Diese Woche sind "Kinder" in Wien, und, wie die Präsidentin der "Kindertransport Association", Melissa Hacker, am gestrigen Montag sagte, "children of a Kind". Sie sind aus den USA angereist um sich im Rahmen einer "Kindertransport Journey" mit mehreren Stationen in Europa (Wien, Berlin, Amsterdam, Harwich, London) gemeinsam an ihre Rettung vor dem nationalsozialistischen Terrorregime zu erinnern. "Kind" wird als Begriff auch im Englischen benutzt, was für Deutschsprechende etwas eigentümlich anmutet, wenn es sich um bereits sehr betagte Personen handelt, und damit sind eben jene Jüdinnen und Juden gemeint, die im Kindesalter mit einem "Kindertransport" in Sicherheit gebracht werden konnten.

Da stehen sie also vor einem, die über 80jährigen "Kinder". Über die Jahre habe ich schon mit einigen "Kindern" gesprochen. Gestern kam ich mit einer Dame ins Gespräch, die im Rahmen eines Transports von Wien nach England geschickt wurde und heute in New York lebt. Sie hat überlebt und sie hatte auch noch das große Glück, dass ihre Eltern überlebt haben. Aber dennoch sind die seelischen Narben unüberhörbar. Etwa, wenn sie schildert, dass ihre Eltern Österreich bereits verlassen hatten und sie bei ihrer Großmutter in Wien blieb. Und als es dann darum ging, am Westbahnhof in den Zug einzusteigen, da krallte sie sich vor lauter Angst, nun allein zu sein, so an der Großmutter fest, dass man jeden Finger einzeln lösen musste.

Und dann in London angekommen, sei sie mit einem anderen Mädchen mit identem Namen verwechselt worden. Das andere Kind sei Waise gewesen und sollte von einem englischen Paar aufgenommen werden. Sie habe aber eine Mutter gehabt, die bereits in England lebte und dort als Dienstmädchen arbeitete. So landete sie statt bei der Mutter bei dem Paar. Eine Woche habe es gedauert, bis dieses Missverständnis aufgeklärt habe werden können. Diese Woche sei ihr als Kind jedoch wie eine Ewigkeit vorgekommen. Endlich mit der Mutter vereint, zeigte sich, diese habe sie nicht zu sich nehmen können, da sie ja als Hausangestellte arbeitete. So fand sich das kleine Mädchen in einer boarding school, also einem Internat wieder. Dort hat es ihr à la longue zwar ganz gut gefallen, aber diese Verlustängste, diese Brüche, sie sind bis heute spürbar. Bis heute weiß die nunmehr betagte Dame ganz genau, wie sie sich damals gefühlt hat.

Beim Denkmal am Westbahnhof

Die "Kinder" und "children of a Kind" besuchten gestern im Rahmen ihres vom Jewish Welcome Service unterstützten Wien-Besuchs auch das von Milli Segal initiierte und von Flor Kent geschaffene "Kindertransport"-Denkmal am Westbahnhof. Das ist ein gutes Fotomotiv und so waren auch einige Journalisten und Fotografen bei dem Termin. Ist es richtig, die heute schon so betagten Überlebenden immer wieder zur NS-Zeit zu befragen, wurde da unter Kollegen erörtert. Eine schwierige Frage. Ja, wenn sie selbst darüber sprechen möchten, nein, wenn es für sie eine Belastung ist. Ich merke, wie ich über die Jahre immer vorsichtiger werde, Überlebende im Rahmen von solchen Settings anzusprechen. Ich tue es dann, zögerlich, und wenn ich merke, ja, es scheint für das Gegenüber okay zu sein, darüber zu sprechen, dann führe ich das Gespräch. Behutsam. Wer sprechen möchte, der braucht dann nicht viel Nachfragen, der sagt, was er oder sie sagen möchte.

Ebenfalls in der Kollegenschaft aufgeworfen: Gut, dass es so viel Interesse an den Überlebenden von damals gibt. Eigentlich sollte man aber doch den Blick auf das Heute richten – auch wenn die damalige Situation mit der heutigen nicht vergleichbar sei. Das Thema wurde an dieser Stelle schon mehrmals erörtert. Allerdings finde ich die Frage eine sehr berechtigte: Wer spricht eigentlich mit den Kindern, die heute flüchten? Was haben sie erlebt? Welche Traumata haben sie?

