Lange haftete Fernseh-Serien der Beigeschmack an, vor allem eines zu sein: massentaugliche Unterhaltung. Wer Kunst, wer wirklich Bedeutungsvolles sehen wollte, hatte ins Kino zu gehen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Serien wie "Twin Peaks", vor allem aber "Holocaust" zeigten auch schon in der Vergangenheit, dass das Genre unterschätzt wird. Mit der Verbreitung der Streaming Dienste wurden Serien in den letzten Jahren jedoch deutlich auf ein neues Level gehoben. Das erklärt auch, warum zunehmend arrivierte Filmschauspieler nicht mehr davor zurückscheuen, in Serien mitzuspielen.

Für Februar kündigt sich ein Serien-Juwel an: Al Pacino gibt in der Amazon Prime-Produktion "Hunters" einen Holocaust-Überlebenden, der gemeinsam mit anderen Survivors in den USA Jagd auf Nazis macht. Dabei handelt es sich nicht um Neonazis, sondern solche, die aus Deutschland in die USA geflohen sind, wie Amazon schreibt: "Als die Hunters – die Jäger – herausfinden, dass Hunderte geflohener Nazis in Amerika leben, tun sie, was eine knallharte Selbstjustiz-Bande eben so tut: Sie machen sich daran, auf blutige Weise Rache zu nehmen und Gerechtigkeit zu üben. Doch schon bald stoßen sie auf eine weit reichende Verschwörung."

Kein Mord, sondern Mitzwe

Im bereits veröffentlichten Trailer gibt Al Pacino in der Rolle des Meyer Offerman dabei die Linie vor: "Es kommt die Zeit, in der wir uns alle entscheiden müssen, und zwar zwischen Licht und Dunkelheit. Wenn aber die Dunkelheit die Welt beherrscht, ist uns die Entscheidung vielleicht schon abgenommen. Über Jahrhunderte hinweg wurden Menschen wie wir erniedrigt und vernichtet. Aber das hört jetzt auf. Das Böse ist unter uns. Und eines dürft ihr nie vergessen: Dieses Böse beginnt als winziger Punkt im Inneren, wächst heran, wird ein Fleck und schließlich eine Seuche. Aber ein solches Übel können wir erst erkennen, wenn es zuschlägt. Die Zeit zu handeln ist jetzt, bevor alles, was uns lieb und teuer ist, vernichtet wird. Das ist kein Mord. Das ist Mitzwe. Willkommen zur Jagd."

Angesiedelt ist das Geschehen in den 1970er Jahren, ein kluger Schachzug, um das Thema zu behandeln angesichts der Tatsache, dass es heute kaum mehr Überlebende gibt. Wie wichtig es ist, sich mit Antisemitismus, Nationalsozialismus und Neonazismus beziehungsweise der White Supremacy-Bewegung auseinanderzusetzen, zeigt der zuletzt rasante Anstieg von Antisemitismus, auch tätlichem, in den USA. Zu Chanukka stach ein Attentäter in New York auf Menschen ein, die gerade das Lichterfest feierten.

"Hunters" greift damit also ein höchst aktuelles Thema auf – und wird, so lässt das wenige, was zum Inhalt bereits bekannt ist, vermuten, einige ethische Fragen aufwerfen, wie etwa jene, ob es moralisch in Ordnung ist, sich aus Rache über das Gesetz zu stellen. Was ebenfalls schon enthüllt wurde: es sind hier nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die auf Rache aus sind. Bis heute haben Juden in vielen Ländern weltweit das Gefühl, dass sie ziemlich alleine gelassen werden, wenn es um Antisemitismus geht. "Hunters" verspricht, hier Schlaglichter zu werfen.

Produzent Jordan Peele

Dabei sind auch erzählerisch interessante – und durchaus nicht zimperliche - Perspektiven zu erwarten. Blut wird fließen, und das nicht zu knapp. Wieviel der Zuschauer davon zu sehen bekommen wird? Der Februar wird es zeigen. Einer der Produzenten von "Hunters" ist Jordan Peele. Der 40Jährige legte bisher eine fulminante Karriere als Filmschauspieler, Comedian, Drehbuchautor und Regisseur hin. Sein Regiedebüt "Get Out" im Jahr 2017, ein Horror-Thriller, behandelt Alltagsrassismus in den USA. Peele schrieb auch das Drehbuch. Der Film wurde für mehrere Oscars nominiert und spielte mehr als 100 Millionen US-Dollar ein. Das gelang keinem anderen afroamerikanischem Regisseur und Drehbuchautor vor ihm mit einer Debütproduktion.

So ist davon auszugehen, dass Peele in "Hunters" auch das Thema Rassismus mitverhandelt. Zum einen sind Nazis nicht nur Antisemiten, sondern eben auch Rassisten. Zum anderen wurde die FBI-Agentin , welche sowohl die Nazis als auch die jüdischen Rächer jagt, mit Jerrika Hinton (sie war lange als einer der Ärztinnen in "Grey’s Anatomy" zu sehen) besetzt. Es gebe einen richtigen und einen falschen Weg, zu Gerechtigkeit zu kommen, wird sie in der Serie sagen. Al Pacino alias Meyer Offerman jedoch meint – siehe weiter oben: "Das ist kein Mord. Das ist Mitzwe."

Unter Mitzwe versteht man ein Gebot. Gibt es in bestimmten Fällen also eine Verpflichtung, Menschen zu töten, um Schlimmeres zu verhindern? Das scheint doch eine sehr gewagte Auslegung. "Hunters" schließt hier wohl an den vielfach prämierten Film "Inglorious Basterds" an – nur dass diese Kämpfer und Kämpferinnen ein paar Jahrzehnte später gegen Nazis vorgehen. Man könnte auch sagen: der Krieg ist noch lange nicht gewonnen. Den "Hunters" geht es daher darum, das Übel ein für alle Mal zu beseitigen.

Und damit sind wir gedanklich eben auch im Heute. Wie stark sich Antisemitismus hält, zeigt sich aktuell in so vielen Facetten – vom tätlichen Angriff bis zum Hass im Netz, nicht zuletzt genährt durch zahlreich kursierende Verschwörungstheorien. Konzepte, gegen den antisemitischen Hass vorzugehen, gibt es viele, hundertprozentig erfolgreich war noch keines. Auch die neue türkisgrüne österreichische Regierung hat sich in ihrem Arbeitsprogramm diesen Kampf vorgenommen – so soll es etwa endlich wieder einen Rechtsextremismusbericht geben. Aber auch über eine Novellierung des Verbotsgesetzes wird nachgedacht, um auch Teilleugnungen des Holocaust einen Riegel vorzuschieben. Ob Maßnahmen wie diese überzeugte Antisemiten überzeugen können? Wahrscheinlich nicht. Doch welche andere Optionen gibt es? Das reale Leben ist eben weder ein Film noch eine TV-Serie.