Es gibt diese Momente, die Gänsehaut erzeugen. Wie oft bin ich in meinem Leben schon durch die Malzgasse gegangen, oder an der Malzgasse vorbei, am Weg zum oder vom Karmelitermarkt. Und auch die streng orthodoxe jüdische Schule in der Malzgasse habe ich vor vielen Jahren schon einmal besucht. Aber dann, im letzten Frühjahr, da kam es dann zu diesem Gänsehaut-Moment.

Unter dem Turnsaal der Schule wurden zufällig im Zug von Handwerkerarbeiten, nachdem die Heizung repariert werden musste, Überreste einer früheren Synagoge gefunden, die von den Nationalsozialisten im November 1938 zerstört und in Brand gesetzt worden war. Der Schulverein der Talmud Thora-Schule Machsike Hadass befreite die zugeschütteten Reste des einstigen Gotteshauses nach und nach von Tonnen Schutt. Und förderte dabei nicht nur interessante Fundstücke zu Tage. An den Wänden fanden sich auch Brandspuren. Es waren die Brandspuren aus der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Ich besuchte die Schule in der Malzgasse, um mir den Ausgrabungsort anzusehen. Arieh Bauer, der Generalsekretär des Schulvereins, erzählte mir dabei, wie alles begann und wie aufwändig sich die Arbeiten nach dem Sensationsfund gestalteten. Als der Raum zwischen dem heutigen Turnsaal und dem Synagogenboden geöffnet worden sei, "hat es nach der ‚Kristallnacht’ gerochen", sagte Bauer zu mir. Und das war er, der Gänsehaut-Moment.

1,05 Meter Synagoge

Ein Geruch, der sich von 1938 an die 80 Jahre erhalten und dann rasch verflüchtigt hat. An die 80 Jahre blieb ein Geheimnis bewahrt. Doch nun hat sich die Vergangenheit ihren Weg an die Oberfläche gebahnt. Die Nazis hatten die Reste der zerstörten Synagoge zuschütten lassen. Das Gebäude auf dem Grundstück – neben der Synagoge befand sich an der Adresse Malzgasse 16 auch schon vor der NS-Zeit eine jüdische Schule – wurde in der NS-Zeit einerseits als Siechenheim, später als Sammellager und schließlich als jüdisches Krankenhaus genutzt. 1,05 Meter hoch war der Zwischenraum zwischen dem Boden der Synagoge und dem Boden des heutigen Turnsaals der Schule. Damit wurden nun 1,05 Meter Synagoge freigelegt.

Der Fund ist aus mehreren Gründen sensationell. Bisher galt der Stadttempel als die einzige Wiener Synagoge, welche die NS-Zeit überstanden hat. Andererseits fanden sich in dem Schutt in der Malzgasse nun zahlreiche Fundgegenstände, die nicht nur die Nutzung des Gebäudes während der NS-Zeit, sondern auch davor illustrieren. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird auf dem Grundstück gebetet und gelernt – auch wenn die dafür errichteten Gebäude über die Jahre mehrmals um- und auch neu gebaut wurden. Die nun gefundenen Reste stammen von dem 1906 errichteten Bau nach den Plänen des Architekten Theodor Schreiner (1873-1943, er wurde in Theresienstadt ermordet). Neben Schule und Synagoge beherbergte das Gebäude ab 1911 zudem das 1895 von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gegründete Jüdische Museum. Damit ist die Malzgasse 16 eine Adresse, die nicht nur vor und nach der NS-Zeit, sondern auch während der Zeit des Nationalsozialismus für und von Juden genutzt wurde. Das bedeutet, dass es sich einerseits um einen Ort handelt, an dem viel Leid passierte, aber auch um einen Ort des Glaubens, der observanten Juden und Jüdinnen bis heute Hoffnung gibt.