Das Jahr 5780 wirft seinen Schatten voraus. Die Synagoge in der Seitenstettengasse zeigt sich bereits in festlichem Gewand, der Toraschrein ist mit einem weißen Parochet – einem besticktem Vorhang – geschmückt. Die heurigen Hohen Feiertage, die Sonntag Abend mit Rosch HaSchana, dem jüdischen Neujahr, beginnen, fallen in Österreich mit der Nationalratswahl zusammen. Wenn Sonntag Abend in den Familien zum ersten Mal Äpfel in Honig getaucht werden, ein Brauch, der symbolisiert, dass das Jahr ein gutes und süßes werden soll, wenn Sonntag Abend in den Synagogen der erste Neujahrsgottesdienst begangen wird, dann wird bereits bekannt gegeben werden, wie sich das nächste Parlament zusammensetzt.

Der Stadttempel in der Seitenstettengasse ist bereits für die Neujahrsfeierlichkeiten vorbereitet. Sonntag Abend beginnt das Jahr 5780. - © Alexia Weiss
Der Stadttempel in der Seitenstettengasse ist bereits für die Neujahrsfeierlichkeiten vorbereitet. Sonntag Abend beginnt das Jahr 5780. - © Alexia Weiss

Dann wird bereits klar sein, welche Regierungskonstellationen möglich sind. Es wird vom Grad der Religiosität des Einzelnen abhängen, ob er oder sie sich trotz Feiertagsbeginn über den Wahlausgang informiert. Schließlich geht es auch aus Sicht der jüdischen Gemeinde um viel. Es gibt unter Jüdinnen und Juden eine breite Front gegen eine neuerliche Regierungsbeteiligung der FPÖ. IKG-Präsident Oskar Deutsch appellierte im Wahlkampf daher auch nicht nur ein Mal an alle anderen Fraktionen, keine Koalition mit der FPÖ einzugehen.

Ich kenne mich. Ich werde Sonntag Abend trotz Feiertagsbeginn nach unserem Rosch HaSchana-Essen vor Computer und Fernseher verbringen. Das Neujahrsessen aber muss sein, denn es geht bei uns einher mit einer familiären Rück- und Vorschau. Reihum erzählen wir, was aus der jeweiligen Sicht im zu Ende gegangenen Jahr gut gelaufen ist, was nicht so gut und was man ändern möchte. Es gibt Jahre, in denen es größere Vorsätze und Wünsche für das neue Jahr gibt und es gibt Jahre, da fallen sie kleiner aus. Zuletzt war für mich immer wieder auch der Umgang mit social media ein Thema. Ist es wirklich nötig, auf jeden Kommentar, der nur provozieren will, zu antworten? Ich habe für mich entschieden: nein.

Umweltschutzvorsatz

Nun stehen neue Überlegungen im Mittelpunkt. Wenn heute die "Fridays For Future"-Bewegung wieder zu einer großen Kundgebung aufruft, wird sich dort nachmittags auch meine Tochter einfinden. Seit Monaten hält sie uns Eltern einen Spiegel vor. Sie anerkennt, dass wir in manchen Bereichen durchaus umweltbewusster agieren als andere: wir fahren etwa öffentlich und haben unser Auto vor vielen Jahren verkauft, weil wir der Ansicht sind, dass man in einer Stadt wie Wien mit seinem toll ausgebauten öffentlichen Verkehr einfach kein Auto braucht. In anderen Bereichen gibt es aber sicher noch viel Verbesserungsbedarf. Stichwort Mülltrennung. Stichwort Müllvermeidung.

Das Kind geht mit gutem Beispiel voran. Seit Monaten isst sie vegan. Sie nimmt ihre Wasserflasche von zu Hause mit und rügt uns, wenn wir Eltern unterwegs wieder einmal eine Plastikflasche kaufen, weil wir keine Flasche eingesteckt haben. Vor allem aber hat sie ein Konsumverhalten entwickelt, an dem sich so mancher Erwachsener etwas abschauen könnte. Kleidung habe sie genug, sagt sie, wenn ich frage, ob wir schauen wollen, was es so an Herbstmode gibt. Nur neue Hosen zu kaufen war ok, schließlich waren die bisherigen einige Zentimeter zu kurz geworden.

