Die Geschichte hat nach dem mutmaßlichen Suizid eine tragische Wendung genommen. Doch tragisch war sie im Grund schon zuvor: Seitdem Der Spiegel im Mai enthüllte, dass Marie Sophie Hingst, die in ihrem Blog "Read on my dear, read on" (inzwischen offline) immer wieder über ihre Familiengeschichte schrieb, die auch verfolgte und ermordete Juden beinhaltete, diese schlicht erfunden hat, will mir diese Geschichte nicht aus dem Kopf gehen. Denn die Historikerin versuchte, ihre Geschichten durch vermeintliche Fakten auch noch zu untermauern: In der Gedenkstätte Yad Vashem füllte sie Opferdatenbögen aus.

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Nach ihrem Tod wurde in manchen Zeitungsberichten eine psychische Erkrankung in den Raum gestellt. Ob dem so war oder nicht, müssten die behandelnden Ärzte bestätigen oder eben nicht, doch diese unterliegen der Schweigepflicht, und das ist gut. So bleibt auch das nur Mutmaßung. Es ändert aber auch nichts daran, dass es offenbar Menschen gibt, die es als erstrebenswert sehen, aus einer NS-Opferfamilie zu kommen. Und die Frage, die sich mir da stellt: Warum? Warum möchte man Nachfahrin von Menschen sein, die verfolgt wurden?

Insgesamt ist das Verhältnis zu und der Umgang mit Juden und Jüdinnen in Deutschland und Österreich heute ein höchst ambivalentes. Die verlorene jüdische Kunst und Kultur wird bedauert, der brain drain durch die NS-Zeit beklagt. Philosemitismus ist weit verbreitet, einerseits, der jüdische Witz fasziniert ebenso wie Gefillte Fisch oder die jiddische Sprache. Dann aber werden im Netz unverhohlen Juden verbal ins Gas geschickt, Kippa Tragende werden etwa in Berlin angespuckt oder sogar körperlich attackiert. Verschwörungstheorien beinhalten nicht selten Namedropping à la Rothschild oder Soros und wenn wir schon bei Namen sind: Da ist in der österreichischen Innenpolitik aktuell Silberstein ziemlich populär und auch wenn viele diesen Aspekt gerne beiseite schieben, ja, in der Wahrnehmung vieler Jüdinnen und Juden schwingt da, wenn es um so flott Dahingesagtes ohne Beweise geht, das Spiel mit einer unterschwelligen antisemitischen Konnotation mit oder zumindest das In-Kauf-Nehmen, dass es bei so manchem vorhandene antisemitische Ressentiments bestätigen könnte.

"Niemand will uns"

Ein befreundeter afghanischer Jugendlicher, der aktuell ob des Ausgang seines Asylverfahrens zittert, meinte kürzlich zu mir, es sei schwer hier in Österreich als Asiate, als Afghane. "Niemand will uns", meinte er verbittert, und ich kann ihm da nicht einmal ehrlich antworten, dass dem nicht so ist. Denn davon, dass es zwar viele Menschen gibt, welche die Menschenrechte hochhalten, hat der Einzelne, der eine schlechte Behördenerfahrung nach der anderen macht und dessen Verfahren negativ beschieden wird, wenig.

Die Juden wollte man in den 1940er Jahren nicht hier in Österreich haben und hat dabei auch tüchtig Hand angelegt. Tatsächlich ist die Situation von Jüdinnen und Juden heute eine völlig andere. Die Politik gibt sich weitgehend – wenigstens offiziell – politisch korrekt. Die sieben Jahre NS-Zeit in Österreich sind wohl die bisher bestens aufgearbeiteten Jahre in der heimischen Geschichte (auch wenn immer neue Aspekte dieser grauenvollen Zeit publik werden und die Täterperspektive durchaus noch einen intensiveren Blick vertragen würde). Jüdisches Leben wird geschätzt und beschützt, das jedenfalls signalisieren die zuständigen Politiker.

