Wer im Konzentrationslager Auschwitz die ohnehin karge Suppe essen wollte, brauchte einen Löffel. Dieser wurde damit zu einem überlebenswichtigen Gegenstand. Österreich erneuert derzeit seinen Beitrag zur Dauerausstellung in der KZ Gedenkstätte Auschwitz. Dabei wird auch der Block 17 im ehemaligen Stammlager, in dem die österreichische Schau untergebracht ist, von Grund auf saniert und renoviert. Nun stieß man bei diesen Arbeiten auf Alltagsobjekte: Löffeln, Gabeln, Scheren, Haken, Messer, aber auch Lederstücke, Schusterwerkzeug und Teile von Schuhen.

Die neue Österreich-Ausstellung in der KZ Gedenkstätte Auschwitz wird vom Nationalfonds organisiert und koordiniert und soll ab dem Frühjahr 2021 zu sehen sein. Derzeit sei man zuversichtlich, diesen Zeitplan trotz Coronakrise einzuhalten, sagte die Generalsekretärin des Nationalfonds, Hannah Lessing, mir heute und schickte mir auch ein Foto der gefundenen Objekte: Wenn man sie sich ansieht, stellt sich Frage über Frage. Wem gehörten sie? Wer verwendete sie? Lebt vielleicht noch jemand, der mit einem dieser Löffel seine Suppe zu sich nahm? Vor allem aber: wie kamen all diese Sachen in den Kaminzug im Erdgeschoss des Blocks 17, wo sie nun freigelegt wurden?

Johannes Hofmeister, der bauliche Konsulent des Nationalfonds, meint, es sei kein Zufall, dass genau in jenem Gebäude, in dem die Rauchfangkehrer untergebracht waren, ein Kamin als Versteck benutzt wurde. In dem Gebäude dürften insgesamt Menschen mit handwerklichem Können untergebracht worden sein. Hofmeister verweist hier auf Berichte von Überlebenden, die von Werkstätten im Keller erzählten, wo zum Beispiel Körbe geflochten worden seien.

"Die behutsamen Sanierungsarbeiten legen nicht nur versteckte Gegenstände offen", betont Claire Fritsch, Leiterin der Koordinierungsstelle für Neugestaltungsarbeiten im Nationalfonds, sondern gebe auch Einblick in die brutale Lagerrealität. "Beim ständigen Kampf der Häftlinge ums Überleben stellte das Organisieren und Verstecken von Gegenständen eine wichtige Strategie dar. Ein Löffel konnte über Leben und Tod entscheiden."

Nun sind Konservatoren am Zug

Ob mit den nun gefundenen Werkzeugen und Objekten im Lager gehandelt wurde, sie der Reparatur etwa von Kleidung dienten oder sie bei einem Ausbruch helfen sollten: darüber kann derzeit nur spekuliert werden, so Lessing. Nun ist es einmal an Konservatoren, den Fund zu erhalten und dann an Historikern, ihn zu analysieren. Alle Objekte seien an die konservatorische Abteilung des Museums übergeben worden. Diese konserviere jeden Gegenstand akribisch, betont Lessing. Die gefundenen und erhaltenen Objekte werden dann entweder in der Ausstellung gezeigt oder im Lager aufbewahrt.

Sie habe die Konservierungsabteilung vor einiger Zeit besucht, erzählte mir Hannah Lessing heute. Gearbeitet wurde damals gerade an einem kleinen Schuh, so klein, dass er in ihre Hand passte, und einem sehr jungen Kind – ein, maximal zwei Jahre alt – gehörte. "Es tut ja schon weh, die Koffer mit den Namensschildern zu sehen. Aber so ein kleiner Schuh – ich musste dann heraus aus diesem Zimmer, es ist so schwer, das auszuhalten."

Sie habe bei dem Besuch damals mit der Konservatorin gesprochen, einer jungen Deutschen, die durch die Konservierungsabteilung führte, und sie gefragt, wie sie damit umgehe, jeden Tag Dinge von Ermordeten zu bearbeiten. Anfangs habe sie gedacht, sie zerbreche daran, habe die Frau geantwortet, aber dass es ihr, als nichtjüdischer Deutschen, ein Anliegen gewesen sei, hierherzukommen und diese Arbeit zu tun.

