Das Konzept der shifting baselines beschreibt, wie sich Vergleichsmaßstäbe ändern, zum Beispiel in der Umweltforschung. Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer zeichnete dieses Phänomen aber auch für die Zeit des Nationalsozialismus nach. 1933, als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, wäre es nicht möglich gewesen, alle jüdischen Deutschen aus ihren Wohnungen und Häusern zu zerren, aus Fabriken, Kanzleien, Ordinationen, Universitäten und Schulen zu holen, zum Bahnhof zu bringen und dort in Güterwaggons zu pferchen, mit denen sie in ein Vernichtungslager transportiert werden, meint er. Und das sei deshalb nicht möglich gewesen, weil zu diesem Zeitpunkt jeder nichtjüdische Deutsche, egal ob er antisemitisch eingestellt war oder nicht, das als unmoralisch empfunden hätte.

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Einige Jahre später aber war alles anders. Nach und nach hatte sich die deutsche Gesellschaft in eine radikale Ausgrenzungsgesellschaft umgewandelt. So hielten es Menschen nun für erwartbar und normal, dass Juden und Jüdinnen fortgebracht wurden. Beim Individuum hatten sich die eigenen Moralvorstellungen massiv verändert. So konnten die Menschen ihre gegenmenschlichen Haltungen dennoch mit dem Selbstbild in Einklang bringen, gute Menschen zu sein, meint Welzer. Dieselben Leute, die 1933 Deportationszüge für unmöglich gehalten hätten, saßen Jahre später auf "arisierten" Wohnzimmergarnituren.

"Wir sehen hier nicht das absolute Grauen des Holocausts, keine Gaskammern, keine Leichenberge, sondern das unspektakulärere, alltäglichere Bild einer Gesellschaft, die zunehmend verbrecherisch geworden ist", so der Wissenschafter dazu 2017 in einem Interview mit der Zeit. "Oder genauer gesagt: die moralisch umdefiniert hat, was als erwünscht und verwerflich, gut und schlecht, ordnungsgemäß und kriminell gilt."

Änderung der Wahrnehmung

Welzer erklärt, dass Menschen immer exakt jenen Zustand ihrer Umwelt für den natürlichen halten, der mit ihrer aktuellen Lebens- und Erfahrungszeit zusammenfällt. Veränderungen der sozialen und physischen Umwelt werden also nicht absolut wahrgenommen, sondern immer nur relativ zum eigenen Beobachterstandpunkt. Und der Veränderungsprozess sei im Alltag auf so kleine Einzelschritte und Verschiebungen in der Sprache und in Umgangsweisen aufgeteilt, dass es dem Einzelnen gar nicht auffalle, wie er seine Wahrnehmungen und Einstellungen mit seiner sicher verändernden Welt selbst verändere.

Seit März erleben wir alle eine Welt, die sich rasant verändert hat. Nun ist es allerdings kein totalitäres Regime, das die Regeln des Zusammenlebens umschreibt, sondern eine Krankheit, das Coronavirus Covid-19. Abstand halten, Maske tragen, keine Freunde zu treffen, weitgehend zu Hause zu bleiben: das ist jetzt der Alltag von vielen. Und man spürt, wie vor allem das Abstandhalten außer Haus im Nu auch die eigene Wahrnehmung verändert. Menschen, die ohne den Meter-Abstand an einem vorbeizugehen versuchen, werden als Rowdys wahrgenommen. Leuten, die in der Hundezone um den dortigen Picknicktisch zusammensitzen und ganz offensichtlich nicht in einem Haushalt leben, schreibt man im eigenen Denken plötzlich Begriffe wie asozial zu (und erschreckt dann doch etwas darüber, aber die Verärgerung ist doch da).

