Teil der Gesellschaft

Und so kam denn auch die meiner Meinung nach berührendste Aussage dieses Abends von Erwin Steiner, dessen Großvater sich mit seiner Familie nach der NS-Zeit nach Wien geflüchtet hatte, um auch weiterhin orthodox leben zu können und der die Schule in der Malzgasse mitwiederbegründete. Er wünsche sich, "dass wir nicht als Gäste behandelt werden". Denn: "Wir sind doch ein Teil dieser Gesellschaft." Und das eben schon seit Jahrhunderten.

Gäste waren Jüdinnen und Juden schon 1938 nicht, als man von 9. auf 10. November 42 Synagogen und Bethäsuer zerstörte, über 4.000 Geschäfte plünderte und demolierte, wobei zahlreiche Geschäftsauslagen zu Bruch gingen, daher der NS-Ausdruck "Reichskristallnacht", rund 30 Menschen ermordete, mehr als 6.500 Menschen verhaftete und an die 3.700 von ihnen in das Konzentrationslager Dachau deportierte. Dennoch wollte so mancher Wiener in dieser Nacht nicht nur Gebäude, sondern auch Menschen brennen sehen (das wurde später, in den Krematorien, in denen die Leichen der zuvor vergasten Opfer verbrannt wurden, quasi auch noch umgesetzt). "Haut’s die Juden gleich mit ins Feuer", zitierte Donnerstag Abend eine Schauspielerin eine Zeitzeugin der Novemberpogromnacht. Diesen Satz hatte sie als damals 8-Jährige von jemandem gehört, der, auf einen Polster am Fenster gestützt, das Abbrennen einer Synagoge beobachtete.

"Es brennt"

Wenn in diesem Kontext das jiddische Lied "S’brennt" erklingt, verfasst 1936 von Mordechaj Gebirtig angesichts der Pogrome im März 1936 gegen Juden in Przytyk, erzeugt das jedes Mal Gänsehaut. "Es brennt" wurde am Donnerstag auch bei der Schlusskundgebung des "Light of Hope" am Judenplatz vorgetragen. "S´ brent! briderlekh, s´brent! Oy, undzer orem shtetl nebekh brent!" beginnt dieses beklemmende Lied, was übersetzt etwa bedeutet: "Es brennt, Brüder, es brennt!

Unser armes Städtchen brennt!" Und wenn man dann an die mittelalterliche jüdische Gemeinde denkt, die sich genau um diesen Platz gruppierte und daran, dass nach den Pogromen Anfang des 15. Jahrhunderts die letzten rund 200 verbliebenen Wiener Juden am 12. März 1421 in Erdberg auf den Scheiterhaufen geführt und vor den Augen der Bevölkerung verbrannt wurden, dann fragt man sich erstens, woher diese Obsession mit dem Feuer kommt.

Zweitens aber muss man das von Steiner Gesagte unterstreichen: Juden und Jüdinnen sind in Österreich keine Gäste, sondern Teil der Geschichte und Teil der Gesellschaft. Dann muss man Gesellschaft aber auch als etwas Heterogenes und Diverses sehen, in der auch Minderheiten als Teil des Ganzen betrachtet werden. Das drückt sich dann auch darin aus, wenn IKG-Präsident Oskar Deutsch betont, dass es nicht nur den Kampf gegen Antisemitismus, sondern auch gegen Rassismus braucht. "Wenn jemand gegen Minderheiten losgeht, muss man dagegen kämpfen."