Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Wenn die Hohen Feiertage ihren Schatten vorauswerfen, erinnert die Wiener jüdische Gemeinde ihre Mitglieder jedes Jahr aufs Neue, auf dem Weg in die Synagogen und vor den Synagogen besonders aufmerksam zu sein. Die Synagogen werden zudem intensiv bewacht. Ja, wenn Jüdinnen und Juden nur zum Gottesdienst gehen können, wenn die Synagoge durch Polizei und Sicherheitskräfte geschützt wird, dann entspricht das nicht der Normalität. Wenn Jüdinnen und Juden nur zum Gottesdienst gehen können, wenn die Synagoge durch Polizei und Sicherheitskräfte geschützt wird, dann bedeutet das, es ist kein Verlass darauf, dass eine jüdische Einrichtung nicht zum Ziel eines Anschlags wird.

Der Alptraum ist in Halle am Mittwoch wahr geworden. Der Attentäter hat sich nicht irgendeinen Tag ausgesucht, sondern Jom Kippur, den Versöhnungstag. Der Fastentag ist der höchste jüdische Feiertag. Damit ist dem Täter mediale Aufmerksamkeit gewiss. Und da ist es dann auch schon fast egal, ob ihm sein Vorhaben gelang oder nicht: eine Synagoge in Deutschland am Jom Kippur anzugreifen, das hat Sprengkraft – tatsächliche und politische.

Dass die Türe der Synagoge dem Angriff standhielt: Was für ein Segen. Dass dennoch Menschen sterben mussten: Was für eine Tragödie. Zur falschen Zeit am falschen Ort: es klingt so nach Gemeinplatz. Aber genau das ist der Fall, wenn hasserfüllte Täter Blut fließen sehen wollen.

Eine vermeintliche Heldentat

Dass der Täter die Tat auch noch über eine Helmkamera mitfilmte und das reale Töten ins Netz stellte (das Video wurde bereits wieder entfernt): auch das erhöht die mediale Aufmerksamkeit. Es erlaubt aber auch einen Blick in das Denken des Terroristen: Loszugehen und zu versuchen, Juden und Jüdinnen zu töten, sieht er als Heldentat, die es bekannt zu machen gilt, mit der man sich brüsten kann.

2019 zieht einer mitten in Deutschland los, versucht in eine Synagoge einzudringen und Juden zu ermorden und filmt das mit. Mehr über das Weltbild des Täters wird wohl in den kommenden Tagen nach und nach bekannt werden. Viel war in den vergangenen Jahren vom Antisemitismus von muslimischer Seite die Rede. Und den gibt es. Und auch muslimische Täter haben – etwa in Frankreich – schon mehrere Menschen ermordet.

Gerne schieben aber rechte und rechtspopulistische Parteien Antisemitismus heute gänzlich "dem Islam" oder "dem politischen Islam" zu. Doch immer wieder schlagen eben auch rechtsextreme Täter zu – wir erinnern uns an Utoya, an Christchurch, an Pittsburgh.

Dass Synagogen weltweit bewacht werden, wird also für Juden und Jüdinnen Normalität werden oder bleiben. Denn, siehe Pittsburgh, es gibt immer noch viele jüdische Gotteshäuser, die nicht ausreichend bewacht werden. In Wien bestand keine Gefahr, versicherten die Behörden umgehend. Dennoch wurden die Sicherheitsmaßnahmen intensiviert. Dieses rasche Reagieren ist gut und dass das österreichische Innenministerium seit Jahren intensiv mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien kooperiert, ist vorbildlich.

Einrichtungen schützen

Es werden sich nun viele andere jüdische Gemeinden in Europa und anderswo überlegen müssen, wie sie ihre Mitglieder und Einrichtungen ausreichend schützen. In Österreich ist sich die öffentliche Hand hier ihrer Verantwortung bewusst. Das ist allerdings nicht in allen Staaten so. Man könnte also auch sagen, dass Wien hier ein bisschen best practice Beispiel ist.

Das mag so manche internationale Schlagzeile konterkarieren, die Österreich, etwa wenn die FPÖ in der Regierung ist oder angesichts so manchen antisemitischen Einzelfalls, in die Nähe der NS-Zeit rücken. Das ist in vielen Fällen sicher übertrieben. Belanglos sind die antisemitischen Ausritte allerdings trotzdem nicht.

Al diese antisemitischen Sager und Ausrutscher, sie signalisieren Menschen, dass es in Ordnung ist, Juden zu hassen, Juden geringzuschätzen und Juden für alles Mögliche die Schuld zuzuschieben. Sie können einen Attentäter wie jenen von Halle darin bestärken, Juden zu töten. In Halle hat er es nicht geschafft, dennoch mussten zwei unschuldige Menschen sterben. In Wien hätte er es angesichts der sichtbaren Sicherheitsmaßnahmen hoffentlich gar nicht versucht. Dennoch sind solche Hassverbrechen alles andere als ermutigend. Denn man stellt sich die immer gleiche Frage: Wird der Hass auf Juden und wird das Töten jemals ein Ende haben?