Wobei es Ausnahme gibt: die Vorschriften der Tora, die dennoch zu befolgen sind, auf der einen Seite – und die Textilien, die Juden von anderen unterscheidbar machen sollten. Die Regeln, die sich in der Tora finden, sind rasch beschrieben: für Männer gilt das Gebot Tzitzit (Quasten) mit blauen Fäden anzubringen, woraus der Tallit, der Gebetsschal entstand. Kleidung des anderen Geschlechts darf nicht getragen werden. Und Mischgewebe aus Wolle und Leinen, Schattnes genannt, dürfen nicht verwendet werden. Verheiratete Frauen sollen ihr Haar bedecken. Männer tragen eine Kopfbedeckung, wozu Keil allerdings festhält: "Die Kopfbedeckung für Männer ist weder biblisches noch rabbinisches Gebot, sie wird aber, den allgemeinen Kleidungssitten entsprechend, ab dem Mittelalter allgemein gebräuchlich."

Eine Kopfbedeckung des Mittelalters war der so genannte Judenhut. Ob dieser zugespitzte Hut ein freiwilliges oder aufgezwungenes Kleidungsstück war, lasse sich an Hand der vorhandenen Quellen nicht klar sagen, so Keil. "Aus den Bildquellen zeigt sich ein widersprüchliches Ergebnis: Einerseits erfolgte der christliche ikonographische Diskurs über Juden vorwiegend über den Judenhut, zuweilen als neutrales Erkennungsmerkmal, meist aber im Kontext von Szenen, die die Spannung zwischen den beiden Religionen ausdrücken, vor allem der Kreuzigung Jesu. Andererseits stellten sich Juden in illuminierten hebräischen Handschriften, Drucken und Selbstzeugnissen, wie etwa der Ketubba von Krems 1391/92, selbst mit dem Judenhut dar." Bitterer Tiefpunkt der textilen Kennzeichnung war der "Judenstern" der Nazis.

Kleiderordnungen verboten manches

Die sozialen Unterschiede waren in früheren Jahrhunderten auch in den jüdischen Gemeinden an der Kleidung ablesbar. Zu kostbare Gewänder, aber auch als zu sittenlos eingestufte wurden allerdings oft sowohl von christlichen Klerikern als auch von rabbinischen Instanzen durch Kleiderordnungen verboten. Die Hochzeitsgesellschaft von Venedig konnte sich demnach glücklich schätzen, nicht in Fürth zu leben, wo 1728 Kleidungsstücke aus Seide, Pelz, Samt und Damast verboten wurden, aber auch der Reifrock. Dieser war zu dieser Zeit übrigens auch in der jüdischen Gemeinde von Eisenstadt nicht erwünscht ebenso wie schulterfreie Kleider für Frauen und Mädchen ab vier Jahren.

Die Kleidung der Chassiden in Galizien übrigens, die bis heute als so typisch aschkenasisch-jüdisch empfunden wird, entstand "aus der Verweigerung moderner Kleidung und der Umdeutung der alten Adelstracht zum selbstbewussten jüdischen costume als ‚sozialsymbolischen Gewand’", so Keil. Und, so die Wissenschafterin weiter: "Dieses Beharren auf eine unterscheidbare Selbstrepräsentation versuchte das Toleranzpatent Josefs II. für die Juden Galiziens 1788 unter Androhung von Arrest zu brechen." Diese Anordnung las sich wie folgt: "Dahingegen haben Seine Majestät befohlen: daß die dermal in Gallizien bestehende besondern Kleidertracht der Juden abgestellt, und eine der übrigen Nazion gleiche Kleidung unter ihnen eingeführt werden solle." Akkulturation wurde also von oben verordnet. Umso mehr hielten Menschen jedoch an der gewählten Kleidung fest.

Hätte ich im 18. Jahrhundert gelebt, hätte ich mich wohl für damals schicke Reifrock-Kleider entschieden. Rückblickend mögen sie nicht bequem gewesen sein, aber modern waren sie und damit zukunftsgewandt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte ich zu den ersten überzeugten Hosenträgerinnen gehört. Kaum vorstellbar ist heute übrigens, dass Hosen für Frauen bis in die 1960er hinein gesellschaftlich teils verpönt waren – die israelische Sängerin Esther Ofarim wurde zum Beispiel 1966 nicht in die Bar des Atlantic-Hotels in Hamburg eingelassen, weil sie einen Hosenanzug trug. Was heute in der Mehrheitsgesellschaft eine Selbstverständlichkeit ist, ist es allerdings in der Orthodoxie nicht: Dort tragen Frauen auch heute Röcke und Kleider, aber keine Hosen. Das wiederum zeigt einmal mehr, dass es auch die eine jüdische Kleidung nicht gibt. Es gibt Juden und Jüdinnen und sie kleiden sich modern oder traditionell oder schlicht bequem, sie halten sich an die Tzniut-Vorgaben (Regeln für eine sittsame Bekleidung) oder sie tun dies nicht.