Wie trinkt man nach einem Mittagessen mit Schnitzel oder Reisfleisch seinen Kaffee? Zum Beispiel mit Pflanzenmilch. Diese ist nämlich parve. Die koschere Küche verbietet den gemeinsamen Verzehr von Milchigem und Fleischigem, kennt aber eine dritte, quasi neutrale Kategorie: Lebensmittel, die parve sind. Sie dürfen sowohl mit milchigen als auch fleischigen Gerichten kombiniert werden.

Dieses Sesammus ist koscher parve - es gilt als neutral und kann in der koscheren Küche sowohl zu Fleisch als auch zu Gerichten, die Milch enthalten, gereicht werden. - © Alexia Weiss
Dieses Sesammus ist koscher parve - es gilt als neutral und kann in der koscheren Küche sowohl zu Fleisch als auch zu Gerichten, die Milch enthalten, gereicht werden. - © Alexia Weiss

Als parve gelten Obst, Gemüse und Getreide, aber auch Honig, Eier und Fisch (wobei Fleisch und Fisch bei einer Mahlzeit nacheinander gegessen, aber nicht im selben Topf zubereitet werden dürfen und auch das Besteck und Geschirr muss zwischen einem Fisch- und einem Fleischgang gewechselt werden, damit die Speisenfolge koscher ist).

Woher der Begriff parve stammt, ist nicht gesichert, es gibt aber verschiedene Erklärungsmodelle. Sprachlich könnte es zum Beispiel von pareil aus dem Französischen hergeleitet werden, das gleich bedeutet, oder aus dem Lateinischen pavrus (unbedeutend, klein, bescheiden). Wahrscheinlicher ist, dass es von Beit HaParve kommt. Dieser Begriff bezeichnete im Tempel von Jerusalem einen Raum, der sich zur Hälfte im Bereich der Kohanim, der Priester, befand und zur Hälfte im Bereich aller Israeliten.

Nicht Position beziehen

Sprachlich interessant ist, dass parve heute in jüdischen Haushalten auch Eingang in Kontexte gefunden hat, die so gar nichts mit Essen zu tun haben, und das vor allem im englischsprachigen Raum. "Sie versucht sich parve zu verhalten, damit sie mit allen befreundet bleibt", könnte etwa ein Satz lauten. Parve wird hier also als Synonym für neutral eingesetzt, fürs nicht Position beziehen.

Nicht Fisch, nicht Fleisch würde man im Deutschen sagen. Angepasst an die Vorgaben der Kaschrut, also der jüdischen Speisevorschriften, könnte man auch sagen: nicht Fleisch, nicht Milch. Dieser Tage würde mir so einiges einfallen, was weder das eine noch das andere ist, aber ich versuche nun auch mal etwas Positives aus dem sich Durchschlängeln herauszupicken.

Parve Lebensmittel erleichtern Menschen wie mir, die keine Milchprodukte vertragen, das Leben. Kaufe ich im koscheren Supermarkt ein, kann ich etwa bedenkenlos Kekse, Kuchen, Brot, aber auch Tiefkühlgerichte wählen, wenn sie als parve gekennzeichnet sind. Erstaunlicherweise schmecken übrigens parve Backwaren oft saftiger als zum Beispiel anderswo gekaufte vegane Brote oder Kekse. Die koschere Nahrungsmittelindustrie hat es geschafft, über die Jahre Ersatzprodukte für zuvor Milchiges zu kreieren, die dem Original-Geschmack sehr nahe kommen. Beispiel cream cheese. Der milchfreie Frischkäseersatz in der koscheren Form schmeckt authentischer als die vegane Variante aus dem Bio-Supermarkt. Ähnlich verhält es sich mit Sojaschnitzeln, die inzwischen auch in die heimischen Supermarktketten Einzug gehalten haben, in den koscheren Geschäften aber schon seit vielen Jahren erhältlich sind.

Achtsamkeit

Sich neutral zu verhalten, um doch noch auf eine andere Ebene zu wechseln, spart zudem auf einer rein persönlichen Ebene wohl viel Energie. Achtsamkeit ist dieser Tage in vieler Munde – eine Bewegung übrigens, in der sich auch einige Juden und Jüdinnen kraftvoll eingeschrieben haben. Einer von ihnen ist John Kabat-Zinn. In seinem Buch "Achtsamkeit für Anfänger" beschreibt er verschiedene Übungen, darunter auch die "Achtsamkeit als reines Gewahrsein".

Dazu schreibt er: "Das Gewahrsein muss nichts tun. Es muss keine Ereignisse hervorbringen. Es sieht einfach. Es erkennt einfach. Und wie wir schon angemerkt haben, im Sehen und im Erkennen von allem, was durch die Sinne erscheint, in der Berührung aller Gedanken im Gewahrsein werden diese Ereignisse im Geist – seien es nun Gedanken oder Emotionen oder Körperempfindungen – selbst-befreit, sie gehen von selbst vorüber. Sie führen nirgendwohin, sie ergreifen uns nicht und ziehen uns nicht weg – wenn wir sie nicht nähren." Ich werde diese Zeilen zu meinem Motto für das Jahr 2020 machen.