Seit Jahren bemühen Politiker in Österreich – zuletzt vor allem jene in ÖVP und FPÖ - den Begriff des "christlich-jüdischen Abendlandes" oder des "christlich-jüdischen Erbes". Wenn man sich mit der Verfolgung des Judentums in Österreich auseinandersetzt, erscheint einem diese Konstruktion nicht stimmig. Wie sehr sie nicht stimmig ist, zeigt nun eine Aussage der neuen Integrationsministerin Susanne Raab, die auch für die Religionsgesellschaften verantwortlich zeichnet. Sie wurde von der Zeitung "Österreich" zum Kreuz im Klassenzimmer befragt. Darauf antwortete sie: "Das Kreuz im Klassenzimmer und im öffentlichen Raum ist nicht nur als religiöses Symbol zu sehen, sondern auch als klares Zeichen für unser christlich-jüdisches Erbe. Es bringt eine historisch gewachsene Tradition zum Ausdruck, die auch im Wertefundament im heutigen Österreich und Europa entscheidend prägt, und steht deshalb nicht zur Diskussion."

Das Kreuz - Zeichen des Christentums, aber nicht des Judentums. - © Alexia Weiss
Das Kreuz - Zeichen des Christentums, aber nicht des Judentums. - © Alexia Weiss

Das Kreuz mag nun in Klassenzimmern hängen oder nicht: Es steht jedenfalls für das Christentum – und nur für das Christentum. Das Judentum wurde über Jahrhunderte im Namen des Kreuzes bekämpft – hier eine Verbindung herzustellen, ist daher, gelinde gesagt, einigermaßen skurril. Wie sehr gerade die Kirche Antisemitismus befördert hat, ist beispielsweise in Hyam Maccobys Buch "Ein Pariavolk. Zur Anthropologie des Antisemitismus" nachzulesen, das dieser 1996 verfasste und das im vergangenen Jahr bei Hentrich & Hentrich in deutscher Übersetzung erschien. Der Judaist und Talmudphilologe hielt darin vor allem fest, dass die Schoa ohne den christlichen Antisemitismus nicht möglich gewesen wäre.

Das Neue Testament habe Juden als das verfluchte Volk hingestellt. Das habe zwar zunächst keine Auswirkungen auf den Alltag von Jüdinnen und Juden gehabt. Ab dem 11. Jahrhundert seien Juden dann aber "allmählich von der breiten Masse dämonisiert worden: Sie wurden zur geächteten Gruppe, ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Umgang, von der Mischehe und von jedem ehrbaren Beruf". Im Rückblick sei es das blühende deutsche Judentum vor dem Holocaust gewesen, das dazu diente, die Aufmerksamkeit von der historischen Kontinuität des Antisemitismus abzulenken, so Maccoby weiter. Die antisemitische Propaganda der Nazis wertete er als "Rückfall in mittelalterliches Denken und Verhalten, veranlasst durch Ressentiment gegen den jüdischen Versuch, den Vorteil der Versprechungen der Aufklärung wahrzunehmen und der mittelalterlichen Rolle als Paria zu entkommen".

Jahrhunderte lange Dämonisierung

Die Maßnahmen der Nazis, welche die demokratischen Bürgerrechte von Juden beschnitten, hätten die mittelalterlichen Verfügungen wiederholt. Außerdem sei die Propaganda, mit der die Juden verleumdet wurden, "einschließlich der Ritualmordlegende direkt der mittelalterlichen Literatur und Luthers antisemitischen Schmähschriften entnommen" worden. Angesichts dieser Kontinuität hält Maccoby fest, "dass der Holocaust kein Mysterium war". "Wenn ein Volk durch die Jahrhunderte ständiger Verleumdung und Dämonisierung ausgesetzt war, sodass ein allgemeiner Abscheu so tief eingeimpft wurde, um wie ein Instinkt zu funktionieren, kann es nicht überraschen, dass irgendwann eine Bewegung aufkommt, deren Ziel die Auslöschung dieses angeblichen Schädlings und Feindes der Menschheit ist."

Insofern ist es auch schlüssig, dass die Konstruktion eines "christlich-jüdischen Abendlandes" erst lange nach den Gräueln des Holocausts entstand. "Das ist eine neue Erfindung, die es vor den 1960er Jahren nicht gegeben hat", schreibt etwa der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister in dem Buch "Reise nach Jerusalem" das er 2016 gemeinsam mit dem Imam Ramazan Demir im Amalthea Verlag veröffentlichte. "Es war das christliche Abendland. Erst nachdem man dann die vergangenen hundert Jahre hat Revue passieren lassen, wurde damit begonnen, den Begriff vom christlich-jüdischen Abendland zu strapazieren", hält er dazu weiter fest. Und: "Man wollte den Juden damit etwas Gutes tun. Ich empfinde das als Anbiederung. Juden sind über mehr als tausend Jahre im Namen dieses ‚christlichen Abendlandes’ vertrieben, verfolgt und ermordet worden. Wenn man jetzt vom christlich-jüdischen Abendland spricht, blendet man die negativen Momente gewissermaßen aus. Man tut so, als hätte es sie nicht gegeben."

