Das soziale Leben ist wegen des Coronavirus heruntergefahren: Synagogen sind geschlossen, Kinos und Museen sind geschlossen, Restaurants sind geschlossen. Viele Museen kann man aber über Google Arts & Culture virtuell besuchen. Das ermöglicht nicht nur wunderbare Streifzüge durch Kunstsammlungen, sondern auch den Besuch von jüdischen Museen rund um den Globus. Im National Museum of American Jewish History in Philadelphia bin ich bei einem virtuellen Besuch gestern Abend bei einem Foto hängen geblieben, das Siphonflaschen für Soda zeigt – und habe mich danach durch einige andere jüdische Museen auf der Suche nach spannenden Alltagsgegenständen geklickt. Es sind nicht immer nur Judaika, die von jüdischem Leben erzählen. Es sind oft auch sehr profane Dinge – nur sind solche weit seltener in jüdischen Museen zu sehen als eben Sederplatten, Torazeiger oder Chanukka-Leuchter.

Die Seltzer bottles im National Museum of American Jewish History in Philadelphia sind aus blauem, türkisem, gelbem, orangem und durchsichtigen Glas. Manche von ihnen ziert ein Davidstern. Ich sehe eine jüdische Familie rund um den Tisch sitzen, es wird Hühnersuppe gelöffelt, man unterhält sich, und dann bittet eines der Kinder um mehr Sodawasser. Ein Elternteil greift zur Siphonflasche, es macht "zschschscht" und das Sprudelwasser ergießt sich in das Glas. Besonders schmückend in ihrer Schlichtheit ist die durchsichtige Flasche mit Davidstern und darin den Lettern "H. MILLER – BROOKLYN – TRADEMARK – N.Y.". Ich hätte sie gerne in meiner Küche stehen, zur Dekoration. Es sind auch solche Objekte, die Jiddischkeit ausstrahlen.

Auch das Jüdische Museum Wien ist auf Google Arts & Culture vertreten. Bei meiner Suche nach Alltagsgegenständen stoße ich dort auf kuriose Objekte aus der Sammlung Schlaff, beschrieben als "Antisemitische Stöcke", datiert um 1900. Was kann man sich darunter vorstellen? Es sind Spazierstöcke aus Holz, versehen mit kunstvoll gefertigten Griffen. Was diese Griffe darstellen, ist aber nahezu obszön: es sind Köpfe von Juden mit überdimensionierten Nasen. Mit jüdischem Leben habe diese Zeugen des Alltagsantisemitismus wenig zu tun, einerseits, andererseits dann aber eben doch. Mehr als ein Dutzend solcher Stöcke befinden sich im Museum, es ist also davon auszugehen, dass es in Wien um 1900 noch wesentlich mehr davon gab. War es damals ok, seinen Judenhass derart öffentlich zur Schau zu tragen, fragt man sich. Und wie ging es Juden und Jüdinnen damit, wenn ihnen ein Herr mit Hut und einem solchen Stock auf der Straße entgegenkam? So werden diese Stöcke auch zu einer dunklen Vorahnung, was Jahrzehnte später auf Wiens Straßen passieren sollte.

Münzwaage zum Geldwechseln

Im Museum Judengasse des Jüdischen Museums Frankfurt sticht mir die Münzwaage eines Geldwechslers aus dem 18. Jahrhundert ins Auge. In der Frankfurter Judengasse, also dem Ort dieses heutigen Museums-Standortes, arbeiteten viele Geldwechsler, ist im Begleittext zu lesen. Münzen wurden damals über ihr Metallgewicht verglichen. Damit konnte man eine fremde Währung in die ortsübliche tauschen. So funktionierte das also in früheren Jahrhunderten, bevor es wie heute fixierte Wechselkurse gab. Das Arbeitsutensil erzählt aber auch viel über die jüdische Arbeitswelt anno dazumal: die Ausübung traditioneller Handwerksberufe war Juden lange Zeit verboten, das Geldgeschäft durften sie aber ausüben, so entwickelten sich hier über Generationen Expertise und eine profitable Branche. Obwohl einst in diesen und andere Berufe gedrängt, ergab sich daraus jedoch wieder antisemitische Angriffsfläche: Wucherer, Halsabschneider seien alle Juden, meinten viele – und dann sind wir wieder bei den langen Nasen der Spazierstöcke aus Wien.

