"Jewish irony: Pessach cancelled because of a plague": Dieses Meme macht derzeit in social media die Runde. Nun, Pessach wird auch heuer ab kommendem Mittwoch (8. April) gefeiert – es werden jedoch ungewohnt stille und für manche auch sehr einsame Sederabende werden. Das Bild einer Plage kommt einem aber unweigerlich in den Sinn: sie spielen eine zentrale Rolle in der Geschichte des Auszugs der Juden aus Ägypten, an den man sich zu Pessach erinnert. Sie werden in der Haggada, jenem Buch, das an den Sederabenden in der Familie gemeinsam gelesen und vorgelesen wird, aufgezählt: Blut (statt Wasser), Frösche, Mücken, Fliegen, Viehpest, Geschwüre, Hagel, Heuschrecken, Finsternis und Tod der Erstgeborenen. Covid-19 reiht sich hier wirklich passend ein: eine Art Pest, die nun nicht Tiere befällt, sondern den Menschen.

Auch wenn heuer alles ein bisschen improvisiert ist: Matzot stehen bei uns schon bereit. - © Alexia Weiss
Auch wenn heuer alles ein bisschen improvisiert ist: Matzot stehen bei uns schon bereit. - © Alexia Weiss

Das Magazin Forward bat jüdische Influencer, sich Gedanken zur "elften Plage" zu machen. "Wir sind jetzt die Ägypter" schrieb etwa Daniel Kahn, ein singer-songwriter, Dramatiker und Übersetzer aus den USA, der nun in Berlin lebt. Wenn man am Sederabend den Finger in den Wein tauche und für jede Plage einen Tropfen auf den Teller gebe, dann ist der Gedanke: all das war für die Ägypter bestimmt. Nicht für die Juden. Das sei aber eine Projektion, eine Rachephantasie gewesen. Heute sei klar: der Zorn treffe heute alle Menschen. Die Welt ist durch die globalisierte Wirtschaft zusammengerückt: doch das, was die Menschen näher aneinander gebracht habe, sei nun die Quelle von Krankheit und Tod geworden. Bitteres Fazit Kahns: "We are aleyn tsuzamen." Wir sind alleine zusammen.

Genau das ist momentan die Situation: viele Menschen verbringen nun den Großteil ihres Tages in ihrer Wohnung, in ihrem Haus. Und doch durchlebt man die aktuelle Krise gemeinsam mit anderen, denn jeder befindet sich in einer ähnlichen Situation. Telefon, Internet, Fernsehen, Radio, Zeitungen verbinden. Dabei geht es einerseits um Information, vor allem aber tauscht man sich aus: Über die Gefährdungslage, über die Aushaltbarkeit des Zustands, über ganz praktische Überlegungen vom Organisieren oder Nähen von Masken bis zu den Herausforderungen von home office und home schooling.

Koschere Supermärkte liefern

Viel an Information flattert den Mitgliedern der Wiener jüdischen Gemeinde dieser Tage auch über die Newsletter des Krisenstabs der IKG ins Haus. Zuletzt wurden etwa die koscheren Supermärkte und Geschäfte von der Gemeindeführung ersucht, die Läden zu sperren und stattdessen ausschließlich zu liefern – eine Maßnahme, um die Ansteckung mit dem Virus bei Begegnungen beim Einkauf zu vermeiden. Übers Wochenende haben die zwei Supermärkte Onlineshops aus dem Boden gestampft, und es wurde in den vergangenen Tagen bereits geliefert und geliefert.

Worum es derzeit geht: die Versorgung mit Pessach-Lebensmitteln. Zu Pessach gibt es spezielle Speisevorschriften. Alles aus Mehl Gemachte, das durch langen Kontakt mit Wasser als gesäuert gilt, ist tabu: zu Pessach gibt es kein übliches Brot, keine üblichen Kuchen und Torten, keine Nudeln. Als die Juden aus Ägypten auszogen, hatten sie keine Zeit mehr, Brot zu backen. So isst man zu Pessach Matzot – ungesäuertes Brot also, das von Konsistenz und Geschmack an Knäckebrot beziehungsweise Cracker erinnert.

In der industrialisierten Lebensmittelwelt enthalten aber auch viele andere Produkte Gesäuertes: von Fertigsuppen bis zu Aufstrichen. Wer sich an die jüdischen Speisegebote hält, kauft unter dem Jahr nur Produkte mit Koscherstempel. Zu Pessach müssen die Lebensmittel allerdings als "koscher le Pessach" (koscher für Pessach) ausgewiesen sein.

Daher kommt dem Einkauf und dem Kochen für das Fest kommende Woche besondere und wichtige Bedeutung zu. Insgesamt ist Pessach ein Fest, das vorbereitungsintensiv ist: je näher der erste Seder heranrückt, wird alles Gesäuerte aufgegessen und dann geputzt, geputzt und geputzt, damit kein Fitzerl Chometz (also Gesäuertes) mehr in der Wohnung zu finden ist. Und schließlich muss für die beiden Festessen vorgekocht werden: traditionell gibt es da nicht nur Matzot, sondern meist auch gefillte Fisch und Eisalat, eine fleischige Hauptspeise mit Kartoffelkugel (einer Art Auflauf) und für das Dessert gibt es äußerst kreative Rezepte, aus geschichteten Matzot mit Cremen doch so etwas wie einen Kuchen auf den Tisch zu zaubern.

