Wer war schuld an der Pest? Genau. Die Juden. Sie haben die Brunnen vergiftet. In einigen Ländern Europas kam es deshalb zu Pogromen. In Straßburg wurden in der Mitte des 14. Jahrhundert 2.000 Jüdinnen und Juden lebendig verbrannt. Blickt man in die Geschichtsbücher, zeigt sich, der Judenhass wütete von Genf bis Basel, von Speyer bis Worms, von Köln bis Trier. Auch in Wien wurden Juden 1349 der Brunnenvergiftung beschuldigt und deshalb attackiert, nachdem an einem Tag 1.200 Wiener und Wienerinnen an der Pest gestorben waren.

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Die moderne Medizin weiß heute, wie sich Krankheiten verbreiten. Auch wenn das neue Coronavirus Covid-19 noch nicht gänzlich erforscht ist, sollte jedem aufgeklärten Menschen klar sein, dass die Krankheit nicht nur jeden treffen, sondern auch von jedem, der infiziert ist, übertragen werden kann – ungeachtet seiner ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Doch während der aktuellen Pandemie zeigt sich: eine alte Plage kommt wieder hoch. Es muss ein Schuldiger, ein Sündenbock gefunden werden für diese Seuche, die Menschen sterben lässt und deren Bekämpfung für Arbeitslosigkeit und Einbrüche in der Wirtschaft sorgt.

Das Kantor Center an der Tel Aviv University veröffentlicht jedes Jahr einen Bericht, der antisemitische Vorfälle weltweit dokumentiert. Bei der diesjährigen Präsentation Anfang dieser Woche wurde einerseits eine Zunahme des weltweiten Antisemitismus im Jahr 2019 um 18 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Jahr beklagt. Die Historikerin Dina Porat hält in dem Bericht allerdings auch fest: "Obwohl sich dieser Bericht mit Antisemitismus im Jahr 2019 befasst, können wir nicht die Auswirkungen der Coronakrise außer Acht lassen. Diese hat antisemitische Ansagen hervorgerufen, die wir aufzeigen müssen."

Eine lange Tradition

Ähnliches prangerte diesen April auch das Simon Wiesenthal Center an. "Juden als Jesus-Mörder, Juden als Kredithaie, Juden als Krankheitsüberträger. Diese Jahrhunderte alten antisemitischen Stereotype kommen wieder an die Oberfläche", so das Center in einem Statement. "Die Coronavirus Pandemie mag neu sein, aber dass Juden beschuldigt werden, tödliche Viren zu verbreiten, hat eine lange und tragische Geschichte."

Das, was da derzeit in den USA, aber auch etwa in Frankreich oder Deutschland auf social media, aber nicht nur, an Judenhass hochschwappt, knüpft tatsächlich oft an die Beschuldigungen gegenüber Juden aus der Pestzeit im Mittelalter an. Da hielten Demonstranten in Ohio ein Schild hoch, das eine Ratte mit Kippa und Davidstern zeigte, versehen mit dem Schriftzug "Die wirkliche Plage". Andere wiederum attackierten Online-Gottesdienste von Synagogen durch "zoombombing". Das passierte etwa auch 150 Jeschiwe-Studenten der New York City Yeshiva University, die einander zu Pessach virtuell trafen. Während der Zoom-Konferenz loggte sich rund ein Dutzend weiterer Personen ein und postete antisemitische Slogans und Memes, inklusive "Heil Hitler" und Holocaust-Leugnung.

In Deutschland entdeckte eine Passantin in Bamberg ein handgeschriebenes Pappschild bei einem Brunnen. Darauf vermerkt: "Coronavirus heißt Judenkapitalismus". Doch dieser Corona-bezogene Antisemitismus sei auch im Netz zu finden, heißt es seitens der "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" in Bayern. Im Netz sei etwa eine Karikatur eines Juden in einem trojanischen Pferd aufgetaucht, der so das Virus in die Stadt einschleust.

