Die Führung der Wiener jüdischen Gemeinde hat sich Zeit gelassen. Man wollte einen Rabbiner finden, der zur – sehr heterogenen – Gemeinde passt und dabei nichts überstürzen. Zunächst wurde eine Rabbinerfindungskommission bestellt, dann am Ausschreibungstext gefeilt, schließlich auf die eintrudelnden Bewerbungen gewartet. Sechs waren es schließlich, allesamt hochqualifiziert, wie IKG-Präsident Oskar Deutsch betonte. Drei der Rabbiner wurden schließlich zu einem Hearing nach Wien eingeladen, einen schlug die Kommission einstimmig dem Kultusvorstand als ihren Wunschkandidaten vor.

Dieser heißt Jaron Engelmayer (geb. 1976 in Zürich) und stellte sich Montag Abend zunächst den Fragen der Mandatare und Mandatarinnen des Kultusvorstands, aber auch jenen der zahlreich erschienenen Gemeindemitglieder. Anschließend wurde Rabbiner Engelmayer auch vom Kultusvorstand einstimmig zum neuen Oberrabbiner der Wiener jüdischen Gemeinde bestellt. Er lebt und arbeitet derzeit als Gemeinderabbiner in Karmiel in Israel und wird mit August nach Wien übersiedeln.

Nach dem Rückzug von Rabbiner Arie Folger vom Amt des Oberrabbiners war diese Position nun viele Monate vakant. Für die Hohen Feiertage im Herbst lud die IKG Wien einen Gastrabbiner ein: Und dieser war Rabbiner Engelmayer. Seine Draschot hinterließen offenbar Eindruck. So wurde er kurz darauf auch gebeten, für die Bar Mitzwa eines Buben aus der Wiener Gemeinde nach Österreich zu reisen und diese im Stadttempel zu zelebrieren. Als seine Bewerbung – die Frist endete Ende November – einlangte, war er in Wien kein Unbekannter mehr. Die Kommission dürfte aber vor allem seine Vielfältigkeit beeindruckt haben.

Mehrsprachig und vielfältig

Rabbiner Engelmayer spricht nicht nur mehrere Sprachen (Deutsch, Jiddisch, Hebräisch, Französisch, Englisch, Italienisch und Russisch), sondern er wurde sowohl vom aschkenasischen als auch vom sefardischen Oberrabbiner Israels zum Rabbiner ordiniert. Er verfügt sowohl über Erfahrung als Lehrer als auch als Rabbiner. So betreute er vor seiner Tätigkeit in Karmiel zwei jüdische Gemeinden in Deutschland – jene in Aachen und jene in Köln – als Gemeinderabbiner.

Deutschland verließ er unter anderem, weil er weiterführende jüdische Schulen für seine Kinder (insgesamt fünf zwischen drei und 15 Jahren) vermisste. Im Vergleich zu vielen deutschen jüdischen Gemeinden verfügt Wien jedoch über eine umfassende jüdische Infrastruktur – darunter zwei jüdische Schulen, die bis zur Matura führen. Er selbst besuchte nach einer jüdischen Volksschule in Zürich ein nichtjüdisches Gymnasium. Die Ausbildung zum Rabbiner absolvierte er in Israel, wo er auch den Militärdienst leistete.

Bei dem Hearing am Montag betonte er, dass ihn seine verschiedenen Lebensstationen geschult hätten im Umgang mit den verschiedensten Gruppen von Menschen. Ganz konkret wurde er von Mandataren des Kultusvorstands darauf angesprochen, wie er junge Menschen, aber auch säkulare Juden und Jüdinnen stärker in das Gemeindeleben miteinbeziehen möchte. Dabei zeigte sich der Rabbiner ebenso offen wie zurückhaltend: all dies sei ihm Anliegen, zuerst wolle er sich aber in der Gemeinde einleben und dann, etwa auch mittels eines Bürgerparlaments, ausloten, was die Bedürfnisse der verschiedenen Gemeindemitglieder seien. Er wolle nicht seine Vorstellungen der Gemeinde überstülpen, sondern schauen, was werde gebraucht und was davon könne er umsetzen. Befragt, ob er sich auch eine Stärkung der Rolle von Frauen vorstellen könne, bejahte er dies, es müsse aber auch zur Gemeinde passen. Bat Mitzwa-Feiern für Mädchen, die es im Wiener Stadttempel bereits seit einiger Zeit gibt, könnten, wenn gewünscht, ebenfalls weiterentwickelt werden.

Der Wiener Stadttempel, dessen Betreuung die Hauptaufgabe des Oberrabbiners der IKG Wien ist, wird nach orthodoxem Ritus geführt. Daher wurde von der Rabbinerfindungskommission auch nach einem orthodoxen Rabbiner gesucht. Rabbiner Engelmayer wirkt dennoch – wie auch der seit vielen Jahren in Wien als Gemeinderabbiner tätige Rabbiner Schlomo Hofmeister – weltoffen und routiniert auch im Umgang mit der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft. Wie man sowohl Liebling der Gemeinde als auch der nichtjüdischen Öffentlichkeit sein kann, hat Jahrzehnte lang Rabbiner Engelmayers Vor-Vorgänger als Wiener Oberrabbiner, Paul Chaim Eisenberg, vorgezeigt, der bis heute Veranstaltungssäle füllt, wenn er zu Abenden mit jüdischem Witz und Humor lädt.

Nicht jeder Rabbiner muss gut singen oder Witze erzählen können – ein guter Redner zu sein, schadet aber nicht. Genau das scheint der designierte Oberrabbiner zu sein. Mit seinen Draschot zu den Hohen Feiertagen habe er sowohl observante als auch säkulare Gemeindemitglieder angesprochen, hieß es in den Wochen danach. Die einen sind auf der Suche nach spiritueller Führung, andere nur nach einer kleinen Prise Jüdischkeit. Die Stärkung des jüdischen Selbstbewusstseins ist Rabbiner Engelmayer jedenfalls ein großes Anliegen. Gerne geht er zum Beispiel in Kindergärten und ist dann "mehr Schauspieler als Rabbiner". Das ist natürlich auch ein Weg, ein Rabbiner zum Angreifen zu werden, ein Rabbiner, den die Kinder von klein auf gut kennen, ein Rabbiner, dem seine Gemeinde vertraut und der von seiner Gemeinde geschätzt wird. Das wäre jedenfalls der Idealzustand. Ob diese Erwartung erfüllt wird, wird die Zeit zeigen.