Wenn man Geflüchtete durch ein Jahre langes Asylverfahren begleitet, kennt man ihre Verfolgungs- und Fluchtgeschichte gut. Man hat sie immer wieder gebeten, sie zu erzählen, um mit ihnen gemeinsam herauszufinden, was davon relevant ist und was zwar persönlich für sie wichtig ist, die Behörden hier aber nicht wirklich interessiert. Man war dabei, wie der Rechtsbeistand erneut mit ihnen ihre Verfolgungsgeschichte besprochen hat, nicht zuletzt um zu eruieren, was man möglicherweise durch Recherchen auch mit Dokumenten, Zeitungsberichten, Zeugenaussagen belegen kann.

Was mir dabei einerseits auffiel: Wie man Geschichten erzählt, ist kulturabhängig. Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass zum Beispiel Afghanen und Afghaninnen Erlebtes gänzlich anders schildern als wir das zum Beispiel nach einem Unfall oder einem spannenden Erlebnis tun würden. Andererseits wird die Erzählung von Mal zu Mal zwar dahingehend relevanter, als das, worauf es im Asylverfahren ankommt, einigermaßen chronologisch geschildert und nicht wild durch die Zeit gesprungen wird oder immer neue, für die Schilderung nicht relevante Personen eingeführt werden. Gleichzeitig entsteht durch die oftmalige Wiederholung aber auch eine emotionale Distanz beim Erzählen. Das wiederum kann sich dann vor dem Beamten des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl oder vor dem Richter des Bundesverwaltungsgerichts negativ auswirken, dann nämlich, wenn dieser meint, die Erzählung wirke emotionslos und der Asylwerber unbeteiligt.

Mir ist dieses Phänomen auch schon in einem anderem Kontext begegnet. Über die Jahre habe ich einerseits einige Zeitzeugen und Zeitzeuginnen der NS-Zeit sowohl bei öffentlichen Vorträgen oder vor Schulklassen sprechen gehört. Andererseits habe ich auch immer wieder Interviews mit Zeitzeugen geführt. Bei manchen von ihnen, die ich mehrmals hörte, wirkte der Vortrag immer gleich: nahezu wie ein einstudiertes Theaterstück und damit eben auch ein bisschen wie eine einstudierte Rolle. In Interviews entstanden oft die spannendsten Passagen dann, wenn ich unerwartete Fragen stellte. Leider waren genau diese Antworten dann nicht selten jene Interviewteile, die vom Gesprächspartner, der Gesprächspartnerin am Ende nicht frei gegeben wurden.

Ich denke, jeder kennt es von sich selbst ebenso: je öfter man ein Erlebnis erzählt, desto mehr geht die Spontaneität verloren, desto mehr schleift sich die Geschichte mit jedem weiteren Erzählen ab, wird runder, perfekter. Das hat gar nichts damit zu tun, dass man hier bewusst etwas inszenieren würde. Es passiert einfach. Dennoch stimmt die Erzählung – genauso wie jene der Geflüchteten stimmt oder aber eben jene von Zeitzeugen.

Bewahren für die Nachwelt

Und daher ist es auch wichtig, dass Zeitzeugen weiter gehört werden beziehungsweise ihre Geschichte in ihren Worten in verschriftlichter Form, auf Tonband und Video festgehalten wird. Seit Jahren wird rund um den Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Jänner beklagt, dass es kaum noch Zeitzeugen gibt. Umso mehr scheint man sich dabei an die Erzählungen jener zu klammern, die noch am Leben sind. Und ja, da sind dann sehr berührende Aussagen zu hören und zu lesen.

Vergangenen Sommer feierte beispielsweise die Auschwitz-Überlebende Schoschana Ovitz ihren 104. Geburtstag in Jerusalem. Sie ließ sich dabei mit ihren rund 400 Nachkommen – Kinder, Enkel, Urenkel und Ururenkel - vor der Klagemauer fotografieren. Das Treffen sei nicht leicht zu organisieren gewesen, da die Verwandten über die ganze Welt verstreut leben, erzählte sie damals. Die gemeinsame Feier in Jerusalem zeige aber "den Triumph der Überlebenden über die Nazis".

Dieses Gefühl hört man immer wieder aus Überlebenden-Berichten heraus: Ha, es gibt uns noch! Wir haben Kinder – und wir haben vielen Menschen erzählt, was passiert ist. Vor allem in fortgeschrittenem Alter begannen Überlebende zunehmend, von ihren Erfahrungen zu berichten. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs stießen sie einerseits auf Desinteresse mit ihren Schilderungen, andererseits wollten viele von ihnen einfach ein ganz normales Leben führen – das hieß, sich eine Existenz aufzubauen, Familie zu haben, den Alltag zu leben. Mit den Jahrzehnten und dem immer größeren zeitlichen Abstand zur Schoa wuchs jedoch auch das gesellschaftliche Interesse, die Geschichten der Überlebenden zu hören – und es entstand ein kollektives Gefühl der Verantwortung für das, was geschehen war.

