Ab 15. Mai dürfen Gotteshäuser aller Religionsgemeinschaften wieder ihre Pforten für das gemeinschaftliche Gebet öffnen. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien veröffentlichte dazu heute einen "Leitfaden für Gebete in Synagogen während der Corona-Pandemie". Fazit: die Synagogen öffnen, es gibt aber zahlreiche Vorgaben und Einschränkungen. Sie alle sollen dazu dienen, dass weiterhin (wie schon mit der Schließung der Synagogen und Gebetshäuser in den vergangenen Wochen) gemäß dem Ziel "Pikuach nefesh" (Leben retten) gehandelt wird.

Der Wiener Stadttempel öffnet am 15. Mai wieder seine Türen. - © Alexia Weiss
Der Wiener Stadttempel öffnet am 15. Mai wieder seine Türen. - © Alexia Weiss

Hygiene wird auch weiterhin groß geschrieben: Handdesinfektionsmittel stehen jeweils im Eingangsbereich zur Verfügung. Oberflächen wie Türklinken, Sitzbänke und Pulte, aber auch Gebetbücher müssen regelmäßig gereinigt werden. In Synagogen ist es normalerweise üblich, Gastkippot zur Verfügung zu stellen. Nun werden die Betenden aufgefordert, eine eigene Kopfbedeckung und idealerweise auch ihre eigenen Siddurim und Chumaschim zu benutzen. Auch Tefillin und Gebetsschals sollen mitgebracht und nicht in der Synagoge ausgelegt werden. Dafür ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes nun Pflicht.

Zwei Meter Abstand

Abstand halten gilt ab nun auch in der Synagoge: zwei Meter soll dieser betragen und für jeden Gottesdienstbesucher sollen zehn Quadratmeter an Fläche zur Verfügung stehen. Minjanim, also das Gebet von zehn Männern, waren bisher nicht möglich. Nun können sie nur in jenen Synagogen und Bethäusern gebildet werden, die mindestens 100 Quadratmeter groß sind. In vielen kleineren Synagogen wird das wahrscheinlich dazu führen, dass sie, wenn sie überhaupt aufsperren, nur die zehn für einen Minjan nötigen Männer zum Gebet einlassen können.

Doch wie wird entschieden, wer dann zum Gebet kommen kann? Auch darauf gibt der Leitfaden Antwort. Er empfiehlt den einzelnen Synagogen ein Anmeldemanagement. Folgende Kriterien sollen dabei als Richtschnur gelten: nicht kommen sollen Buben bis knapp vor der Bar Mitzwa, Frauen und Mädchen (wobei im Stadttempel die Damengalerie geöffnet bleibt), über 65-Jährige, Personen mit Vorerkrankungen und Personen mit Krankheitssymptomen wie Husten, Fieber, Schnupfen in den vergangenen sieben Tagen. Bevorzugt Zutritt haben sollen Personen im Jahr der Trauer um einen Verstorbenen, damit sie Kaddisch sagen können, Menschen, die Jahrzeit haben (ebenfalls, um Kaddisch zu sagen) sowie jene, die bei einer Bar Mitzwa zur Tora aufgerufen werden.

Während des Gottesdienstes darf nur der Vorbeter die Maske abnehmen. So lange er keine Schutzmaske trägt, darf er sich aber nicht zur Gemeinde wenden und er muss alleine an vorderster Stelle der Synagoge stehen. Er hebt nun auch alleine die Tora aus dem Toraschrein (das wird normalerweise zu zweit gemacht).

Jegliche sozialen Zusammenkünfte wie der Kiddusch nach dem Gebet oder gemeinsame Mahlzeiten dürfen nicht stattfinden. Die Synagoge muss einzeln betreten und auch wieder einzeln nacheinander verlassen werden, wobei die Mesusa am Eingang nicht geküsst werden darf. Beim Eingang soll auch ein Ordnerdienst, der von jeder Synagoge selbst zu organisieren ist, darüber wachen, dass das Gotteshaus nur mit Maske betreten wird. Im Inneren der Bethäuser sollen diese Ordner zudem sicherstellen, dass die Abstände eingehalten werden. Um bei allfälligen Covid-19-Erkrankungen die Infektionsketten nachvollziehen zu können, sollen nun Anwesenheitslisten geführt werden, auch für die Schabbat-Gottesdienste, dann ist allerdings das Erstellen im Nachhinein möglich.

Vortritt für Trauernde

Vielen wird es also weiter nicht möglich sein, die Synagoge zum Gebet aufzusuchen – auch hier gilt: Normalität lässt noch auf sich warten. Über all dem steht eben: "Pikuach nefesh". Solidarität bedeutet in diesem Kontext, jenen den Vortritt zu geben, die sich im Trauerjahr für einen nahen Angehörigen befinden oder die Jahrzeit nach einem lieben Verstorbenen begehen sowie es Buben an ihrem 13. Geburtstag zu ermöglichen, ihre Bar Mitzwa zu begehen, wenn auch in diesen Zeiten ohne große Party danach.

Der Leitfaden spiegelt damit den großen Spagat wieder, der aktuell zu bewerkstelligen ist: ein Öffnen zu ermöglichen und gleichzeitig das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Was sich in so einer Krise auch zeigt: was wirklich wichtig ist, oder wer. Ein bisschen schmerzt es dann schon, dass Frauen empfohlen wird, grundsätzlich nicht zum Gebet zu erscheinen (denn ja, es gibt natürlich auch Frauen, denen dies ein Anliegen ist). Aber der Minjan besteht eben aus zehn Männern. So entspricht es dem orthodoxen Ritus, so werden alle Wiener Synagogen bis auf jene der Reformgemeinde Or Chadasch geführt.

Im großen Stadttempel wird die Frauengalerie geöffnet – in den kleineren Bethäusern fehlt schlicht der Platz und es sind sehr strikte Vorgaben nötig, um zu klären, wer kommen kann und wer nicht. Or Chadasch zum Beispiel würde zwar gerne Männern und Frauen auch ab 15. Mai den gleichberechtigten Zugang zum Gebet ermöglichen, sagt der Rabbiner der liberalen Gemeinde, Lior Bar-Ami. Er kann aber auch Mitte Mai die Synagoge noch nicht öffnen, denn nach der Zehn-Quadratmeter-Regel dürften nur sieben Personen im Betsaal anwesend sein.