Im Jüdischen Museum Prag finde ich eine entzückende Wiege aus dem frühen 19. Jahrhundert. Eine jüdische Kinderwiege unterscheide sich in ihrer Form nicht von jeder anderen Wiege, wird erläutert. Allerdings ist bei diesem Modell aus dunklem Holz an der Frontseite ein Davidstern eingelassen, auf den Seiten finden sich Inschriften auf Hebräisch. Es sei daher wahrscheinlich, dass diese Wiege in einer Synagoge bei Beschneidungen verwendet worden sei, erzählt das Museum. Aus einem alltäglichen Gegenstand wird durch Schrift, durch ein Zeichen ein jüdischer Gegenstand – wie etwa auch bei den Sodaflaschen. Im Rückblick verzaubert die Handwerksarbeit. Wie lange mag der Schöpfer dieser Wiege an dem Stück gearbeitet haben? Wurde sie ursprünglich für ein ganz bestimmtes Kind kreiert und wanderte dann in die Synagoge? Oder wurde sie für die Synagoge gebaut? Wie war es, als Mutter neben einer solchen Wiege zu sitzen, sie immer wieder leicht anzustupsen, damit sie das Kind weiterschaukelte? Wie bekam das sachte Schaukeln den Babys?

Ein letztes Erinnerungsstück

In der Vorstellung saßen eher weniger Väter neben einer solchen Krippe. Aber wer weiß? Vielleicht sind unsere Bilder der Vergangenheit verzerrt und entsprechen so ganz und gar nicht dem, was war. Für Väter geeignet war jedenfalls ein Rasierapparat, auf den ich auf Google Arts & Culture im Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN in Warschau stoße. Das Gerät, das in die Zwischenkriegszeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts datiert, gehörte einem Abraham Kirschbraun und wird als Sicherheitsrasierer beschrieben. Ich habe bei der näheren Betrachtung des Apparats zwar jede Menge Sicherheitsbedenken, aber in der Zeit wird das Modell wohl sehr modern gewesen sein. Was den Apparat aus einer anderen Perspektive mit Nostalgie behaftet: der Rasierer war das einzige, was Abraham Kirschbrauns Bruder Jakub von Abraham blieb. Abraham hatte Jakub den Rasierer gegeben, als dieser 1939 aus dem besetzten Warschau floh. Der Rasierapparat begleitete ihn nach Sibirien und nach dem Krieg in sein Emigrantenleben in Paris und später in Israel.

Viele Gegenstände haben Geschichten. Manche sind berührend wie die des Rasierapparats, manche erzählen vielleicht von Not, weil sie verkauft werden mussten, manche von Liebe, weil sie Geschenke waren. Immer aber erzählen sie, was Menschen in welcher Zeit gerne um sich hatten oder für ihren Alltag beziehungsweise ihre Arbeit benötigten.

Ein ganz besonderes und weltweit bekanntes Arbeitsutensil ist die Couch von Sigmund Freud. DIE Couch! Sie kann man sich im Freud Museum in London virtuell ansehen. Wer heute an eine Couch denkt, hat mit Stoff oder Leder bezogene Modelle vor Augen. Die Couch Freuds entführt einen allerdings in den Orient: Hier lag man auf einem (Perser)Teppich und auf opulenten Pölstern. Wer wohl aller auf dieser Couch gelegen hat, kann man heute in der Fachliteratur nachlesen. Mir kam hier jedenfalls sofort ein Roman in den Sinn, "Ida" von Katharina Adler. Ihre Urgroßmutter war Freuds Fall "Dora". Ida Bauer hatte als junge Frau die Therapie beim Vater der Psychoanalyse zwar recht bald abgebrochen, es ist aber Freuds Praxisfall für seine Traumdeutung und daher in Fachbüchern sehr präsent. Der Roman gibt aber eben auch viele Einblicke in die Zeit – in der Ida Bauer wohl auch auf dieser so berühmten Couch gelegen ist, die wirkt, als wäre sie ein gemütliches Bett.