Meine Tochter war eines jener kleinen Kinder, die immer von allem viel zu viel hatten. Das hatte sicher damit zu tun, dass sie ein Einzelkind ist. Das hatte aber vielleicht auch damit zu tun, dass wir Eltern ihre Wünsche erfüllt haben, bevor sie sie noch wirklich ausgesprochen hatte. Keiner der vielen Besuche im Zoo oder im Haus des Meeres endete, ohne dass sie sich ein Kuscheltier aussuchen durfte. Dazu kamen die geschenkten und irgendwann bevölkerten mehrere hundert – das ist leider keine Übertreibung – Plüschtiere das Kinderzimmer. Kein Kind kann mit so vielen Tierchen spielen. Also saßen sie am Kasten und verstaubten.

Im Zug der Flüchtlingskrise von 2015 haben wir viele dieser Kuscheltiere gewaschen und zu den Bahnhöfen gebracht. Für mich ist diese über die Jahre aus den Fugen geratene Plüschtierarmada aber Sinnbild für vieles, was von den Jahren meiner Kindheit bis zu den Jahren der Kindheit meiner Tochter schief gelaufen ist. Viele Konsumgüter sind zu billig geworden. Ja, man kann sich mehr leisten – mehr Kleidung, mehr Schuhe, mehr Spielzeug. Nur: Das bedeutet auch, mehr Rohstoffe werden verbraucht, mehr Müll wird produziert und nicht zuletzt sorgen die Transporte aus jenen Ländern, in denen viele dieser Konsumgüter produziert werden (wie etwa China), in den Rest der Welt für jede Menge CO2-Emissionen

Konsum überdenken

Wenn heute manche Erwachsene die Klimaproteste der Jugendlichen ins Lächerliche ziehen, weil sie meinen, sind ja alles verzogene Gören, die konsumieren und konsumieren und deren Allerheiligstes ihr Smartphone sei, dann denke ich, müssen schon auch wir Erwachsenen hier unsere Verantwortung miteinbekennen. Wir haben die Kinder mit allem überschüttet, ob sie danach gefragt haben oder nicht. Ich kann mich noch an Geburtstage meiner Tochter im Kindergartenalter erinnern, in denen wir merkten, wenn da die ganze Familie mit Geschenken ankommt, ist es einfach zu viel. Undankbarkeit ist dann auch noch ein Schlagwort, das rasch ins Spielt kommt – die Kinder wüssten gar nicht zu schätzen, was man ihnen alles bietet. Nur: sie haben nicht darum gebeten.

Worum sie nun bitten, ist, dass wir ihnen eine intakte Welt, eine gesunde Umwelt überlassen. Den Planeten zu schützen, ist übrigens auch religiöses Gebot. Im Midrasch ist dazu Folgendes zu lesen: Als Gott den ersten Menschen schuf, führte er ihn zu den Bäumen im Garten Eden und sagte: "Sieh meine Werke, wie schön und preiswürdig sind sie! Und alles, was Ich geschaffen habe, habe Ich deinetwegen geschaffen. Richte deinen Sinn darauf, dass du meine Welt nicht verdirbst und zerstörst; denn wenn du sie verdirbst, ist niemand da, der sie nach dir in Ordnung bringen kann."

Genau darum geht es. Wenn wir Menschen die Welt zerstören, ist niemand mehr da, der das wieder in Ordnung bringen kann. Vor allem aber haben unsere Kinder und Kindeskinder keine Lebenswelt mehr. Es gibt diese traurigen Bilder von Tieren, deren Lebensraum – der Regenwald – Stück für Stück abgebrannt wird und die nicht mehr wissen, wohin. Inzwischen ist klar: es geht nicht nur um ihren Lebensraum, es geht auch um unseren. Jedes Stück Regenwald, das verloren geht, ist ein Schritt weiter in Richtung Kollaps, in Richtung nicht mehr einzudämmender CO2-Emissionen, in Richtung Erderwärmung und Klimawandel.

Ja, es braucht globale Konzepte. Ja, nur wenn der Einzelne nicht mehr mit dem Flugzeug fliegt oder vegan isst, wird sich noch nicht viel ändern. Wenn aber viele ihren Lebensstil ein bisschen bewusster gestalten, ist doch schon ein Anfang gemacht. Vor allem aber sollte man Kinder nicht in ihrem Reformwillen bremsen. Mein Vorsatz für das Jahr 5780 ist also, hier den Wünschen meiner Tochter mehr zu entsprechen. Ich werde mich bemühen, unterwegs keine Plastikflaschen mehr zu kaufen. Und ich werde, wie von ihr gewünscht, die Reisepläne im nächsten Sommer so gestalten, dass wir genügend Zeit für die An- und Abreise einplanen und statt dem Flugzeug den Zug nehmen.

In diesem Sinn: Schana tova! Gutes neues Jahr!