Die orthodoxen jüdischen Communitys in New York kämpfen derzeit mit einer hohen Covid 19-Ansteckungsrate. In vier Vierteln in Brooklyn, in denen auch große jüdische Gemeinden leben – Borough Park, Crown Heights, Williamsburg und Midwood – gibt es einen hohen Prozentsatz von Menschen, deren Test auf das Coronavirus positiv ausfiel. In Borough Parks beispielsweise waren – Stand Anfang April – mehr als 67 Prozent der auf das Virus Getesteten am Coronavirus erkrankt. In Williamsburg waren es 62,5 Prozent. Auch manche orthodoxen Gemeinden in Israel kämpfen sehr – so musste Bnei Brak unter Quarantäne gestellt werden.

Die Gründe sind im Rückblick augenscheinlich: große Familien und ein intensives Gemeinschaftsleben stehen diametral dem Konzept des social distancing gegenüber. Einerseits. Andererseits wurde offenbar oft zu spät die Notbremse gezogen. Obwohl das Thema Coronavirus bereits am Tapet war, wurde unbeirrt Purim gefeiert, jüdische Schulen in Brooklyn wurden zu spät geschlossen.

In Wien liefen die Dinge wesentlich anders. Zu Purim wurden manche Veranstaltungen bereits abgesagt, im Vorfeld der Feiern am 9. März in den Synagogen wurde seitens der Führung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) gebeten, dass Kinder, die in den letzten sieben bis zehn Tagen krank waren, zu Hause bleiben. Gleichzeitig wurde mitgeteilt, dass Personen über 60 Jahre sowie Personen mit Atemwegserkrankungen wie Asthma grundsätzlich Menschenansammlungen meiden sollten. Und es wurde aufgefordert, auf das Händeschütteln zu verzichten. Zu diesem Zeitpunkt gab es auch bereits in allen Einrichtungen wie Synagogen, jüdischen Schulen und Kindergärten Desinfektionsmittel für die regelmäßige Desinfektion der Hände.

Masken für die Gemeindemitglieder

Danach könnte man fast sagen, dass sich die Dinge überschlugen. Der eingesetzte Krisenstab der IKG informierte die Gemeindemitglieder nahezu täglich via Mail-Newsletter, über die Homepage sowie teils auch per Brief. Gestern trudelte wieder ein Kuvert im Postkasten ein. Der Inhalt fühlte sich weich an und als ich es öffnete, zog ich zwei Masken mit Begleitbrief, in dem erklärt wird, wie man diesen Mund-Nasen-Schutz korrekt anlegt, heraus.

Natürlich habe ich für meine Familie und mich schon Stoffmasken besorgt. Dennoch hat mich diese Zusendung gestern berührt. Warum? Seit Wochen habe ich das Gefühl, hier kümmert sich jemand. Und zwar auf allen Ebenen. Schon früh wurde darauf geachtet, dass auch in den koscheren Geschäften Desinfektionsmittel bereitsteht, dass nicht zu viele Menschen gleichzeitig im Geschäftslokal sind. Als sich die Lage zuspitzte, wurden die großen Supermärkte vom IKG-Krisenstab ersucht, zu sperren und nur mehr zu liefern, um auch Begegnungen beim Einkaufen hintanzuhalten. Quasi übers Wochenende wurden dazu kurz vor Pessach Onlineshops aus dem Boden gestampft.

Es wurden aber nicht nur schon sehr früh Veranstaltungen abgesagt und Synagogen geschlossen (dem folgten nach der Vorgabe der Regierung auch Schulen und Kindergärten). Der Krisenstab gab zudem, anders als in anderen jüdischen Gemeinden auch in Europa, strikte Anweisung, dass es keine Minjamin – kein gemeinschaftliches Gebet von zumindest zehn Männern – mehr geben darf, und versicherte, dass es in dieser Zeit auch völlig in Ordnung ist, wenn jeder für sich alleine betet. So konnte bisher vermieden werden, dass es zu vielen Ansteckungen kommt.

Auch finanzielle Unterstützung

Gleichzeitig hat die Gemeinde aber ebenfalls schon früh auch auf die Auswirkungen all dieser Schutzmaßnahmen reagiert. Die Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen (JÖH) begannen für ältere Gemeindemitglieder einzukaufen. Alleinstehende ältere Menschen wurden regelmäßig telefonisch kontaktiert. Das psychosoziale Zentrum ESRA steht in verschiedensten Notlagen als Anlaufstelle zur Verfügung – egal, ob es um psychische Probleme, Gewalt in der Familie oder auch Existenzsorgen geht.