Abgrenzung gegenüber dem Islam

In Wahrheit gehe es dabei aber um etwas ganz anderes, meint der Rabbiner: "Man versucht damit, das Christliche mit dem Jüdischen zu verbinden – und zwar gegen das Muslimische, also das so genannte ‚christlich-jüdische’ Abendland gegen den Orient. Im öffentlichen Diskurs, auch im politischen, ist in den letzten Jahren der Begriff von den christlich-jüdischen Werten immer wieder im Zusammenhang mit beziehungsweise als Kontrastpunkt zu der befürchteten Islamisierung Europas gefallen. Die westlichen Werte sind noch vergleichsweise jung und haben mit dem Abendland nichts zu tun. Und unsere demokratischen Werte, die wir Gott sei Dank seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa bewahren konnten, haben auch nicht viel mit der Geschichte des Abendlandes zu tun, das bis vor kurzer Zeit weder frei noch demokratisch war."

Ähnlich argumentiert auch Benjamin Guttmann, Präsident der European Union of Jewish Students (EUJS), den ich vergangenen Herbst für das Magazin WINA interviewt habe. In dem Gespräch meinte er: "Es gibt wirklich wenige Begriffe, die mich so sehr stören wie der des ‚jüdisch-christlichen Abendlandes’, der jetzt sowohl von rechtsextremen und rechten wie auch konservativen Politikern immer wieder benutzt wird, weil er einfach die europäische Geschichte nicht widerspiegelt. Die Geschichte des christlichen Abendlandes war eine Geschichte von Unterdrückung von Jüdinnen und Juden, eine Geschichte von Antisemitismus, eine Geschichte, die von den Kreuzzügen über katholischen Antisemitismus bis zum politischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert reicht. Dieses christliche Abendland hat die Juden immer zu etwas anderem gemacht, hat sie ausgesperrt, in Ghettos gesperrt."

Der jüdische Beitrag zu diesem christlichen Abendland sei gewesen, "dieses christliche Abendland abzubauen, zu schauen, dass man sich weiterentwickelt, dass wir zu einer toleranteren, progressiveren Gesellschaft werden", so Guttmann. "Aber dieser Beitrag ist nicht im Rahmen des christlichen Abendlandes passiert, sondern, ganz im Gegenteil, trotz des christlichen Abendlandes. Und das wird heute verwendet, um ein rassistisches Argument zu machen. Wir finden es politisch nicht opportun, hier ausgespielt zu werden. Ein christlich-jüdisches Abendland zu fantasieren, um dann einen Kulturkampf gegen muslimische Gruppen, die das christlich-jüdische Abendland zerstören wollen, zu führen, ist hoch gefährlich und geschichtsrevisionistisch, weil es nicht der europäischen Geschichte entspricht. Abgesehen davon gibt es diesen Kulturkampf meiner Meinung nach auch nicht."

Kreuz nicht nur kulturelles Symbol

Es war eine andere Debatte um das Kreuz im öffentlichen Raum, nämlich jene in Bayern, in deren Zug sich ein katholischer Würdenträger 2018 zu dem Thema zu Wort meldete. Die CSU führte eine Kreuz-Pflicht in bayerischen Behörden ein, dadurch sei "Spaltung, Unruhe, Gegeneinander", ausgelöst worden, kritisierte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. "Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden. Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet", wurde er auf domradio.de zitiert. Es stehe dem Staat aber nicht zu, zu erklären, was das Kreuz bedeute. Das Kreuz sei "ein Zeichen des Widerspruch gegen Gewalt, Ungerechtigkeit, Sünde und Tod, aber kein Zeichen gegen andere Menschen". Die gesellschaftliche Debatte über das Kreuz halte er aber für wichtig, sagte der Kardinal damals. Man müsse diskutieren, was es heißt, in einem christlich geprägten Land zu leben. Dabei müssten aber alle einbezogen werden: Christen, Muslime, Juden und jene, die gar nicht gläubig seien, meinte Marx.

Dieses Einbeziehen ist wichtig. Das Beschwören eines christlich-jüdischen Abendlandes ist aber etwas anderes: es ist eben eine Abgrenzung gegenüber dem Islam zum einen. Zum anderen wirkt es aber auch wie eine Beschönigung der Geschichte der Juden in Österreich. Die heutige jüdische Gemeinde ist die vierte in diesem Land, denn drei Mal wurden Juden hier bereits vertrieben und vernichtet. Davon zeugen die Überreste der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde auf dem Judenplatz. Davon zeugt im zweiten Bezirk die Leopoldskirche, die im Jahr 1670 nach der Vertreibung der Juden aus dem Ghetto im Unteren Werd genau dort errichtet wurde, wo zuvor die Neue Synagoge stand. Davon zeugen all die Orte, die an die Schoa erinnern.

Heute distanzieren sich die christlichen Kirchen in Österreich klar von Antisemitismus und suchen den Dialog mit dem Judentum. Das ist aber eine Entwicklung, die nach dem Terror des NS-Regimes begann. Man könnte also sagen: Österreich gehört zum "christlichen Abendland". Und in Österreichs Kultur- und Geistesgeschichte haben sich – vor allem ab dem 19. Jahrhundert – auch viele Juden und Jüdinnen eingeschrieben. Das sind aber eben zwei ganz unterschiedliche Dinge.