Beim Denkmal am Westbahnhof

Die "Kinder" und "children of a Kind" besuchten gestern im Rahmen ihres vom Jewish Welcome Service unterstützten Wien-Besuchs auch das von Milli Segal initiierte und von Flor Kent geschaffene "Kindertransport"-Denkmal am Westbahnhof. Das ist ein gutes Fotomotiv und so waren auch einige Journalisten und Fotografen bei dem Termin. Ist es richtig, die heute schon so betagten Überlebenden immer wieder zur NS-Zeit zu befragen, wurde da unter Kollegen erörtert. Eine schwierige Frage. Ja, wenn sie selbst darüber sprechen möchten, nein, wenn es für sie eine Belastung ist. Ich merke, wie ich über die Jahre immer vorsichtiger werde, Überlebende im Rahmen von solchen Settings anzusprechen. Ich tue es dann, zögerlich, und wenn ich merke, ja, es scheint für das Gegenüber okay zu sein, darüber zu sprechen, dann führe ich das Gespräch. Behutsam. Wer sprechen möchte, der braucht dann nicht viel Nachfragen, der sagt, was er oder sie sagen möchte.

Ebenfalls in der Kollegenschaft aufgeworfen: Gut, dass es so viel Interesse an den Überlebenden von damals gibt. Eigentlich sollte man aber doch den Blick auf das Heute richten – auch wenn die damalige Situation mit der heutigen nicht vergleichbar sei. Das Thema wurde an dieser Stelle schon mehrmals erörtert. Allerdings finde ich die Frage eine sehr berechtigte: Wer spricht eigentlich mit den Kindern, die heute flüchten? Was haben sie erlebt? Welche Traumata haben sie?

Wer hilft bei Traumata?

Heute wissen wir um diese Traumata und wir wissen auch, was sie mit Menschen machen. Und nicht nur mit ihnen selbst, sondern auch mit ihren Kindern und Enkeln – Stichwort: transgenerationale oder weitergegebene Traumata. Therapieplätze gibt es für die geflüchteten Kinder heute dennoch kaum. Doch abseits von Therapie: Auch ein gesellschaftliches oder mediales Interesse ist hier kaum spürbar.

Und ja, da sehe ich dann doch wieder eine Parallele zum Damals. Menschen, die sich retten konnten, waren, auch in der Eigenwahrnehmung, Emigranten oder "im Exil". Doch eigentlich waren sie Flüchtlinge. Dass sie auch Opfer waren, das Bewusstsein darüber hat sich erst nach den Waldheim-Jahren, erst mit der Arbeit des Nationalfonds gebildet. Mit den Brüchen in den Lebensgeschichten kämpfen viele jüdische Familien bis heute.

Wenn es um Flüchtlinge geht (wenn diese Menschen denn überhaupt noch als solche bezeichnet werden, immer öfter ist von Migranten die Rede, was aus meiner Sicht eine unzulässige Beschönigung darstellt), ist der Fokus der Wahrnehmung einerseits auf den Zuständen in Syrien, Afghanistan, im Irak. Es wird berichtet, wie viele Menschen die Flucht nicht überleben oder unter welchen unmenschlichen Umständen sie inzwischen in Flüchtlingslagern im Libanon, wo kürzlich Unterkünfte von den Behörden vernichtet wurden, in Libyen, wo eben erst bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager 35 Menschen getötet wurden, aber auch in Griechenland oder in Bosnien vor sich hin vegetieren. Und es geht um die begrenzte Aufnahmefähigkeit in Europa.