Religiöse Rituale werden in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft bisweilen gerne der Lächerlichkeit preisgegeben. Doch wenn man sich manche dieser Prozeduren genauer ansieht, sind sie im Kern doch sehr sinnvoll. Haben Sie schon einmal einen dieser Krüge mit zwei Henkeln gesehen? Man findet sie in den Waschbecken vor der Klagemauer in Jerusalem. Man findet sie im Vorraum von Synagogen. Es gibt sie aber auch in jedem orthodoxen jüdischen Haushalt. Selbst ich habe so einen Krug zu Hause – aus pinkem Plastik, und ja, nicht oft im Einsatz. Er steht da im Kasten, bereit, falls wir observante Gäste haben. Und auch zu Pessach holen wir ihn hervor.

Handwaschbecken in einem der Vorräume des Stadttempels in Wien. - © Alexia Weiss
Handwaschbecken in einem der Vorräume des Stadttempels in Wien. - © Alexia Weiss

Mit dem zweihenkeligen Gießbecher wäscht man sich die Hände. Das tut man morgens nach dem Aufstehen oder vor einer Mahlzeit, nach einem Gang auf die Toilette, während des Sederabends zu Pessach, nach einer Trauerfeier. Manches Mal kippt man drei Mal Wasser über jede Hand (etwa morgens), manches Mal nur einmal (zum Beispiel vor dem Essen). Immer aber ist die rechte Hand die erste, die mit Wasser benetzt wird, immer kommt die linke Hand an zweiter Stelle.

Rituelles Händewaschen

"Netilat Jadajim" nennt sich dieses Ritual im Judentum. Der Begriff Netila geht auf das aramäische Wort für Gefäß zurück (Natla), schreibt der Oberrabbiner Tel Avivs, Israel Meir Lau, der 1993 bis 2003 auch aschkenasischer Oberrabbiner Israels war, in seinem Standardwerk "Wie Juden leben". Hier erklärt er im Kapitel "Vor der Mahlzeit" auch, dass es sich beim Händewaschen nicht um eine Vorgabe in der Tora, sondern eine "rabbinische Verordnung" handelt.

Oberrabbiner Lau schreibt dazu: "Fragt man nach dem Ursprung dieses Gebots, das, wie gesagt, ja nicht ausdrücklich in der Tora erwähnt ist, erhält man die folgende Antwort: Uns wurde befohlen: ‚Weicht nicht ab von dem Wort, das man dir rechts und links sagt: ‚Die Tora heißt uns, den Wiesen jeder Generation zu gehorchen.’ Und das ist der Ursprung des Gebots, vor einer Mahlzeit die Hände zu übergießen.’ Im Zusammenhang mit diesem Gebot in der Tora verwiesen die Weisen auf den Vers 3. Mose 11,44: ‚So heiligt euch’ – damit ist das Händewaschen vor der Mahlzeit gemeint – ‚und seid heilig’ – damit ist das Händewaschen nach der Mahlzeit vor dem Dankgebet gemeint."

Interessant finde ich vor allem aber die weiteren Ausführungen von Oberrabbiner Lau. Er beschreibt dabei nämlich, dass es auch darum geht, die Hände ordentlich von allfälligem Schmutz zu reinigen. "Aus hygienischer Sicht braucht auf den Wert dieser Anordnung der Weisen wohl kaum besonders hingewiesen zu werden. Entsprechend der Halacha sollte man sich nach dem Übergießen der Hände auch davon überzeugen, ob keine Farbe, kein Abfall oder Schmutz an der Hand klebt. Findet man noch Schmutz, muss er noch vor dem Übergießen entfernt werden. Auch Schmutz, der sich unter den Fingernägeln angesammelt hat, muss vor dem Händewaschen entfernt werden; denn der Schmutz wirkt wie eine Trennwand, die das Wasser daran hindert, vollständig die Hand abzuspülen."

Nicht überflüssig

Heute ist es selbstverständlich, sich regelmäßig die Hände zu waschen, gerade morgens, nachdem man auf der Toilette war, bevor man zu kochen beginnt, vor dem Essen. Niemand würde das als ein überflüssiges Ritual abtun, jedem ist die hygienische Bedeutung des Händewaschens klar. Andere Rituale mögen auf den ersten Blick nicht so eine klare Funktion haben, auf den zweiten Blick aber dann doch: Riten bei einem Todesfall beispielsweise erleichtern das Trauern und sich Verabschieden. Die vorgegebene Struktur gibt Hinterbliebenen Halt. Man weiß genau, was passiert: das Begräbnis, das Schiwe-Sitzen, die Jahrzeit.

Riten geben ein Gefühl von Sicherheit, von Geborgenheit. Der eine spricht täglich Gebete, die andere liest dem Kind abends immer dieselbe Geschichte vor, einfach, weil das Kind danach verlangt und so besser einschlafen kann. Beides tut dem jeweiligen Menschen gut, beides ist zu respektieren – und jedenfalls kein Grund, sich über eine Person lustig zu machen.