Kein Faschismus

Aber nicht nur die eigene Wahrnehmung, was das richtige Verhalten ist, hat sich binnen Kurzem verändert. Eine Verschiebung der Linien ist auch im allgemeinen Diskurs wahrzunehmen. Die Spitze der Debatte nährt sich durch Wortmeldungen wie die von Tesla-Chef Elon Musk, der Ausgangsbeschränkungen als faschistisch bezeichnete. Das empfinde ich ein bisschen so wie unangebrachte Vergleiche mit Konzentrationslagern, beispielsweise von Tierschützern. Wer solche Parallelen zieht, würdigt damit die Gräueln in faschistischen Staaten herab. Regierungen versuchen derzeit im Sinn der Bevölkerung zu arbeiten, bemühen sich Todesopfer zu vermeiden und Neuinfektionen hintanzuhalten. Die Beschränkungen, die es gibt, wurden nicht im Dienst einer Ideologie verhängt, sondern dienen dazu Menschenleben zu retten. Und das wiederum ist ein hoher humanistischer Wert.

Genau hier ist derzeit aber auch eine Verschiebung der shifting baselines im allgemeinen Diskurs zu beobachten. Im Wirtshaus wird derzeit nicht debattiert, auf social media umso mehr. Und da zeigt sich die große Bandbreite der verschiedenen Lebensrealitäten, der verschiedenen Sorgen – vom Arbeitsplatzverlust über die drohende Pleite des eigenen kleinen Unternehmens oder Lokals bis hin zu den Betreuungssorgen von Eltern. Ausgehend von dieser eigenen Position wird dann auch ein Umdenken im allgemeinen Verhalten beziehungsweise bezüglich der Lockerung der social distancing Regeln (die eigentlich eher physische Distanz erreichen wollen) gefordert.

Die einen halten es für Freiheitsberaubung, wenn andere ab 65Jährigen dazu raten, auch weiterhin weitgehend zu Hause zu bleiben. Andere möchten ihre Kinder möglichst rasch wieder in der Schule sitzen sehen. Und dann gibt es auch die Stimmen, die permanent und vehement darauf hinweisen, dass es vor allem alte Menschen sind, die sterben, und es da eine Abwägung geben müsse, ob es sinnvoll sei, der Wirtschaft nachhaltigen Schaden anzutun, damit Menschen, die ohnehin eben schon alt und vielleicht auch bereits vorerkrankt seien, halt ein paar Monate länger leben als sie das tun würden, wenn sie an Covid-19 sterben.

Problematische Debatte

Das ist ein schwieriger Diskurs. Und ich halte es für einen höchst problematischen Diskurs. Einerseits gibt es auch durchaus jüngere Menschen mit schweren Verläufen. Andererseits kann ein 70Jähriger noch 15 wunderbare Lebensjahre vor sich haben und eine heute 80Jährige ebenso. Wer also maßt sich an, zu sagen, deren Leben sei nicht mehr so schützenswert wie das Leben eines oder einer Jüngeren? Weil diese Menschen nicht mehr erwerbstätig sind? Ist das das Kriterium, nach einer Abwägung der verschiedenen Interessen zu rufen?

Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Menschenleben weiterhin als etwas bedingungslos Schützenswertes betrachtet werden. So verstehe ich auch die Vorgaben der Tora. Sie setzt sogar die Schabbesgesetze außer Kraft, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten. Und genauso empfinde ich auch die derzeit von der österreichischen Regierung, aber auch vielen anderen Ländern weltweit, gesetzten Maßnahmen. Sie dienen dem Schutz von Menschen. Und auch wenn sie Menschen in ihrer Freiheit beschränken, wurden sie nicht mit der Intention geschaffen, das Individuum in seiner Freiheit zu beschränken, sondern um das Individuum zu schützen.

Dass all das rechtstaatlich zu erfolgen hat, versteht sich von selbst. Und dass eine Debatte zulässig ist, welche Beschränkungen sinnvoll und vertretbar und welche vielleicht überschießend sind, ebenso. Dass es diese Debatten gibt, zeigt, dass wir in einer gefestigten Demokratie leben. Einer ihrer Eckpfeiler ist die Meinungsfreiheit. Und so kann sich derzeit auch jede und jeder zu den Covid-19-Bekämpfungsmaßnahmen frei äußern (in einem faschistischen Regime wäre das nicht ohne Konsequenzen möglich). Behalten wir aber dennoch die Diskurslinien im Auge.