Alternative Heldinnen und Helden

Die Geschichte und Wandlung Jojos wird hier eindringlich erzählt. Der Regisseur schafft hier aber auch Helden und Heldinnen abseits des zu Erwartenden. Da ist Rosie Betzler, die, obwohl alleine mit dem Sohn in Falkenheim zurückgeblieben, eine starke, selbstbewusste Frau ist. Eindringlich die Szene, in der sie von Jojo gefragt wird, was die Menschen, die man zur Abschreckung öffentlich gehängt hat, gemacht hätten, um dieses Schicksal zu erleiden. Sie antwortet kryptisch: "Was sie konnten." Da ist aber auch der etwas exzentrische Kommandant Klenzendorf (gespielt von Sam Rockwell). Zunehmend wird klar, was er zu Beginn des Filmes mit Alkohol zu übertünchen versucht. "Captain K." wird schließlich viel riskieren. Da ist aber auch Elsa (Thomasin McKenzie), die Jojo rasch zeigt, wer in dieser Beziehung die Oberhand hat – nämlich sie. Sie sagt in diesem Film einen sehr einprägenden Satz: "We’ll all be kaputt." Obwohl das Geschehen in Deutschland spielt, empfiehlt sich die englische Originalfassung. Hier wird auch sprachlich viel mittransportiert, wie das englischsprachige Ausland Nazis bis heute sieht.

Waititi webt zudem geschickt viel an Information über die Schrecken des NS-Regimes ein, ohne sich dabei zu verzetteln. Die Verfolgung und das Töten von Juden, die Deportationen von Bahnhöfen aus, der Widerstand, die Indoktrinierung von Kindern: wer hinhört bekommt ein umfassendes Bild vermittelt. Darauf aufbauend lässt sich wunderbar im Netz recherchieren: Welcher Gefahr waren Menschen, die Juden versteckten, ausgesetzt? Schickten die NS-Truppen gegen Kriegsende tatsächlich auch Kinder in den Krieg? Wie agierte die Gestapo?

Susanne Bock, die das Unfassbare in der Wirklichkeit erlebte, kehrte schließlich über den Umweg Tschechoslowakei nach Österreich zurück. Waititi fand nun in Tschechien die perfekten Drehorte für seinen Film "Jojo Rabbit". Die Städtchen Žatec und Úštěk bildeten die Außenkulissen, hier entdeckte der Regisseur unbeschädigt gebliebene Straßenzüge, die an das Deutschland der 1940er Jahre erinnern. Die Innenräumlichkeiten wurden in den Barrandov Studios in Prag gebaut.

Sein Großvater habe gegen die Nationalsozialisten gekämpft, erzählt der Regisseur, auch deshalb habe ihn - er punktete zuletzt in einem völlig anderen Genre, nämlich mit einem Marvel-Abenteuer – der Stoff interessiert. Vor allem aber habe ihn das Buch Leunens fasziniert, das ihm seine Mutter ans Herz gelegt habe. Und schließlich wisse er selbst, was es heiße, ausgegrenzt zu werden. Er habe diese Erfahrung auf Grund seiner Hautfarbe gemacht. "In Neuseeland gibt es traditionell Vorurteile gegenüber Maori. Ich wurde als Jugendlicher damit konfrontiert, aber man lernt, das von sich abprallen zu lassen. (...) Bis heute verwandle ich allerdings viele dieser Gefühle in Komik." Diese Komik kommt in "Jojo Rabbit" oft zum Einsatz. Doch Waititi schafft es, dass sie entlarvt und nicht beschönigt. Man kann sich in diesem Film nicht über den Schrecken lachen. Der Filmstart hätte terminlich nicht besser gewählt werden können.