Das Münchner Oktoberfest strahlt aus: in die Werbung. Ins benachbarte Ausland, in dem nun auch ähnliche Veranstaltungen gehypt werden, Stichwort: Wiener Wiesn. Aber auch in die Mode. Trachtiges ist seit einigen Jahren massiv en vogue. Das zieht sich dann bis in das Angebot von Versandhäusern und Diskontern, die im Sommer und Herbst Kreationen anbieten, welche das Bedürfnis nach Heimatgefühl befriedigen sollen und dieses Bedürfnis gibt es offenbar nicht nur in ländlichen Orten, wo das Dirndl seit vielen Jahrzehnten präsent ist, sondern auch in der Stadt. Wer derzeit am Praterstern unterwegs ist, dem begegnen die vielen Wiesn-Besucher und -Besucherinnen in Lederhose oder Dirndl.

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Wer mich kennt, weiß: das ist eines meiner Leib- und Magenthemen. Ich lehne das Dirndl zutiefst ab. Ich lehne das Dirndl ab, weil es nichts mit Jahrhunderte alten Traditionen zu tun hat und wenig mit "unserer Kultur", wenn ich diese als etwas verstehe, das nach und nach gewachsen ist. Es hat aber leider sehr viel mit "unserer Kultur" zu tun, wenn ich diese als Instrument verstehe, dadurch bestimmte Gruppen von Menschen auszugrenzen.

Das Dirndl zu thematisieren ist ein diffiziles Thema. Zu viele fühlen sich sofort auf den Schlips getreten oder ins rechte Eck gedrängt. Daher gleich an dieser Stelle: Ich werfe niemandem, der Dirndl trägt, vor, dadurch eine politisch problematische Position zu vertreten. Dirndln sind kleidsam, keine Frage. Dirndln sind Teil einer aktuellen Vergnügungs- und Freizeit- aber auch Festkultur.

Nicht allgemein bekannt

Was ich aber immer wieder als befremdlich empfinde: Wenn ich etwas trage, sollte ich doch wissen, in welcher Tradition dieses Kleidungsstück steht. Denn interessanterweise ist es ja gerade die Tradition, auf die sich viele Träger von Trachtigem berufen. Nur dass die Tradition des Dirndls in der heutigen Form keine historisch gewachsene ist.

Was wissenschaftlich aufgearbeitet ist, scheint sich so keine Bahn ins allgemeine Bewusstsein zu schaffen. Das Dirndl in seiner heutigen Form mit großem Ausschnitt, kurzärmeliger Bluse, betonter Taille ist eine Kreation von Gertraud Pesendorfer. Die Innsbruckerin war die Leiterin der "Mittelstelle Deutsche Tracht" der Reichsfrauenorganisation in der NS-Zeit. Sie schuf die so genannte "erneuerte Tracht". Spezialistin zu diesem Thema ist die Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer.

In einem Interview für "Telepolis" beschrieb sie Pesendorfers kreativen Prozess so: "Zunächst ging es darum, die Vorgängermodelle zu entkatholisieren. Damit meinte man, sie von den geschlossenen Krägen zu befreien und die Arme frei legen zu müssen. Dabei führte sie, ich glaube schon auch bewusst dezent, gewissermaßen die erotisierte Tracht und Dirndl ein. Sie befreite die alte Kleidung von ihrem geschnürten, plumpen Ballast und schuf die bis heute so begehrte geschnürte und geknöpfte Taille, ein wahrhaft mädchenhaftes Blüschen." In Kursen wurden Mädchen und Frauen dann von Pesendorfer geschult, wie das neue Kleidungsstück hergestellt wird.

Erfundene Tradition

"Erfundene Tradition" betitelte die "Jüdische Allgemeine" 2015 einen Beitrag zum Dirndl. Und genau das ist es: eine erfundene Tradition. Auf den Dirndl-Trend springen dennoch auch immer mehr Jüdinnen auf. Das englischsprachige jüdische Online-Magazin "Tablet" widmete dem Thema anlässlich des derzeit laufenden Oktoberfests in München einen Beitrag. Hier werden junge Jüdinnen zitiert, die erklären, warum sie trotz der NS-Geschichte des heutigen Dirndls in dieses Gewand schlüpfen. "Alle meine jüdischen Freundinnen tragen es", erzählt da etwa Lea Krichely. "Wir wissen, dass es sehr Deutsch ist, aber auch seine Geschichte als Nazi-Symbol würde uns nicht davon abhalten, es zu tragen. Wir wollen hier leben und ein normaler Teil der Gesellschaft sein." Auch Janina Engel, sie kommt aus Graz, weiß um die Geschichte des Kleidungsstücks. Dieses Wissen sollten auch andere Menschen haben, meint sie, dennoch sollte man sich das Dirndl nicht vermiesen lassen.

Oft wird auch argumentiert – ähnlich läuft es in der Debatte um den Begriff Heimat – dass man sich Symbole oder eben auch Dinge wie Tracht allgemein und das Dirndl im Speziellen von jüdischer Seite selbst bewusst aneignen könne. Hier kommt ins Spiel, dass Juden und Jüdinnen 1938 das Tragen von Tracht verboten wurde. Wenn ich nun also als Jüdin das in der NS-Zeit kreierte Dirndl trage, dann bin ich quasi widerständig. Für mich greift das zu kurz. Und das vor allem deshalb, weil es ja von anderen mitnichten als widerständiger Akt begriffen wird. Man schwimmt dann eben in der allgemeinen Heimatgefühlwelle mit. Doch ist man tatsächlich Teil davon?

Eine Verkleidung

Gerne wird dann an das Münchner Haus Wallach verwiesen. Die jüdische Familie setzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Trachtiges. Oder es wird erinnert an die jüdischen Sommerfrischler in den Jahrzehnten vor der NS-Zeit, die am Urlaubsort auch gerne Trachtiges trugen. "Hast du meine Alpen gesehen?" hieß eine Ausstellung, die 2009 und 2010 zunächst im Jüdischen Museum Hohenems und dann im Jüdischen Museum Wien zu sehen war. Juden, die es in die Berge zog, war da das Thema. Zu sehen gab es auch einige Fotos von Juden und Jüdinnen in Tracht, als "eines der skurrilsten Exponate" bezeichnete die Philosophin Isolde Charim damals eine Kippa, bestickt mit Edelweiß, Enzian und Alpenrausch.

Und sie schrieb: "Die Trachten bleiben aber eine Verkleidung. Man spielte darin Landleben und fühlte sich durch und durch heimisch. Man versuchte, sich damit einen Platz als Einheimischer zu schaffen. Heute, im Wissen darum, wie das Ganze ausgegangen ist, betrachtet man diese verzweifelten Versuche mit großer Beklemmung. Und gerade angesichts heutiger Debatten um Kleiderordnungen zeigen die enttäuschten Hoffnungen der Juden in Lederhosen, dass Assimilation nicht der richtige Weg der Integration ist."

Ich schließe mich diesem Befund an. Und genau deshalb würde ich selbst kein Dirndl tragen – egal wie kokett es daher kommt und wie figurschmeichelnd es auch sein mag. Man muss nicht heimattümelnd tun, um Teil dieser Gesellschaft zu sein. Auch wenn es derzeit wieder sehr modern ist.