sicherheitsschleuse. Aber dennoch. In Wien können solche Events ohne Zwischenfälle stattfinden. In Wien finden sich genügend Interessierte, die kommen und mitfeiern (unter ihnen auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen sowie die ÖVP- beziehungsweise SPÖ-Politikerinnen Karoline Edtstadler und Pamela Rendi-Wagner).

Stolz und laut zeigen, wer man ist: Das funktioniert hier zu Lande auf der Pride Parade, das funktioniert aber auch mit dem jährlichen jüdischen Straßenfest. Stolz und laut kann aber nur der auftreten, der sich halbwegs sicher wähnt. Antisemitismus ist auch in Österreich ein Thema, keine Frage. Es gibt aber eben auch das andere Österreich, das sich mitfreut, wenn das österreichische Judentum ein kräftiges Lebenszeichen von sich gibt.

Eine Pride Flagge mit Davidstern hat am Sonntag übrigens die irankritische Plattform "Stop the bomb" an ihrem Stand am Straßenfest angebracht. Während man in Israel als Homosexuelle/r unbehelligt leben kann, droht einem dafür im Iran der Tod. Nun mag es auch in der jüdischen Orthodoxie Vertreter geben, die Homosexualität als etwas Unnatürliches sehen, das bekämpft werden muss. In Wien ist hier die Toleranz seitens der Gemeinde jedenfalls spürbar. Die Reformcommunity Or Chadasch hält sogar jedes Jahr einen Pride Schabbat ab – dabei halten die Regenbogenfarben auch Einzug in die kleine Synagoge in der Robertgasse.

Wer laut ist, ist sichtbar und wer sichtbar ist und dies als Selbstverständlichkeit lebt, schafft sich seinen Platz in der Gesellschaft. Durchs Lautsein wird dieser auch positiv besetzt. Sichtbarsein kann auch mit An-den-Rand-gedrängt-Werden einhergehen. Das zeigen die Attacken auf Kippa-tragende Juden in Deutschland. Das jüdische Straßenfest hat hier eine ganz andere Botschaft. Es zeigt: Das ist die Wiener jüdische Gemeinde mit all ihren vielen Facetten: Fühlt euch eingeladen, kommt, genießt die Musik, kostet etwas aus der jüdischen Küche, kurz: fühlt euch wohl. Brücken bauen statt sich zurückzuziehen. Vielleicht ist das ja ein durchaus tauglicher Ansatz, sich gegen Antisemitismus zur Wehr zu setzen.