Herzstück des Seders ist allerdings die Sederplatte: auf ihr liegen Petersilie, ein Knochen, ein Ei, Rettich, ein Salatblatt sowie Charosset (eine Mischung aus Nüssen, Äpfel und Wein oder Traubensaft). Jede dieser Zutaten erinnert an die bittere Zeit – Charosset etwa an den Lehm, aus dem die Ziegel gefertigt waren, die für den Bau der Pyramiden verwendet wurden. Eine Schale mit Salzwasser steht zudem symbolisch für die Tränen, die damals vergossen wurden.

Heuer nur in kleinem Rahmen

Heuer ist nicht nur das Einkaufen erschwert. Pessach ist ein Fest, das in der Großfamilie gefeiert wird. Wer alleine lebt, ist bei Familie oder Freunden eingeladen. Auch die Gemeinde bietet jedes Jahr Gemeinschaftsseder, bei dem weit über 100 Menschen gemeinsam den Seder begehen. Nun wird nur mehr für jene gekocht, die im gemeinsamen Haushalt wohnen. Dass tatsächlich nur in diesem Kreis gefeiert wird, darauf pocht auch die Gemeindeführung.

"Jeder Feiertag ist ein Familienfest, aber gerade zu Pessach ist es Brauch, dass alle Generationen zusammenkommen, und der Jüngste stellt dem Ältesten die berühmten vier Fragen", schrieb IKG-Präsident Oskar Deutsch diese Woche an die Gemeindemitglieder. Die vier Fragen, sie beschreiben im "Ma Nischtana", was die Nacht zu Pessach von anderen Nächten unterscheidet. 1. Schebechol haLejlot anu ochlin Chamez uMazah, haLajlah haseh kulo Mazah. (In allen andern Nächten essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes — in dieser Nacht nur Ungesäuertes?) 2. Schebechol haLejlot anu ochlin Sch'ar Jerakoth, haLajlah haseh Maror. (In allen andern Nächten essen wir alle Arten von Kräutern — in dieser Nacht nur Bitterkraut?) 3. Schebechol haLejlot ejn anu matbilin afilu p'am achat, haLajlah haseh schtej F'amim. (In allen andern Nächten müssen wir nicht eintunken, auch nicht ein einziges Mal — in dieser Nacht zwei Mal?) 4. Schebechol haLejlot anu ochlin bejn joschwin uwejn mesubin, haLajlah haseh kulanu mesubin. (In allen andern Nächten essen wir sitzend oder angelehnt — in dieser Nacht alle angelehnt?)

Dieses Jahr kann es sein, dass manche Großeltern alleine feiern und die Enkel nicht die Fragen stellen können. Deutsch betont dazu in seiner Botschaft, er wähle ganz bewusst drastische Worte: "Heuer wäre ein Sederabend, an dem Kinder und Großeltern an einem Tisch sitzen, lebensgefährlich! Alle müssen zu Hause bleiben – damit wir im nächsten Jahr wieder einen gemeinsamen Seder feiern können! Am Tisch sollen nur Personen sitzen, die im selben Haushalt wohnen."

Jene, die observant leben, können sich auch nicht mit Technik behelfen und via Smartphone oder Laptop gemeinsam mit jenen feiern, die in einem anderen Land oder einem anderen Haushalt leben. An einem Feiertag ist dies untersagt. Da es heuer aber Menschen gibt, die den Seder alleine verbringen, wird es einen Online-Seder mit Oberkantor Shmuel Barzilai geben, der einige Stunden vor Pessach-Beginn am Abend des 8. April beginnt und damit vor Beginn von Jom tov, also dem Feiertag, endet. Somit wird zumindest ein bisschen Gemeinschaftsgefühlt vermittelt.

Prinzip Hoffnung

Manchen ist die Lust, Pessach zu feiern, heuer allerdings vergangen. Für andere ist das Festhalten am Gewohnten wichtig, denn es unterstreicht auch die Hoffnung, dass nächstes Jahr alles wieder ganz normal ist. Für Großfamilien mit Eltern im home office und Kindern im home schooling Modus ist der Pessach-Putz heuer eine besonders große Herausforderung. Andere werden im kleinen Kreis mit einer nicht ganz so üppigen Speisenfolge feiern. Jeder hat da seinen anderen Zugang.

Ich werde die Sederabende mit meinem Mann und meiner Tochter verbringen, das wichtigste, die Matze-Packungen, sind per Lieferung bereits eingetroffen und das Pessachessen kommt heuer gecatert. Wir feiern die meisten Feste nur auf einer symbolischen Eben. Man erinnert sich, wer man ist. Perfektion ist da nicht gefragt – und heuer schon gar nicht. Ich merke aber, dass meine Tochter jetzt schon überlegt, ob wir wohl alles haben, was man für die Sederplatte braucht. Besonders gefreut hat sie sich, dass es auch heuer Schokoladematzot gibt – das ist unser übliches Dessert zu Pessach. Rituale und Gewohnheiten geben Halt und ein bisschen Sicherheit. Die scheint nun nicht nur meine Tochter zu brauchen.

Vielleicht können wir uns schon nächstes Jahr darüber freuen, dass die Plage Coronavirus besiegt ist. Und selbst, wenn dem nicht so sein sollte, gibt die Hoffnung, dass dem so sein könnte, Kraft. Diese Kraft wird derzeit bitter benötigt: zu leben, wie wir alle momentan leben, ist von Normalität weit entfernt. Ohne Hoffnung würde die Angst Überhand bekommen. Doch Angst ist nicht nur ein schlechter Berater, Angst macht auch krank. Und wir setzen derzeit doch alles daran, um eines zu erreichen: gesund zu bleiben. Pessach sameach!