Die französische Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP) traf nun, 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und damit auch 75 Jahre nach dem Ende des Massenmords an Juden und Jüdinnen in Europa, zehn Überlende des Konzentrationslagers, das als der Inbegriff der nationalsozialistischen Todesmaschine gilt: Auschwitz. Über eine Million Menschen wurden in diesem Vernichtungslager der Nazis im heutigen Polen ermordet. Im Mai 1940 trafen die ersten NS-Verfolgten (ich finde den Begriff Häftlinge in diesem Kontext nicht passend, inhaftiert wird, wer etwas verbrochen hat, doch diese Eingesperrten und Getöteten hatten sich nichts zu Schulden kommen lassen, sie hatten nur das Pech, jüdisch zu sein – oder homosexuell oder zu den Roma zu gehören oder oder oder) im KZ Auschwitz ein, im Jänner 1945 wurde das Lager evakuiert.

Was mir auch bei diesem AFP-Bericht ins Auge stach, war diese Passage: "Manche haben ihre Geschichten auswändig gelernt, sie tragen dabei jedes Detail vor – ohne Tränen. Andere sind nicht mehr stark genug, um zu sprechen. Die Erinnerungen von anderen wurden durch eine Alzheimer-Erkrankung zerstört. Wieder andere schämen sich immer noch dafür, eines der Opfer von Adolf Hitler zu sein." Es geht in den Berichten über Zeitzeugen und Zeitzeuginnen heute also nicht mehr nur darum, was sie zu sagen haben – sondern auch darum, wie sie es sagen. Ich empfinde das auch als Sinnbild für ihr langsames Verschwinden. Indem wir uns zunehmend mit ihren Emotionen auseinandersetzen, wie sie die Vergangenheit schildern und empfinden, setzen wir uns auch mit unseren Emotionen auseinander, wenn wir ihnen zuhören, aber auch was es mit uns macht, dass nun eben die Zeit gekommen ist, in der ein Überlebender nach dem anderen – ohnehin schon hochbetagt – stirbt.

Das Gefühl von Schuld

Menahem Haberman, er kam 1927 in der damaligen Tschechoslowakei zur Welt, war ein Teenager, als man ihn nach Auschwitz deportiere und dort von seiner Familie trennte. "Ich denke jeden Tag daran, vor allem nachts", sagte er nun der AFP. "Es ist tief in mich eingeschrieben. 75 Jahre später leben wir immer noch damit, wir vergessen nicht – wir können nicht vergessen. Wir sind Überlebende, wir sind keine Entkommenen. Die Lager sind in unsere Haut eingeprägt." Und dann sagt Habermann noch diesen Satz: "Ich kannte Menschen, die besser waren als ich. Warum sind sie gestorben und warum bin ich noch am Leben?"

Mit diesem Gefühl der Schuld ist Haberman nicht alleine. Viele Überlebenden wurden und werden bis heute davon geplagt. Warum mussten meine Eltern sterben, meine Geschwister, mein Mann, meine Frau, mein Kind. Warum habe ich überlebt? Wäre ich doch auch gestorben und müsste nicht diese Hölle der Schuld weiter und weiter durchleben. Es gibt Dinge, die man Menschen immer und immer wieder sagt, aber sie dringen nicht durch. Auch Menahem Haberman bekam in seinem langen Leben sicher wieder und wieder erklärt, dass sein Überleben nicht mit Schuld verbunden ist. Aber Gefühle und Emotionen entziehen sich eben oft der Rationalität.

Das Phänomen des Opfers, das sich schuldig fühlt, gibt es nicht nur unter Überlebenden der Schoa. Aber hier scheint es so präsent, weil es eben so viele Opfer des Nationalsozialismus gab und in so vielen Erzählungen durchscheint oder klar artikuliert wird. Interessanterweise sind es allerdings auch solche Aussagen, die über das reine Schildern des Erlebten hinaus, das Grauen der NS-Zeit fassbar machen und zur Reflexion einladen. Mache ich mich bereits mitschuldig an einem Vernichtungssystem, wenn ich mit aller Kraft versuche zu überleben, während rundherum Menschen sterben oder ermordet werden?

Aus heutiger Sicht ist die Antwort klar. Ich kann aber, wenn ich mich in die Betroffenen in der Situation des Lebens im KZ hineindenke, doch auch nachvollziehen, was sie meinen. Am Ende sind es dann Überlegungen wie diese, die einmal mehr zeigen, dass die Schoa nie gänzlich nachvollziehbar sein wird. Das Grauen ist nicht fassbar. Gerade deshalb muss das Wissen darum und die Erinnerung daran aber für alle Zeiten aufrechterhalten werden. Es zur Seite zu schieben und dem Vergessen preiszugeben wäre ein Verrat an den Opfern. Und so freue ich mich schon auf die hoffentlich vielen Interviews mit und Geschichten von Überlebenden, die in den nächsten Tagen weltweit zu lesen sein werden.