Ein Land – beziehungsweise die Welt – im Ausnahmezustand: die Coronavirus-bedingten Einschränkungen im Alltag haben auch Auswirkungen auf die gelebte Praxis der Religionsgemeinschaften. In Wien sind inzwischen alle Synagogen und Bethäuser geschlossen. Wer observant lebt, ist allerdings verpflichtet, drei Mal täglich in der Synagoge das Gebet zu verrichten. Was sagt nun hier die Halacha, wollte ich daher heute Vormittag von Wiens Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister (telefonisch) wissen.

Die Türen des Stadttempels in der Seitenstettengasse und aller anderen Synagogen und Bethäuser in Wien bleiben derzeit zu. - © Alexia Weiss
Die Türen des Stadttempels in der Seitenstettengasse und aller anderen Synagogen und Bethäuser in Wien bleiben derzeit zu. - © Alexia Weiss

"Die Achtung und Wahrung sowie der Schutz der Gesundheit ist eines der wichtigsten Gebote der Tora", betont Rabbiner Hofmeister. Dabei geht es nicht nur darum, seine eigene Gesundheit zu schützen – der Talmud spezifiziere hier, sogar noch wichtiger ist, die Gesundheit von anderen nicht zu gefährden. In der aktuellen Situation bedeutet das also: ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen nicht mit dem Virus Covid-19 anzustecken. Und geht es um die Gesundheit, sind rituelle Vorschriften außer Kraft.

Synagogen würden nicht geschlossen, wenn es hier seitens der Politik eine willkürliche Anordnung gebe. Rabbinische Autoritäten beziehen in ihre Entscheidungen aber weltweit und seit jeher medizinische und wissenschaftliche Erkenntnisse ein, betont Rabbiner Hofmeister. Diese besagen, dass dem Coronavirus nur durch das Eindämmen von Sozialkontakten zu begegnen ist. Und dieser Empfehlung sei daher Folge zu leisten. Das Eindämmen des Virus habe also im Moment Vorrang vor dem Ritual des gemeinschaftlichen Gebets in einer Synagoge oder einem Bethaus, sagt der Rabbiner.

Auch alleine zu beten ok

Auch die Möglichkeit, statt in der Synagoge gemeinsam zu zehnt (damit es einen Minjan gibt) in privaten Wohnungen zu beten, soll nun nicht mehr in Anspruch genommen werden, betont der Rabbiner. Er empfiehlt daher, dass jeder für sich alleine betet - und das sei auch halachisch in Ordnung. Wenn in der jetzigen Situation jeder alleine in seiner Wohnung bete, bedeute das ja nicht, dass man die Vorgaben der Halacha dann lockerer oder weniger strikt befolge, denn man komme damit dem Gebot nach, seine Gesundheit und die Gesundheit von anderen zu schützen.

Einen Minjan brauche es auch nicht, um Beschneidungen oder Begräbnisse durchzuführen. Diese beiden Ereignisse müssen allerdings auch in der momentanen Situation entweder sofort (das Begräbnis) oder am achten Tag nach der Geburt eines Buben (die Beschneidung) abgehalten werden. Eine Bris kann aber auch in kleinstem Kreis in der Wohnung der Familie des Babys vorgenommen werden, betont Rabbiner Hofmeister, der selbst Beschneidungen durchführt. Anders sieht es bei Hochzeiten oder Bar und Bat Mitzwa-Feiern aus. Diese müssen nun verschoben werden, sagt der Rabbiner.

Koschere Geschäfte sind offen

Weitgehend heruntergefahren ist inzwischen auch der Unterricht beziehungsweise die Betreuung an den jüdischen Schulen. In den koscheren Lebensmittelgeschäften kann jedoch weiter eingekauft werden – wobei die Gemeindeleitung auch hier folgende Regelung getroffen hat: je nach Größe des Geschäfts sollen nur mehr fünf bis 25 Personen gleichzeitig einkaufen. Beim Betreten des Geschäfts müssen Kunden die Hände desinfizieren und beim Einkaufen mindestens zwei Meter Abstand zu anderen Personen halten. Gearbeitet wird derzeit zudem an der Einrichtung eines Einkaufsdienstes für ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen.

Ansonsten appelliert auch IKG-Präsident Oskar Deutsch an die Gemeindemitglieder: Bitte zu Hause bleiben. Halten soll man sich zudem an das behördliche Verbot, nicht mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen. Und auch Besuche im Maimonides Zentrum, dem Senioren- und Pflegeheim der jüdischen Gemeinde, sind tabu. Es werden nur mehr Angehörige von Palliativpatienten eingelassen.