Nachrichten zum Coronavirus dominieren nicht nur die Berichterstattung. Absagen von Veranstaltungen füllen meine Mailbox. Vieles wird eingeschränkt. Die Kultusgemeinde Wien informierte ihre Mitglieder am gestrigen Mittwoch, dass auch Feiern wie Bar Mitzwot sowie das Gebet in Synagogen nicht von mehr als 100 Personen begangen werden dürfen. Es wurde zudem geraten, beim Gebet jeweils einen Platz zwischen zwei Personen frei zu halten. Abstand gehalten werden solle auch in den koscheren Restaurants. Das Jüdische Museum schließt wie viele andere Museen ebenfalls seine Pforten.

Wenn ein Thema so präsent ist, kann man sich ihm nicht mehr entziehen. Ja, ich gehöre auch zu jenen, die versuchen, möglichst up to date zu sein, was den Stand der Dinge betrifft. Wie viele Menschen haben sich bereits infiziert? Wie stecke ich mich an? Was kann ich tun, um einer Infektion vorzubeugen? Wie schütze ich mein Kind, das Vorerkrankungen hat?

Fällt das bereits unter Panik? Ich denke nicht. Panik wäre, nun kopflos zu werden, sein Leben aus den Fugen geraten zu lassen, nicht mehr handlungsfähig zu sein. Sich möglichst gut auf eine Situation vorbereiten zu wollen, die schwierig einzuschätzen ist, fällt meiner Ansicht nach nicht darunter. Ist es ein Zeichen von Panik oder kühlem Kopf, Desinfektionsmittel zu kaufen? Ist es ein Zeichen von Panik oder Verantwortungsbewusstsein, nachzusehen, welche Dauermedikamente in Bälde ausgehen könnten und diese zu besorgen?

Isolation und Desinfektion, sagt schon die Tora

Im Judentum ist die Gesundheit ein wichtiges Gut. Ist ein Menschenleben in Gefahr, werden auch die Schabbes-Regeln außer Kraft gesetzt, damit der Mensch gerettet werden kann. In der Tora findet sich aber auch schon eine Anleitung zum Umgang mit Infektionskrankheiten. Im 3. Buch Mose wird geschildert, wie im Fall von Erkrankungen mit Lepra zu verfahren ist: Die Erkrankten müssen isoliert und ihre Häuser gründlich gereinigt werden. Aus diesen Vorgaben in der Tora entwickelte sich in der Zeit der Pestepidemien im 14. Jahrhundert in Hafenstädten wie Venedig und Marseille auch die Praxis, einlaufende Schiffe zu kontrollieren und zu desinfizieren. Isolation und Desinfektion: so kann man seit jeher Viren begegnen.

Prävention ja – Panik nein: Angst und Schockstarre sind keine guten Begleiter, wenn es darum geht, gesund zu bleiben (oder im Fall einer Ansteckung rasch wieder gesund zu werden). Menschen finden hier die verschiedensten Wege, um mit solchen Situationen umzugehen. Eine Freundin schickte mir gestern einen Aufruf, um eine bestimmte Uhrzeit gemeinsam zu beten. Eine andere ermunterte heute in einem kurzen Video, das sie an Bekannte sandte, zu Hause zu schwungvoller Musik Gymnastik zu machen.

Ich versuche in solchen Situationen immer wieder ein paar Minuten zu finden, in der ich, wie ich es nenne, die Seele baumeln lassen kann. Als besonders entspannend empfinde ich es, auf ein Gewässer zu schauen – oder in den Himmel. Vielleicht empfinde ich es auch deshalb als fast meditativ, im Stadttempel auf all die kleinen goldenen Sternchen zu sehen, die auf der Innenseite der türkis gestrichenen Kuppel angebracht wurden. Diese Stern-Himmelsfarben-Kombination beruhigt und irgendwie erdet sie auch.

Glaskuppel der Synagoge Graz

Diese Woche habe ich erstmals die Synagoge in Graz besucht. Sie wurde 2000 dort errichtet, wo die Nationalsozialisten 1938 die damalige Synagoge niederbrannten und zerstörten. Bei ihrem Entwurf haben sich die Architekten Jörg und Ingrid Mayr an der herausstechenden Kuppel der früheren Synagoge orientiert. Und so hat auch die neue Synagoge eine Kuppel, die in ihrer Ausgestaltung ihresgleichen sucht. Geformt aus Glas, bilden die sie stützenden Streben einen Davidstern, durch den man direkt in den Himmel blickt. Auf das Glas wurden zudem Ausschnitte aus Paraschot mittels Sandstrahltechnik appliziert. Je nach Sonneneinstrahlung entsteht so ein ganz besonderes Licht- und Schattenspiel.

Warum es etwas Beruhigendes hat, sich für ein paar Minuten auf Dinge wie Licht und Schatten zu konzentrieren? Man blendet dann alles andere rund um sich aus. Man wird ruhiger. Und schöpft Energie und Kraft. Für viele Menschen mag das esoterisch klingen. Andere werden mir vielleicht zustimmen. Selbst wer nicht an die Kraft des Gebetes glaubt, findet gerade an Orten wie Synagogen, Kirchen und anderen Gebetshäusern die Möglichkeit, innezuhalten.

Solche Momente werden uns allen in den kommenden Wochen sehr gut tun. Kurz alles beiseiteschieben, ins Freie gehen und in den Himmel schauen, durch den Wald spazieren oder einfach nur aus dem Fenster schauen. Ich habe das Glück, Bäume zu sehen, wenn ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers schaue. Andere wohnen vielleicht so weit oben, dass sie gut den Himmel sehen, wieder andere blicken hinab in einen begrünten Innenhof. Fünf Minuten die Ende der Äste beobachten, die sich bei leichtem Wind sachte auf- und abbewegen. Vielleicht ein Eichkätzchen erspähen und sich dabei ertappen, wie einem sein Vorbeihuschen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Den Wolken zusehen, wie sie langsam, langsam ihre Position verändern und weiterziehen. Und sich dann wieder dem zuwenden, was getan werden muss: ob Arbeit, ob Haushalt, ob Kochen für das Kind oder Gassi-Gehen mit dem Hund. Oder in Krisenzeiten: überlegen, wie meine nächsten Schritte aussehen.