Das wird auch deutlich, wenn sich, wie vergangene Woche, dutzende Regierungschefs in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem einfinden, um der Gräuel der NS-Zeit zu gedenken. Bitter dabei: Offenbar ist es nicht möglich, bei solch einem Treffen tatsächlich nur die Opfer in den Mittelpunkt zu stellen. Da ging es dann auch um Fragen, wer trifft sich hier mit wem und bespricht was abseits des offiziellen Programms, vor allem aber darum, wer darf eine Rede halten und wer nicht und wer fühlt sich dadurch so düpiert, dass er den Feierlichkeiten damit gleich fernbleibt, durch seine Abwesenheit dann aber besonders präsent scheint. Die Rede ist hier vom polnischen Präsidenten Andrzej Duda.

Konflikt Russland - Polen

Ansprachen sollte es von Vertretern Israels, Deutschlands sowie den vier Alliierten geben. Damit konnte der russische Präsident Wladimir Putin eine Ansprache halten, Duda aber eben nicht. Im Hintergrund läuft hier ein Deutungsstreit, wer welche Rolle in der NS-Zeit gespielt hat. Putin sieht eine Mitschuld Polens am Holocaust und betont den starken Antisemitismus im Land in den Zwischenkriegsjahren, Polen weist diese Darstellung zurück und sieht sich selbst vor allem als Opfer der Nationalsozialisten.

Es ist zu wünschen, dass die heutigen Feierlichkeiten in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau selbst ohne diese Zwischentöne auskommen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen wird an dem Gedenkakt ebenso teilnehmen wie mehr als 20 andere Staatschefs. Erwartet werden zudem rund 100 Holocaust-Überlebende. "Am 27. Januar ehren wir das Andenken der sechs Millionen Juden, die von den Nazis nur deshalb ermordet wurden, weil sie Juden waren, fast eine Million davon in Auschwitz-Birkenau. Indem wir die Erinnerung an den Holocaust wachhalten und die Dringlichkeit der weiteren Aufklärung erkennen, können wir sicherstellen, dass zukünftige Generationen tatsächlich den vollkommenen Hass des Nazi-Vorhabens, die Europäischen Juden auszulöschen sehen können und wir sicherstellen, dass dies niemals je wieder geschehen kann", betonte Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC) und Vorsitzender der Auschwitz-Birkenau Memorial Foundation, im Vorfeld des heutigen Gedenkens.

Doch wie wird man die Erinnerung an den Holocaust wachhalten können, wenn es keine Überlebenden mehr geben wird? Vor allem aber: wie wird man bei immer neuen Generationen das Interesse an dem Thema schüren können? Gedenkveranstaltungen wie jene vergangene Woche in Yad Vashem oder die heutige in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, aber auch jene am Heldenplatz in Wien sprechen meist nur Menschen an, die ohnehin stark mit dem Thema befasst sind. Die Berichterstattung über solche Feiern ist zwar in klassischen Print- und TV-Formaten präsent. Doch finden die Bilder auch Eingang in die Instagram- und TikTok-Timelines der kids?

"Jojo Rabbit"

Eben lief in den heimischen Kinos der Film "Jojo Rabbit" des neuseeländischen Regisseurs Taika Waititi (er nannte sich in seiner Künstlerkarriere auch teilweise Taika Cohen) an. Der Streifen ist ganz zu Recht in mehreren Kategorien für die diesjährigen Oscars nominiert, darunter auch als Anwärter auf den besten Film. "Jojo Rabbit" liefert Bilder, mit denen auch Jugendliche von heute etwas anfangen können. Obwohl es mich – ich gebe es zu – als kritische Konsumentin diverser Literatur und Filme, die in der NS-Zeit spielen, zunächst, bevor ich "Jojo Rabbit" im Kino sah, irritiert hat, dass hier eine slapstickartige Hitler-Figur eingeführt wird, muss ich nach dem Kinobesuch zugeben: der Film verblödelt nichts, im Gegenteil, hier kommt genau jener Humor zum Einsatz, der einem ab einem gewissen Punkt im Hals stecken bleibt. Die Satire wandelt sich in eine Tragödie und genau das macht nachdenklich und berührt.