Als 2012 Deborah Feldmans Debütroman "Unorthodox" erschien, schlug er breite Wellen. Sie schildert darin, wie sie der ultraorthodoxen Welt der Satmarer Juden in Williamsburg in Brooklyn/New York den Rücken kehrt. Es ist kein angenehmes Buch. Vor allem die Schilderungen ihrer Ehe sind bedrückend. "Unorthodox" ist die Geschichte einer Aussteigerin. Und ja, ihre Herkunftscommunity kommt dabei nicht gut weg. Wer aber würde die Gesellschaft, die er nicht mehr aushält und aus der er daher flieht, besonders positiv zeichnen?

Nun hat Netflix eine Mini-Serie aus dem Stoff produziert – sie kann seit Ende März gestreamt werden. Die Teile, die in der Satmarer Community spielen, halten sich in vielem, aber nicht allem, an die Buchvorlage. Andere Teile – vor allem, wenn es um das Leben der Autorin in Berlin geht – wurden gänzlich neu geschrieben, wobei Feldman in das Projekt miteingebunden war. Regie führte Maria Schrader.

Ich habe beide Bücher Feldmans – sowohl "Unorthodox" als auch den Folgeroman "Überbitten", der ihre Entwicklung nach dem Ausstieg und ihre Suche nach familiären Wurzeln in Europa erzählt – gelesen. Daher hat mich auch die Verfilmung interessiert. Manche Punkte fand ich mehr gelungen, manche weniger. Wenig glaubhaft erscheint mir etwa das Setting, dass eine so eingeschüchterte junge Frau (in der Serie heißt sie Esty Shapiro, gespielt von Shira Haas) so einfach mit jemandem in einem Coffeeshop ins Gespräch kommt. Aber im Großen und Ganzen wird Feldmans Geschichte und dabei eben vor allem die Teile, die in Williamsburg spielen, stringent erzählt. Der Spirit des Buches war für mich auch in der Serie greifbar. Fein ist auch, dass viele der Dialoge auf Jiddisch gedreht wurden (es gibt Untertiteln).

Mit "Shtisel" nicht vergleichbar

Wenig anfangen kann ich daher auch mit der etwa von Alan Posener in der Welt geäußerten Kritik, die Serie bediene antisemitische Klischees. "Shtisel" sei hier das besser gelungene, positive Beispiel, dass der ultraorthodoxen Welt auch viele freundliche Seiten abgewinne. Nur: "Shtisel" ist ein anderes Format. "Shtisel" erzählt Geschichten aus einer Familie, "Shtisel" wurde von Anfang an als Serie konzipiert. "Unorthodox" ist die Verfilmung eines Buches. Und dieses Buch erzählt eben die Geschichte einer Aussteigerin.

Wenn jegliche Kritik als Antisemitismus gewertet wird, finde ich das für das Ausmachen von tatsächlichem Antisemitismus schwierig. Poseners Kritik setzt etwa daran an, dass hier ein jüdischer Miethai dargestellt wird. Nun, es gibt hier einen jüdischen Vermieter und er mahnt die Miete ein, wenn diese nicht bezahlt wird. An einer späteren Stelle der Serie erfährt man, dass die Mieterin, eine Klavierlehrerin, schließlich Esty Klavierstunden gibt. Man hat also offenbar einen Weg gefunden.

Es gibt zudem eine weitere sehr negativ gezeichnete Figur: Moishe (gespielt von Jeff Wilbusch, der selbst in einer ultraorthodoxen Gemeinde groß wurde, allerdings nicht in den USA, sondern in Israel, in Mea Shearim). Er soll zusammen mit Estys Ehemann diese aus Berlin zurück nach New York bringen. Dabei entpuppt er sich einerseits als wenig zimperlich, andererseits macht sich seine Spielsucht bemerkbar.

Ist es antisemitisch, in diesem Kontext eine Figur so zu zeichnen? In der Serie sagt Estys Mutter zu ihr (sie hat selbst Jahre zuvor der Satmarer Gemeinde den Rücken gekehrt), es gebe immer einen Moishe. Es gebe also immer jemanden, der einen mit Zwang zurückholen wolle. Interessant ist in diesem Kontext aber auch, was der Schauspieler Wilbusch in der Süddeutschen Zeitung dazu erzählt: er war 13 Jahre alt, als er aus der Gemeinde ausstieg.

Moishe sei in der Serie so etwas wie der "Mann für die dreckigen Angelegenheiten", sagt Wilbusch in dem Interview. Dieser werde vom Rabbiner immer dann eingesetzt, wenn in der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde etwas schieflaufe. "Eine tragische Figur. Ein Getriebener, ein Spieler. Er hat beide Welten gesehen, aber erkannt, dass er es nicht allein schafft. Außerhalb der Gemeinde fällt er in die Sucht. Denn niemand wartet da draußen auf ihn." Es sei eine Figur, in der sich die gesamte Ambivalenz des orthodoxen Judentums spiegelt. Und: Mehrmals, so Wilbusch, hätten Leute wie Moishe versucht, ihn nach seinem Ausstieg zu manipulieren, emotional zu erpressen und zur Umkehr zu bewegen. An den Haaren herbeigeholt ist die Zeichnung dieser Figur also nicht.

Nicht gut verankert

Was auffällt: sowohl Deborah Feldman als auch Jeff Wilbusch sind in ihren Communitys sozial nicht gut verankert. In der gesellschaftlichen Hackordnung, die solchen Gemeinschaften innewohnen, stehen sie sehr weit unten. Wilbuschs Eltern entschlossen sich erst im Erwachsenenalter, ultraorthodox zu leben. Der Schauspieler erzählt heute, dass er sich als Kind zum Beispiel für das schlechte Jiddisch seines Vaters genierte. Was solchen Menschen zudem oft passiert: durch Überanpassung, durch besonders striktes Befolgen der Regeln, versuchen sie zu kompensieren, dass sie nicht seit jeher Teil der Community waren. Das wiederum kann sich – etwa durch zu viel Druck – negativ auf die Kinder auswirken, wie das auch bei Wilbusch der Fall war.

Deborah Feldman wiederum hatte mit anderen Problemen zu kämpfen: der Vater war psychisch labil, in der Serie wird er nun vor allem als Alkoholiker dargestellt. Die Mutter hatte man früh mit ihm verheiratet, sie hielt es nicht mehr aus, kehrte der Community dem Rücken. Im gesellschaftlichen Ranking steht Feldman beziehungsweise Shapiro in der Serie daher nicht sehr weit oben, ihre Kindheit verlief sicher weniger herzlich als dies in anderen Familien der Fall ist.

Das bedeutet umgekehrt: In anderen ultraorthodoxen Familien sieht es sicher ganz anders aus, da regiert Herzlichkeit, Bemühen um Mitmenschen, warme Fürsorge für die Kinder. Diese Seite der Ultraorthodoxie kommt in "Shitsel" gut zum Ausdruck. Nur: geschlossene Gesellschaften wie die der Satmarer Gemeinde in Williamsburg können eben für andere auch viel Druck bedeuten, Druck, dem sie nicht mehr standhalten. Und das muss thematisiert werden können und dürfen, ohne dass dies sofort als antisemitisch empfunden wird.