Nach dem Shutdown wurde von der IKG zunächst ein Akuthilfefonds für Gemeindemitglieder eingerichtet, die etwa von Arbeitslosigkeit betroffen sind oder ihr Geschäft nicht aufsperren konnten und so plötzlich ohne Einnahmen dastanden, damit diese Miete, Medikamente und Lebensmittel bezahlen können. Aus einem zweiten Topf, dem Krisenfonds, der von jüdischen Wirtschaftstreibenden gespeist wird, werden kleine jüdische Unternehmen, EPUs, Freischaffende und Selbständige unterstützt.

Darüber hinaus gibt es regelmäßig via Newsletter auch wissenschaftliche Informationen: jüngst etwa ein Video der Aalto-Universität in Helsinki, das zeigt, wie sich Viruspartikel in einem geschlossenen Raum wie einem Supermarkt sogar über eine Regalreihe hinweg ausbreiten können. Aber auch Theologisches hat Platz. Regelmäßig werden Gebete von Oberkantor Shmuel Barzilai live übertragen. Oder es gibt Videos mit Botschaften verschiedener Rabbiner, wie etwa Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister.

Am Ende von Pessach wird in der Synagoge normalerweise das Jiskorgebet gesprochen, mit dem man sich an die Verstorbenen erinnert. "Gestern rief mich jemand an und fragte, den Tränen nahe: Ist es denn möglich, dass es heuer kein Jiskorgebet gibt? Wie können wir das heuer auslassen?", schrieb dazu Paul Chaim Eisenberg, Oberrabbiner des Bundesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs, an die Gemeindemitglieder. "Auch wenn ich mich immer gefreut habe, wenn der Tempel am achten Tag Pessach zu Jiskor voll war, gilt heuer etwas anderes. Jiskor kann man auch zu Hause und ohne Minjan sagen (Kadisch nicht). Viele von uns wissen leider nicht, wo und ob unsere Eltern ein Grab haben. Wenn es in Wien ist, kann man nach Pessach das Grab besuchen! Ich zum Beispiel werde zwei Tage nach Pessach, wenn ich Jahrzeit nach meinem Vater Oberrabbiner Akiba Eisenberg habe, ohne Minjan zum Grab gehen und einen Psalm sprechen. Man kann sogar ein selbstverfasstes Gebet sprechen. Aber man darf keinesfalls die Auflagen verletzen, die die Regierung und unsere Gemeindeführung und auch die klugen Rabbiner (gibt es denn solche, die es nicht sind?) angeordnet haben. Und was das Gebot der Elternehre betrifft, könnt ihr mir glauben, dass es genau das ist was unsere Eltern von uns erwarten: dass sich ihre Kinder nicht in Gefahr begeben und zu Hause bleiben! Damit erweisen wir Ihnen die größte Ehre!"

Positive Kraft

Aufeinander zu schauen, vor allem in Krisenzeiten: das macht diese Wiener jüdische Gemeinde. Seit Wochen ist das Zusammenrücken spürbar, nicht nur durch das Wirken des Krisenstabs, auch unter den einzelnen Mitgliedern. Von vielen Menschen wird Religion heute gerne als etwas Überkommenes belächelt. Gerade in einer Situation wie der aktuellen zeigt sich aber auch die positive Kraft von Religionsgemeinschaften.

Und ja, natürlich kann ich in meiner Yogagruppe, in meinem Dorf, in meiner Hausgemeinschaft, in meinem Tennisklub, in meinem Arbeitsumfeld ebensolche Solidarität erfahren. Ich finde jeglichen Zusammenhalt gut und vor allem wichtig, wenn man einander rein physisch – durch das social distancing – gerade nicht sehr nah kommt. Aber es tut gut, zu spüren, da bemühen sich Menschen gerade sehr, dass alle Gemeindemitglieder halbwegs gut durch diese Krise kommen. Und dieses Bemühen geht durch alle politischen Fraktionen und alle religiösen und ethnischen Gruppierungen, von orthodox bis gar nicht observant. Die Wiener jüdische Gemeinde ist eine Einheitsgemeinde. Im Moment zeigt sie sich von einer sehr sympathischen Seite.