Jüdische Gemeinden funktionieren anders als katholische Pfarrgemeinden. Und das Gebet in einer Synagoge läuft völlig anders ab als eine Messe in einer Kirche. Das wurde mir diese Woche wieder einmal eindrücklich vor Augen geführt. Anfang dieser Woche gab der Kultusvorstand bekannt, dass der Dienstvertrag von Oberrabbiner Arie Folger auf dessen Wunsch einvernehmlich beendet wurde. Was nun, fragten mich viele, und das vor allem Menschen außerhalb der Gemeinde. Was sei passiert, wurde gefragt, und immer schwang da mit: Gab es irgendwelche Ungereimtheiten?

Der Vertrag von Oberrabbiner Arie Folger wurde einvernehmlich aufgelöst. Der Betrieb des Stadttempels wird aber uneingeschränkt fortgeführt. - © Alexia Weiss
Der Vertrag von Oberrabbiner Arie Folger wurde einvernehmlich aufgelöst. Der Betrieb des Stadttempels wird aber uneingeschränkt fortgeführt. - © Alexia Weiss

Der Rabbiner einer Gemeinde wird nicht von einer übergeordneten Instanz berufen, es gibt eben keine Instanz wie den Vatikan in der katholischen Kirche. Insgesamt sind die Hierarchien der beiden Religionsgemeinschaften nicht miteinander vergleichbar. Eine Gemeinde sucht sich einen Rabbiner aus und ein Rabbiner sucht sich eine Gemeinde aus. Verträge sind in den ersten Jahren zuweilen befristet oder können schon auch einmal vorzeitig beendet werden. Rabbiner haben Familie und auch ihre Rolle ist eine gänzlich andere als die von Priestern: Rabbiner sind Rechtsgelehrte und nicht vorrangig Seelsorger, obwohl sie natürlich auch seelsorgerische Aufgaben übernehmen.

Der Kantor leitet das Gebet

Durch einen Gottesdienst führt auch nicht der Rabbiner, sondern der Kantor. Er leitet die Tefilot, die Gebete. Es gibt jemanden, der leint, also aus der Tora liest. Und es gibt jemanden, der die Drashot, die Predigten, hält. Oft ist dies der Rabbiner. Es muss aber nicht ein Rabbiner sein. Insoferne laufen die Gebete im Wiener Stadttempel ohne großen Einschnitt weiter. Und auch wer Fragen an das Rabbinat hat, etwa in familienrechtlichen Angelegenheiten oder in Sachen Kaschrut, also Speisegesetze, steht nicht vor verschlossenen Türen: Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister ist hier wie auch schon bisher Ansprechpartner.

War der scheidende Oberrabbiner beliebt, war er unbeliebt, wurde ich gefragt. Was soll man auf eine solche Frage antworten? Ich denke, da ist keine Antwort mit einem Ja oder einem Nein möglich. Wie in jeder Gemeinde bilden sich Grüppchen heraus, die einen zählen sich zu den Unterstützern, die anderen zu den Kritikern, den dritten ist es recht egal, da sie die Synagoge sowieso höchst selten besuchen. Auch das ist in jüdischen Gemeinden völlig normal und durchaus Material für Anekdoten und Witze.

Schwieriger wird es, wenn von außen eine Einschätzung vorgenommen wird, die medial dann so verbreitet wurde: Oberrabbiner Folger sei ein Hardliner, war da schon vor seinem Amtsantritt im Herbst 2016 zu lesen. Der scheidende Oberrabbiner ist aber vor allem eines: ein orthodoxer Rabbiner. Und das hat er in einer Synagoge wie dem Stadttempel, der nach orthodoxem Ritus geführt wird, auch zu sein. Der Kultusvorstand wird nun eine Kommission einsetzen, die eine Ausschreibung für die Stelle durchführen wird.

Ein orthodoxer Rabbiner für eine orthodoxe Synagoge

Auch der neue Oberrabbiner wird kein schillernder, poppiger, ultra-moderner Rabbiner sein. Wien hat mit Or Chadasch eine Reformgemeinde. Aber der Stadttempel, auch wenn die Tempelbesucher nicht alle strikt orthodox leben, ist eine orthodox geführte Synagoge. Es hat also wenig mit modernem Spirit oder Hardliner-Sein zu tun, wenn ein Rabbiner für das steht, was die Halacha, das jüdische Recht, vorgibt. Aber natürlich gibt es gesellschaftspolitisch aufgeschlossenere und weniger aufgeschlossenere Rabbiner. Das heißt dann allerdings nicht, dass ein toleranter Rabbiner von den Regeln abweicht. Es heißt nur, dass er andere nicht verurteilt, die nicht eins zu eins nach den Regeln leben, die das orthodoxe Judentum vorgibt.

In Wien ist bis heute der langjährige Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg vielen Menschen ein Begriff. Er ist ein legendärer Sänger und Anekdotenerzähler und die Sympathien für ihn waren über die Jahre auch in der nichtjüdischen Öffentlichkeit groß. Es darf nun allerdings nicht erwartet werden, dass jeder Rabbiner auch ein Entertainer ist. Jeder Rabbiner hat wohl seine individuellen Stärken und Schwächen. Einerseits. Andererseits müssen Gemeinde und Rabbiner zusammenwachsen. Das ist ein Prozess. Immer. Manchmal gelingt das mehr, manchmal weniger.

In Folgers Amtszeit Beit Din in Wien etabliert

Oskar Deutsch, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, dankte Oberrabbiner Folger heute, Donnerstag, für seine Zeit in Wien. Er habe viel für die Gemeinde geleistet. In der Amtszeit Folgers wurde etwa in Wien ein international anerkannter Beit Din, also ein Rabbinatsgericht, etabliert. Geleitet wird dieses von Rabbiner Jakov Hotoveli. Aber auch andere Dinge haben sich zuletzt im Stadttempel geändert: Das Statut wurde vom Kultusvorstand dahingehend geändert, dass der Tempelvorstand einerseits von den Betenden direkt gewählt wird und andererseits auch erstmals Frauen aufgenommen wurden. Ein bisschen 21. Jahrhundert ist also auch in dieser orthodoxen Synagoge angekommen.

Mit einer Entscheidung, wer neuer Oberrabbiner werden wird, ist nicht so rasch zu rechnen. Doch, siehe oben, das Gebet im Stadttempel ist davon nicht tangiert, zumal es mit Oberkantor Shmuel Barzilai einen routinierten Kantor gibt, der nicht erst seit kurzem durch die Gottesdienste führt. Ja, wenn ein Oberrabbiner beschließt, eine Gemeinde zu verlassen, ist kein Hurrageschrei angebracht. Und wenn eine Gemeinde beschließt, sich von einem Oberrabbiner zu trennen, ebenso nicht. In diesem Fall wurde der Vertrag einvernehmlich beendet.