Viele Menschen vereinen mehrere Identitäten. Nissim Black sorgt mit seinen verschiedenen Zugehörigkeiten aber schon optisch für Aufsehen. Der aus den USA stammende Rapper mit dunkler Hautfarbe konvertierte zum orthodoxen Judentum und machte 2016 Alija. Heute lebt er mit seiner Frau, die ebenfalls zum Judentum übertrat, und den gemeinsamen sechs Kindern in Jerusalem. Während er einerseits in Interviews die große Spiritualität der Stadt lobt, ist er dennoch im Alltag mit Rassismus konfrontiert. 2018 kam er in die Schlagzeilen, weil er publik machte, dass seine Kinder nicht an Jeschiwot, also religiösen Schulen, akzeptiert worden waren – und zwar auf Grund ihrer Hautfarbe.

In seinem neuen Song "Mothaland Bounce" greift Nissim Black, der vor seinem Übertritt Damian Jamohl Black hieß, all das auf und visualisiert im Video (abrufbar auf Youtube) eindrücklich, woher er kommt und wer er ist. Angelehnt an den Film "Der Prinz aus Zamunda" von Eddie Murphy gibt er selbst im Clip einmal den schwarzen Stammesfürsten mit Pelzstola, dann wieder den Goldketten-tragenden Gangsta-Rapper. Nie verleugnet er aber selbst in diesen Kostümierungen den orthodoxen Juden – seine Pejes klemmt er nicht hinters Ohr, die Kippa ist stets auf dem Kopf (was sich spätestens bei einer Friseur-Szene zeigt, denn davor trägt er darüber verschiedenste Kopfbedeckungen von Hut bis Schtreimel).

Nissim Black mit Schtreimel und Goldkette in seinem Video zu "Mothaland Bounce" - © "Mothaland Bounce"/Youtube
Nissim Black mit Schtreimel und Goldkette in seinem Video zu "Mothaland Bounce" - © "Mothaland Bounce"/Youtube

In vielen Szenen ist der Sänger zudem von Tänzern aus verschiedenen Gruppen flankiert. Drei Gruppen sind es insgesamt: afrikanische Tänzer, street dancer und chassidische Tänzer. Letztere kommen gegen Ende des Videos ins Bild und sie sind quasi Streitschlichter. Sie bringen Frieden – Shalom – in die Geschichte. Sieht man sich Nissim Blacks Leben an, war es das Judentum, das endgültig Frieden in sein Leben gebracht hat. Seine Eltern waren beide ebenfalls Rapper (Emerald Street Boys und Emerald Street Girls), beide drogensüchtig und auch Dealer. Die Mutter starb inzwischen an einer Überdosis. Die erste Religion, die ihm näher gebracht wurde, war der Islam. Als Teenager konvertierte er nach einem Sommercamp des Gospel Mission Youth Center zum Christentum, das brachte ihn aus der Gangwelt in seiner Heimatstadt Seattle heraus. Doch erst mit der Konversion zum Judentum scheint sich für ihn der Weg zu Spiritualität geöffnet zu haben. Die Emigration nach Israel war dann der letzte Schritt.

Man kann nicht aus seiner Haut

Musik verbindet dabei seine alte und seine neue Welt. Er rappte bereits als Jugendlicher, veröffentlichte dabei unter den Namen D. Black und Danger. Als Nissim Black produzierte er in Israel zunächst vor allem für ein orthodoxes Publikum. Mit "Mothaland Bounce" öffnet er sich nun aber wieder einem größeren Kreis und schlägt einen Bogen zurück in die USA, zurück in seine Kindheit, zurück zu seinen Wurzeln. Der, der er heute ist, sei wohl "Hitler’s worst nightmare", Hitlers schlimmster Alptraum, sagt er in dem Song. Aber auch: "In the synagogue, camouflaged, but I can’t wipe the skin off". Ist die jüdisch-orthodoxe Kleidung die Camouflage? Oder seine dunkle Haut? In jedem Fall betont er gleich im Anschluss: "I’m proud of it."

Anderssein und dennoch dazugehören: mit diesem Widerspruch kämpfen viele Menschen. In einer Zeit, in der Identitätspolitik groß geschrieben wird, zeigt sich nämlich auch: die Zugehörigkeit zu einer Gruppe macht stark. Zu seiner Identität zu stehen, schafft Selbstbewusstsein. Andererseits schafft das Gruppendenken aber auch Grenzen und Ausgrenzung. So hat alles ein Für und Wider. Gruppen kämpften um ihre Anerkennung. In Zusammenhang mit dem Holocaust, aber auch in Zusammenhang mit anderen Menschenrechtsverbrechen, ging es dabei auch um die Anerkennung von Leid, um die Anerkennung als Opfer. Oder es ging um den Kampf gegen Ausgrenzung, prominentestes Beispiel ist die LGBTQ-Community. Doch dann gibt es eben auch Menschen, denen vermittelt wird: ihr gehört auch zu dieser Gruppe nicht dazu. Denn Ausgrenzung bezieht sich heute nicht mehr nur auf frühere Hierarchiegeflechte, die sich an Kriterien wie Reichtum und Armut oder der Zugehörigkeit zu Adelsgeschlechtern stützten.

Die Gruppe, die mir dabei sofort in den Sinn kommt: Menschen, die im Nationalsozialismus unter die Nürnberger Rassegesetze fielen und wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt wurden, nach dem Holocaust aber nicht in jüdische Gemeinden aufgenommen wurden, weil sie halachisch nicht jüdisch waren. Das macht manchen Nachfahren solcher Menschen bis heute zu schaffen.

Wer übertritt, ist vollwertiges Gemeindemitglied

Wer zum Judentum übertritt, hat jedenfalls mit offenen Armen und ohne weitere Fragen in einer jüdischen Gemeinde aufgenommen zu werden. Dass es hier dennoch immer wieder zu Vorbehalten kommen kann, zeigen Nissim Blacks Erfahrungen mit religiösen Schulen für seine Kinder. Dass hier die vermeintlich falsche Hautfarbe zu Diskriminierung führte, ist bitter. Ein Rabbiner sorgte hier jedoch für klare Worte: Schwarz zu sein sei mayla – eine Stärke – und nicht chesaron – ein Mangel, twitterte Black (@nissimofficial) nach seiner Unterredung mit Rabbiner Chaim Kanievsky und zitierte diesen damit.

Statt sich völlig an die Usancen der orthodoxen Community anzupassen, zeigt Nissim Black mit seinem neuen Video alle Facetten seines Lebens. Mit seinen nur 33 Jahren scheint er schon so intensiv ge- und so viel durchlebt zu haben, wie andere in einem Leben nicht. Seine älteste Tochter feiert in Kürze Bat Mitzwa, sein jüngster Sohn wurde erst vor einigen Monaten beschnitten, verriet er dem Magazin Alma. Sie wachsen wohl behüteter auf, als dies bei ihm der Fall war. Tora und Halacha statt Drogen und Gangs. Ist das Video zu "Mothaland Bounce" koscher? Hier wäre eine rabbinische Antwort interessant. Frauen kommen in dem Clip zwar nicht vor. Einige moves der Tänzer sind aber doch ziemlich – unorthodox. "Black ist beautiful" rappt der Sänger jedenfalls nicht nur, sondern diese line kommt auch als Botschaft des Videos an. Black is beautiful: ob in Afrika, Amerika oder Israel.