Wer hilft bei Traumata?

Heute wissen wir um diese Traumata und wir wissen auch, was sie mit Menschen machen. Und nicht nur mit ihnen selbst, sondern auch mit ihren Kindern und Enkeln – Stichwort: transgenerationale oder weitergegebene Traumata. Therapieplätze gibt es für die geflüchteten Kinder heute dennoch kaum. Doch abseits von Therapie: Auch ein gesellschaftliches oder mediales Interesse ist hier kaum spürbar.

Und ja, da sehe ich dann doch wieder eine Parallele zum Damals. Menschen, die sich retten konnten, waren, auch in der Eigenwahrnehmung, Emigranten oder "im Exil". Doch eigentlich waren sie Flüchtlinge. Dass sie auch Opfer waren, das Bewusstsein darüber hat sich erst nach den Waldheim-Jahren, erst mit der Arbeit des Nationalfonds gebildet. Mit den Brüchen in den Lebensgeschichten kämpfen viele jüdische Familien bis heute.

Wenn es um Flüchtlinge geht (wenn diese Menschen denn überhaupt noch als solche bezeichnet werden, immer öfter ist von Migranten die Rede, was aus meiner Sicht eine unzulässige Beschönigung darstellt), ist der Fokus der Wahrnehmung einerseits auf den Zuständen in Syrien, Afghanistan, im Irak. Es wird berichtet, wie viele Menschen die Flucht nicht überleben oder unter welchen unmenschlichen Umständen sie inzwischen in Flüchtlingslagern im Libanon, wo kürzlich Unterkünfte von den Behörden vernichtet wurden, in Libyen, wo eben erst bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager 35 Menschen getötet wurden, aber auch in Griechenland oder in Bosnien vor sich hin vegetieren. Und es geht um die begrenzte Aufnahmefähigkeit in Europa.

Jene Menschen aber, die es bis Österreich geschafft haben, jene, die vielleicht sogar schon einen positiven Asylbescheid erhalten haben, sie werden teils als Bedrohung wahrgenommen, als unerwünschte Eindringlinge in die Gesellschaft hier. Sie werden teils als Menschen wahrgenommen, denen es zu helfen und die es mit gemeinsamer Hilfe zu integrieren gilt. Wer aber setzt sich nach dem Asylverfahren, in dem die Befragungen teils wenig rücksichtsvoll durchgeführt wurden, mit dem auseinander, was diese Menschen in ihrem Heimatland und auf der Flucht erlebt haben? Vor allem aber, wer fragt die Kinder?

Wenn ich heute spüre, wie sehr eine inzwischen betagte Dame noch immer unter dem leidet, was sie als kleines Kind erlebt hat, dann sehe ich die Notwendigkeit mit den Flüchtlingskindern von heute systematisch das Erlebte aufzuarbeiten. Ja, das braucht jede Menge Ressourcen. Aber es bietet auch die Chance, dass sie in ihrem Alter nicht von den Geistern der Kindheit verfolgt werden. Und es bietet die Chance, dass ihre Kinder nicht mit Traumata zu kämpfen haben. Gesundheit betrifft nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Das ist lange bekannt. Prophylaxe statt Akutbehandlung: Dieses Credo sollte grundsätzlich im Gesundheitssystem groß geschrieben werden. Viel mehr Beachtung muss dieses Prinzip aber vor allem bei der psychischen Gesundheit erhalten. Und wenn dem so wäre, würde jeder und jede Geflüchtete und eben auch jedes geflüchtete Kind dahingehend unterstützt, das Erlebte gut zu verarbeiten. Und ja, ich weiß, ein frommer Wunsch, da kostspielig. Die Frage ist nur, was würde man den Menschen ersparen und was hätte es für positive Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft, würde man hier investieren. Ein Anfang wäre aber schon gemacht, wenn es hier mehr Bewusstsein gäbe, dass diese Kinder bereits mit einem schweren Rucksack hier ankamen.