Die Brunnenvergifterin

In Frankreich machte indessen ein anderes Meme die Runde: es zeigte eine Zeichnung der früheren jüdischen Gesundheitsministerin Agnès Buzyn, die Gift in einen Brunnen schüttet. Die Karikatur wurde zehntausende Male geteilt. Ein weiteres Sujet zeigt laut Jewish Telegraph Agency Buzyns Kopf auf den "glücklichen Kaufmann" montiert, also einen grinsenden Mann, der seine Handflächen aneinander reibt.

Alain Soral, ein mehrfach wegen Aufstachelung zum Judenhass verurteilter Holocaust-Leugner, sagte in einem Video auf Youtube, dass das Virus von "der berühmten Gemeinschaft, deren Namen wir nicht nennen dürfen" benutzt werde, "die auf dem Rücken der Franzosen Kasse machen möchte, indem sie das französische Volk durch die Last der Todesopfer schwächt". Es stieg rasch zu einem der beliebtesten Clips Sorals auf und wurde mehrere hunderttausend Mal aufgerufen. Ähnliches verbreitet der ebenfalls bereits als antisemitisch bekannte französische Komiker Dieudonne M’bala M’bala auf seinem Youtube-Kanal.

Inzwischen hat das israelische Außenministerium die Betreiber von social media-Plattformen ersucht, antisemitischen Content dieser Art, der sich einerseits gegen Jude weltweit, andererseits gegen Israel richte, zu entfernen. Ynetnews dokumentierte etwa ein auf Twitter verbreitetes Sujet, in dem es heißt: "(Jewish) people are the biggest parasite/virus threatening the entire world population. (They) want more than your freedoms. (They) are the Corona Virus Covid-19. (They) are the synagogue of Satan." In anderen Postings würden die "Protokolle der Weisen von Zion" (ein antisemitisches Pamphlet) zitiert und damit zu beweisen versucht, dass die Verbreitung des Coronavirus ein Versuch der Juden sei, die Kontrolle der Welt zu übernehmen, so das Portal.

Manches ist nicht vorhersehbar

Es scheint, dass sich eine Plage auch nach Jahrhunderten nicht ausrotten lässt: Die Plage des Antisemitismus. Da muss man schon dankbar sein, dass sich die politisch Verantwortlichen heute von solchem Hass nicht mehr aufstacheln lassen und keine Pogrome anordnen. Das scheint weit hergeholt? Dem Menschen fehlt für vieles die Vorstellungskraft. Juden und Jüdinnen wussten in Österreich im Frühjahr 1938, dass es schlimm werden würde. Aber wie schlimm, das wussten sie nicht.

Auch wenn die aktuelle Corona-Krise nichts, aber auch gar nichts mit der NS-Zeit zu tun hat, so hat sie uns allen eines vor Augen geführt: die Welt kann binnen kurzem eine völlig andere sein. In dieser anderen Welt würde ich heute Abend vielleicht mit einer Freundin in einem Restaurant sitzen und wir würden über unsere Sommerpläne sprechen. Und Masken würde ich in meiner Welt nur in "Grey’s Anatomy" sehen.

Nun ist alles anders und daran ist ein Virus Schuld. Die Schuld an diesem Virus nun "den Juden" zu geben, löst nichts, aber schadet viel. Es gibt jüdische Witze, die damit spielen, dass, was immer an Unglück passiert, ob klein oder groß, die Juden dafür verantwortlich gemacht werden. Im Moment kann ich auf diesen Humor allerdings gut verzichten. Es wäre schön, könnte die Plage Antisemitismus endlich besiegt werden. Man würde sich fast wünschen, es gäbe da eine höhere Macht, die das Konzept des Hasses auf bestimmte Menschengruppen aus dem menschlichen Handlungsrepertoire löscht, denn langsam höre ich auf, auf die Lernfähigkeit und Vernunft des Menschen zu hoffen. Irgendeiner scheint sich immer berufen zu fühlen, Hass zu säen.