Ein Teil der diesbezüglichen political correctness ist der Aufarbeitung der NS-Zeit geschuldet. Ein Teil des Interesses an jüdischer Kultur ist daher auch dem Wunsch nach Wiedergutmachung zuzuordnen oder, anders formuliert, dem Bemühen, die Vergangenheit und damit auch die Schuld hinter sich zu lassen. All das ist nachvollziehbar.

Was für mich aber eben ganz und gar nicht nachvollziehbar ist, dass es erstrebenswert ist, wenn die eigene Familie einst zu den Opfern der Nationalsozialisten zählte. Hingst verwandelte sogar ihren Großvater, der evangelischer Pfarrer war, in einen KZ-Insassen in Auschwitz. Zum einen: dieses Verwandschaftsverhältnis ist zu nahe, da überrascht es nicht, dass diese Schwindelei eines Tages aufgeflogen ist. Zum anderen: Inwiefern erhöhe ich mich, wenn ich mich zu einer Nachfahrin von NS-Opfern umschreibe? Insgesamt erfand sie 22 jüdische Familienmitglieder.

Selbstwert aus dem Opferstatus

Hingst betrieb nicht nur den Blog, sie wurde auch um Interviews gebeten, saß in ihrer Rolle auf Podien. Den eigenen Selbstwert aus dem Opferstatus zu ziehen, das ist aber doch ein recht eigenartiges Phänomen. Insgesamt ist hier ein massiver Paradigmenwechsel zu beobachten. Mir scheint es dabei auch einen engen Zusammenhang mit dem Thema Identitätspolitik zu geben. Aus einer protestantischen Familie zu kommen, was in Deutschland ziemlicher Mainstream ist, mag da nicht spektakulär wirken. Nicht besonders genug. Juden sind zahlenmäßig heute in den Gesellschaften Deutschlands oder Österreichs massiv unterrepräsentiert. Während manche ihnen - Stichwort Soros - weiterhin die Fähigkeit zuschreiben, so manches Geschick dieser Welt zu leiten, werden sie offenbar in den Augen mancher anderer zu etwas Erstrebenswertem.

Ich bezweifle, dass sich die tatsächlichen KZ-Insassen einst vorgestellt haben, dass eine Zeit kommen wird, in der es jemanden mit Stolz erfüllt, mit ihnen verwandt zu sein. Ihnen hat man Tag für Tag ihres nicht mehr langen Lebens vermittelt, dass sie nichts wert sind. Ja, dass sie keine Menschen sind und keiner menschlichen Behandlung bedürfen. Wer sich heute mit ihnen so stark identifiziert, dass er sie gerne als Vorfahren hätte, will offenbar gerne selbst in die Opferrolle schlüpfen. Doch was bringt diese? Mitleid? Aufmerksamkeit? Aufwertung?

Als ihre vermeintliche Familiengeschichte wie ein Kartenhaus in sich zusammensackte, ließ Hingst über einen Anwalt ausrichten, dass die Texte ihres Blogs "ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch" genommen hätten. Es habe sich also um Literatur gehandelt und nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung. Eine ziemlich fadenscheinige Ausrede, konterkariert durch all die Auftritte, in denen sie von ihren verfolgten Verwandten berichtete.

Das wirklich traurige aber ist: Am Ende wurde sie tatsächlich ein Opfer. Mit nur 31 Jahren aus dem Leben zu scheiden, klingt nicht nach dem großen Los in dieser Welt. Es bildet auch einen Gegenpol dazu, dass gerade viele Nachfahren von Verfolgten alles daran setzen, stark zu sein und sich nicht mehr jagen zu lassen. Israels selbstbewusste Armee spricht da eine klare Sprache ebenso wie das massive Auftreten gegen und das lückenlose Aufzeigen von Antisemitismus durch europäische Gemeinden. Das wird dann wiederum von manchem als Alarmismus abgetan, doch im Licht der NS-Geschichte (und all der Pogrome und Diskriminierungen in den Jahrhunderten davor) ist es legitim, alles daran zu setzen, sich zu schützen und nicht sich nicht mehr zum Opfer machen zu lassen.