Rum aus Auschwitz

Vielleicht mag der eine oder andere anno dazumal auch auf einer solchen Couch eine Flasche Rum geleert haben – oder einen Teil davon. Eine solche kommt mir jedenfalls an einem Ort unter, an dem ich so ein Objekt so gar nicht vermutet hätte: im Jüdischen Museum in Auschwitz (Auschwitz Jewish Center). Auschwitz verbindet man heute mit dem Vernichtungslager der Nazis. Oświęcim ist aber eine Stadt, in der es vielfältiges jüdisches Leben gab. Dort war auch die Spirituosenfabrik von Jacob Haberfeld beheimatet. "RUM BRAZYLIJSKI" steht in großen Lettern auf der grünen Glasflasche. Der brasilianische Rum stammte also zwar aus Polen, doch das Etikett versprach jede Menge exotisches Flair: da tummelt sich ein Löwe neben Palmen, die Jagd findet vom Pferd aus mit einem Speer in der Hand statt und im Hintergrund gleiten Schiffe über das Meer.

Gleiten konnte auch der kleine Herbert Koniec, allerdings mit seinen Schlittschuhen übers Eis. Koniec wurde als Zehnjähriger aus Bratislava mit einem Kindertransport nach England gerettet. Mit in seinem Gepäck: braune lederne Eislaufschuhe. Es handelt sich dabei nicht um Schuhe aus einem Guss. Bei diesem Modell wurden auf normale knöchelhohe Schnürschuhe metallene Kufen angesteckt. Sie sind heute im Imperial War Museum in London ausgestellt. Als Koniec die Schuhe dem Museum stiftete, erzählte er, dass sie das letzte Mal 1939 von seiner Mutter geputzt und poliert worden seien. Beide Eltern wurden 1942 von den Nationalsozialisten ermordet. Damit wurden auch diese Schuhe zu ganz besonderen Erinnerungsstücken an das Leben in der alten Heimat.

Das letzte Objekt meiner virtuellen Reise habe ich im Jüdischen Museum Berlin aufgestöbert. "Jüdische Keramikerinnen aus Deutschland nach 1933" nennt sich eine Schau, die man via Google Arts & Culture besuchen kann. Ein Objekt, das ich gerne in meiner Wohnung hängen hätte, ist eine viereckige, orangene Wanduhr mit schwarz-braunen Ziffern und Zeigern. 90 Jahre ist sie schon alt und wirkt doch so modern. Geschaffen wurde sie 1930 von Margarete Heymann-Loebenstein in den Haël-Werkstätten in Marwitz in Brandenburg. Die Bauhaus-Schülerin und Keramikerin hatte die Werkstätten 1923 mit ihrem Mann und dessen Bruder mitbegründet. Nachdem die Brüder 1928 bei einem Autounfall verunglückt waren, führte sie den Betrieb weiter. 1933 wurde sie jedoch von der örtlichen NSDAP wegen "subversiver Aktivitäten" angezeigt. In der Folge verkaufte sie die Firma, wie das Jüdische Museum Berlin vermerkt, weit unter Wert an ein Parteimitglied. 1936 emigrierte sie nach England. Ihre Gebrauchskeramik war zu ihrer Zeit avantgardistisch: Wahrscheinlich ist es diese Schlichtheit, die auch diese orangene Wanduhr bis heute attraktiv macht.

Mein Streifzug durch jüdische Museen endet damit in London, wo Margarete Heymann-Loebenstein, nunmehr Margarete Marks nach ihrem zweiten Mann, 1990 91jährig verstarb. Ich werde mich aber nun auf die Suche nach weiteren Objekten dieser Keramik-Künstlerin machen. Solche Arbeiten sind für mich ebenso wie beispielsweise Fotos von Schwimmerinnen der Hakoah Wien in der Zwischenkriegszeit Ausdruck einer Generation von jüdischen Frauen, die dem Althergebrachten kraftvoll Neues entgegensetzten, was auch das Rollenbild der Frau maßgeblich verändern sollte. Auch das ist ein spannendes Kapitel jüdischer Geschichte.