Können nichts mehr gut machen

"An dieses Gespräch habe ich mich erinnert, als ich nun den Fund in Block 17 sah", sagte Lessing. Und: "Wir können nichts mehr gut machen. Und wenn Menschen heute lesen, im Nationalsozialismus wurden sechs Millionen Juden ermordet, können sie nichts damit anfangen. Aber Emotionen triggern. Deshalb dokumentieren wir im Nationalfonds Lebensgeschichten und veröffentlichen sie. Und ein Löffel, von dem ich weiß, der wurde damals benutzt und überdauerte die Zeit, der schafft auch Emotionen."

Ähnliche Alltagsobjekte, etwa auch Teller, wurden kürzlich im Keller einer von den Nazis zerstörten Synagoge in der Malzgasse im zweiten Bezirk gefunden. In beiden Fällen liegen viele Jahrzehnte zwischen dem Zeitpunkt, als die Gegenstände zum letzten Mal von einem Menschen benutzt wurden und ihrem Auffinden. Das KZ Auschwitz wurde vor 75 Jahren befreit. Damit schaffen die Löffel und Scheren und Gabeln eine zeitliche Brücke in den Horror von damals.

Wie aber kann es sein, dass man solche Dinge erst jetzt entdeckt? Bis in die 1970er Jahre hinein sei in der heutigen KZ Gedenkstätte maximal abgestützt, aber nichts aufgearbeitet worden, erklärt Lessing. Und der denkmalschützende Aspekt habe auch bei der Schaffung der ersten Ausstellung in den 1970er Jahren noch keine wesentliche Rolle gespielt, so Lessing. Es habe sich mancher sicher gedacht, da könnte noch hier oder dort etwas verborgen sein. Aber nachgeschaut habe halt niemand.

Die Sache mit den Niveadosen

Vergangenes Jahr sei im Keller des Block 17 eine Wandmalerei gefunden worden, die einen Rauchfangkehrer mit Hufeisen und Champagnerflasche zeigt und der Rauchfangkehrer sage "Prosit". Und im Dachgeschoss seien Niveadosen aus den 1940er Jahren aufgetaucht. Niveadosen habe man übrigens auch in Maly Trostinec ausgegraben, wohin viele Wiener und Wienerinnen deportiert und wo sie dann ermordet wurden. "Was nimmt man auf der Flucht mit? Damals hat man offenbar auch eine Handcreme eingesteckt. Das sind die Dinge, die mich so berühren", meint Lessing.

An den Niveadosen hänge ich nun diesen Vormittag gedanklich fest. Denn ja, wahrscheinlich sind das die kleinen Alltagsdinge, die man schnell einsteckt, weil man sie ja brauchen könnte: einen Labello, ein Packerl Taschentücher, eine Handcreme. Vor allem, wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Man weiß nur, man geht auf eine Reise irgendwohin und dass diese Reise nicht gemütlich werden wird, ist klar, aber wie ungemütlich sie werden wird, stellt sich erst heraus, wenn man eingepfercht in einem Güterwaggon am Boden sitzt. Und dennoch hatten offenbar einige Menschen weiter die Niveacreme in ihrer Manteltasche, denn in Maly Trostinec wurden sie nur mit dem, was sie anhatten, in die Gruben geschossen. Und schon tut sich ein schauerliches Bild auf.

Ja, Hannah Lessing hat recht: vermitteln kann man das Leid, das der Nationalsozialismus über Millionen Menschen brachte, vor allem mit Emotionen. Vielleicht können die Historiker einmal konkretere Geschichten darüber erzählen, was im Block 17 vor sich ging, ob da tatsächlich ein Ausbruchsversuch geplant wurde oder wie die Lagerinsassen einander gegenseitig halfen. Nun werden die gefundenen Objekte einmal konserviert. Und auch wenn es kein Sensationsfund ist, weil die Gedenkstätte bereits über ähnliche Objekte verfügt, werden die Dinge liebevoll restauriert werden, ist Lessing überzeugt. "Die Menschen, die in dieser Werkstätte arbeiten, arbeiten mit dem Ethos, dass sie sich geehrt fühlen, diese Objekte konservieren zu dürfen. Sie wissen, dass diese Dinge Menschen gehörten oder von Menschen benutzt wurden, die höchstwahrscheinlich ermordet wurden."