Sommerzeit ist Reisezeit und so landeten wir diesen August in Paris. Mit einem kunstbegeisterten Kind gibt es da jede Menge zu sehen, vom Louvre bis zum Picasso Museum. Das Centre Pompidou ist bei einem Streifzug durch Jahrhunderte europäischer Kunst ein weiterer Fixpunkt. Die groß angekündigte Francis Bacon-Schau war zu diesem Zeitpunkt noch nicht eröffnet, also freuten wir uns auf die Schätze der Sammlung - und wurden nicht enttäuscht. Im Centre Pompidou hängt zum Beispiel auch das "Brautpaar mit Eiffelturm" von Marc Chagall, in dessen Hintergrund die Hochzeitszeremonie unter einer Chuppa dargestellt ist.

Etwas abseits stießen wir recht bald auf einen Raum mit einer interessanten Installation. Raphaël Denis hat in Packpapier eingeschlagene Gemälde aneinandergereiht, an jedem hängt ein Schildchen mit den Lettern PR plus einer Zahl. Folgt man den Texterläuterungen taucht bald der Name Paul Rosenberg auf. Also fragte ich meine Tochter, ob sie schon eine Idee haben könnte, worum es bei diesem Teil der Ausstellung gehen könnte. Sie sah mich nur fragend und etwas ratlos an. "Paul Rosenberg", sagte ich noch einmal, "Paul Rosenberg, fällt dir da gar nichts auf?" Dann fiel der Groschen (oder sagt man heute Cent?). "Das hat sicher etwas mit der NS-Zeit zu tun." Und so war es denn auch.

Paul Rosenberg war Kunsthändler und verfügte über eine beeindruckende Sammlung. Er vertrat die damals jungen Künstler Pablo Picasso, Fernand Léger, Henri Matisse und Georges Braques, verkaufte aber auch Werke bereits arrivierter Kunstschaffender wie Edgar Degas, August Rodin oder Pierre-Auguste Renoir. 1940 besetzte Hitler-Deutschland den Norden Frankreichs, Rosenberg wurde von der Vichy-Regierung enteignet und musste aus Frankreich flüchten. Er konnte sich nach New York retten und eröffnete erneut eine Galerie. Doch seine Sammlung musste er zurücklassen und obwohl er sie auf verschiedene Orte verteilte, spürten die Nationalsozialisten sie nach und nach auf. Besonders übel gestaltete sich die Nachnutzung seiner Galerie in Paris in der Rue de La Boétie 21: Dort zog das Institut d’Études des Questions Juives ein, ein Institut für Judenforschung, das antisemitische Propaganda betrieb.

Verstreute Sammlung

Rosenberg erhielt nach 1945 nur kleine Teile seiner Sammlung zurück und verstarb 1959 in Neuilly-sur-Seine. Eine Geschichte rund um eines seiner Sammlungsstücke erinnert an die Aufregung um die beiden Schiele-Werke "Tote Stadt III" und "Bildnis Wally" aus dem Wiener Leopold Museum, die Ende der 1990er Jahre in New York beschlagnahmt wurden. Claude Monets "Seerosen" aus dem Jahr 1904, das sich in Rosenbergs Besitz befand, wurde 1940 konfisziert, gelangte an den damaligen deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und wurde 1945 von den Alliierten in Hamburg aufgefunden. Das Gemälde wurde an Frankreich übergeben, war ab 1950 im Louvre ausgestellt und ab den 1970ern Jahren im Musée des Beaux-Arts de Caen zu sehen.

1998 wurde es als Leihgabe für eine Monet-Ausstellung nach Boston geflogen. Dort wurde es von Erben Rosenbergs identifiziert, die einen Rückstellungsanspruch stellten. 1999 restituierte Frankreich das weltbekannte Bild schließlich an die Erben.

Es ist immer wieder erstaunlich wie kurz der NS-Terrorstaat im Vergleich zur Erdgeschichte werkte, aber wieviel Leid, Chaos und Verwicklungen er hinterließ. Gerade im Kulturbereich finden sich auf Schritt und Tritt Anknüpfungspunkte. Einerseits. Andererseits: den kleinen Raum im großen Centre Pompidou lassen viele Besucherinnen auch einfach aus. Manche sahen kurz hinein, registrierten, da hängen keine großen Gemälde, dafür gibt es historische Fotos und jede Menge Texttafeln und gingen weiter. Aber wenn ich den Namen Rosenberg lese, dann interessiert es mich erst recht, obwohl es meist nicht so ist, dass noch große Überraschungen kommen: jüdischer Kunsthändler und NS-Zeit – mit diesen Zutaten ist das Drehbuch der Geschichte schon recht klar umrissen.

Meine Tochter findet es übrigens völlig überflüssig, wenn ich ihr sage, dieser oder jener Künstler war jüdisch. Sie meint, das sei unerheblich für die Kunst und mache aus den Werken nichts Wichtigeres. Da hat sie natürlich recht. Aber gerade bei einem Künstler wie etwa Chagall gibt es so viele jüdische Referenzen (wie die Chuppa in dem Hochzeitsbild), dass es für die Interpretation eines Gemäldes sehr relevant ist. Und wenn es um die NS-Verfolgung von Menschen wie dem Sammler Rosenberg geht, dann hat ihm sein Judentum doch ordentlich einen Strich durch seine Lebensgeschichte gemacht.