Der jüdische Humor ist legendär. Davon zeugen zahlreiche "Jüdische Witze"-Bücher, die Jahr für Jahr erscheinen. Vielfach werden hier Schwächen aufs Korn genommen und daraus liebevoll Stärken gezaubert. Die jiddische Mame nervt? Aber schau mal, was aus den Kindern geworden ist!

Humor ist aber auch sehr individuell – und fragil. Ein Witz, gerade ein jüdischer, von der falschen Person im falschen Ton erzählt oder von der falschen Mimik begleitet, kann rasch die gegenteilige Wirkung erzielen. Man hält sich gerne selbst den Spiegel vor. Und das hat dann auch durchaus therapeutische Wirkung. Wie sagt man so schön: Mit Humor erträgt sich alles leichter. Von anderen den Spiegel vorgehalten zu bekommen, kann aber verletzend wirken.

Wenn einem also ein Nichtjude erzählt, dass es – nennen wir zwei fiktive Witzfiguren – dass es also dem Roth und dem Kirschenbaum nur darum geht, wie der eine den anderen geschäftlich besser übers Ohr haut, dann hinterlässt das einen Nachgeschmack. Das Genre des Witzes lebt von der Überhöhung von Klischees. Geht es um Klischees, die Juden und Jüdinnen beschreiben, lauert da rasch die Gefahr, dass ein Witz ins Antisemitische kippt. Da braucht es jede Menge Fingerspitzengefühl.

Ein begnadeter Witzerzähler ist Paul Chaim Eisenberg, heute Oberrabbiner des Bundesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs. Die Witze, die er erzählt, lassen vor allem vergangene Zeiten wiederauferstehen. Ich mag aber zum Beispiel auch den Humor von Michael Wuliger, er schreibt in der "Jüdischen Allgemeinen". In seinem vor einigen Jahren erschienenen Buch "Der koschere Knigge" nahm er sehr unterhaltsam "die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen" aufs Korn.

Nur nicht auffallen

Gelungen ist auch ein jüngst auf der Plattform Schlaglichter.at erschienener Beitrag von Peter Sichrovsky. Mit ihm bin ich ansonsten politisch so gut wie nie einer Meinung, beim Lesen des Textes "Wie man als Jude unbehelligt leben kann" musste ich aber doch sehr schmunzeln. Neben dem Ratschlag, zu versuchen, nicht als Jude erkennbar zu sein ("Das beginnt schon bei den Äußerlichkeiten: Keine Kippa, kein großer, schwarzer Hut, keine große, goldene Kette mit David-Stern, keine Pejes und keine Zizit.") widmet er sich auch dem Thema jüdischer Humor: "Versuchen Sie in Gesellschaft nicht mit jüdischen Witzen zu beeindrucken, aber lachen sie laut und deutlich, wenn andere welche erzählen, und unterbrechen Sie den Erzähler nicht mit der Bemerkung: Den kenn ich schon und außerdem geht er ganz anders."

Und dann fällt einem ein Buch in die Hände, das zeigt, wie jüdischer Humor in der Gegenwart auch aussehen kann. Fast möchte man ausrufen: "So geht jüdischer Humor!" In seinem 2012 erschienenen Roman "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse" erzählte Thomas Meyer, ebenfalls schon mit einem Augenzwinkern, über das Ausbrechen des jungen Motti Wolkenbruch aus seinem orthodoxen Leben. Für die heuer erschienene Fortsetzung "Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin" hat er sich allerdings ein gänzlich anderes Thema gewählt: Fast schon satirisch setzt sich der Autor hier mit dem Befördern von Rechtsextremismus und Antisemitismus durch das Internet auseinander. Wolkenbruch wird Vorsitzender der "Verlorenen Söhne Israels" - diese sind eigentlich "Das Weltjudentum". Wolkenbruch kapert in der Folge unter anderem Alexa, die daraufhin als Schoschanna den Menschen weltweit israelisches Essen empfiehlt und schmackhaft macht.

Stichwort Essen: als Wunderwaffe gegen Nazis wirkt Hummus. Sie genießen das Kichererbsenpüree so sehr, dass sie an ihrer Mission, die Juden ausrotten zu müssen, zu zweifeln beginnen. Dabei hat die von den Nazis erschaffene "Hassmaschine" (die Nazis versuchen in Meyers Szenario Jahrzehnte lang nach dem Zusammenbruch von Hitlers Terror-Regime immer noch, von einer Alpenfestung aus ihre menschenfeindliche Ideologie zu verbreiten) ganze Arbeit geleistet und jede Menge Zwietracht unter den Menschen gesät. Am meisten Erfolg erzielte sie mit dem Narrativ "des großen Austauschs".

Niemals aufgeben

Sie sehen schon: Dieser Roman könnte aktueller nicht sein. Und vielleicht kommt auch daher der Humor Meyers so leichtfüßig daher. Hier geht es um Juden heute, um Juden, die trotz des gerade im Internet beförderten Antisemitismus, der zeigt, dass dieser trotz der political correctness-Oberfläche auch in den vergangenen Jahrzehnten immer da war, die Hoffnung nicht verlieren. Es geht um Juden, die nicht aufgeben, gegen den Ungeist der Ewiggestrigen zu kämpfen, auch wenn die gewählten Mittel längst nicht so spektakulär sind, wie sie sein könnten, wenn es tatsächlich so wäre, dass Juden und Jüdinnen die Welt beherrschen. Meyer spielt hier gekonnt mit Stereotypen, aber eben ohne dass man denkt, das war jetzt das Äutzerl zu viel, das einem ein unangenehmes Bauchgefühl beschert. Da sitzt jede Pointe.

"Ich hob dich zufil lib/Zu sajn ojf dir gor bejs/A nar ich hajs/Ich wajs, ich hob dich lib" (Ich hab dich zu sehr lieb, um wütend zu sein auf dich/Ich bin ein Narr, ich weiß/Ich hab dich lieb): Mit diesem jiddischen Lied von Chaim Tauber foltert "das Weltjudentum". Motti, der eine Art Initiationsritual durchlaufen muss (ohne, dass er davon weiß), um Mitglied der jüdischen Weltverschwörung zu werden, wird nächtens immer wieder aufgeweckt und mit "Ich hob dich zuvil lieb" lautstark beschallt. Wer muss da nicht schmunzeln?

Und Wolkenbruchs neue Abenteuer machen hungrig, hungrig auf israelisches Essen. Dafür ins Flugzeug zu steigen und nach Tel Aviv zu fliegen, wäre dann aber doch etwas übertrieben (obwohl ... ist Tel Aviv nicht immer einen Besuch wert?), jedenfalls war ich dann heute vormittags mit meiner Tochter im Florentin in der Berggasse frühstücken: Avocado-Toast und Rohkoststicks mit Hummus. Dazu Limonana und der entzückende israelische Akzent des Kellners. Man fühlt sich in Israel und ist doch in Wien. Und ja, der israelische Hummus, angerichtet mit Tahini, etwas Olivenöl und Kräutern, ist ein Gedicht. Gut nachvollziehbar, dass er so manchem Nazi den Kopf verdreht.