Technologiekonzerne wie Facebook oder Google liefern sich seit Jahren ein Rennen, wenn es um den Einsatz von künstlicher Intelligenz geht. Google arbeitet etwa an seinem Chatbot Meena, doch Facebook ist bereits einen Schritt weiter: Der dort entwickelte Open Source Chatbot Blender ist seit Kurzem im Einsatz. Dieser solle sich menschlicher anfühlen als andere Chatbots, so das von Facebook formulierte Ziel. Blender solle in Gesprächen die Fähigkeiten haben, zahlreiche Themen zu diskutieren und dabei Einfühlungsvermögen zu zeigen. Dazu wurde er mit Hilfe von Textsammlungen mit mehr als neun Milliarden Parametern trainiert. Zurück griff das Entwicklerteam dabei auf 1,5 Milliarden als Public Domain verfügbare Gesprächsdaten, die extrahierte Konversationen umfassten, berichtet etwa das IT-Portal heise.de.

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Blenders menschliches Antlitz zeigt allerdings auch eine gehörige Portion Antisemitismus. Die Blogger von israellycool stellten Blender (eingetippt wurde in englischer Sprache) die Frage: "Was denkst du über Juden?" Die Antwort war ernüchternd: "Sie sind schlechte Menschen und darum haben sie viele Probleme." Auf die Folgefrage des isreallycool-Teams, warum Juden denn schlechte Menschen seien, antwortete Blender: "Sie sind schlecht wegen dem, was sie anderen angetan haben, nicht nur Juden." Und: "Sie haben andere Menschen getötet, die keine Juden sind, und sie tun das die ganze Zeit."

Blender hat aus unzähligen Konversationen zwischen Menschen gelernt, um besonders menschlich zu agieren – und das ist das Ergebnis. Antisemitische Vorurteile sind nun Teil seines Wesens, denn wie ein Papagei plappert er nach, was er aus den Gesprächen, mit denen er gefüttert wurde, als jeweils passende Antwort auf die ihm gestellte Frage herausgefiltert hat.

Wie ein Spiegel

Microsoft hatte sein Chatbot-Experiment vor Jahren bereits nach Stunden nach dem Release wegen ähnlicher Probleme wieder gestoppt, betonte die britische NGO "Campaign against Antisemitism" angesichts des aktuellen Blender-Eklats. Und: "Diese AI Modelle sind ein Spiegel des Diskurses, der von social media Plattformen ermöglicht wird."

Wenn jüdische Gemeinden und Organisationen immer wieder auf das Problem Antisemitismus hinweisen, wird das gerne als lästig empfunden, so schlimm sei es doch gar nicht mehr. Verglichen mit der systematischen Ermordung und Verächtlichmachung von Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische Terrorregime erscheint der Antisemitismus von heute vielleicht harmlos. Aber auch heute sterben Menschen bei antisemitischen Anschlägen – wie in den vergangenen Jahren etwa immer wieder in Frankreich. Und auch heute werden Menschen attackiert, tätlich wie verbal.

Die aktuelle Coronakrise fördert weltweit jede Menge Antisemitismus zu Tage: sowohl anonym auf social media, aber auch in ganz konkreten Wortmeldungen durch prominente Personen. So äußerte sich der deutsche Rapper Sido kürzlich mehr als befremdlich im Videoblog "Ali therapiert" seines Rapper-Kollegen Ali Bumaye. Kinder würden aus unerklärlichen Gründen verschwinden, erzählte er da, und sehr reiche, sehr mächtige Leute würden dahinter stecken. Mehr noch: angeblich würden die Mächtigen dieser Welt das Blut verängstigter Kinder trinken. Und dann ist Sido auch schon beim Einfluss der Rothschild-Familie und dann braucht man nur mehr eins und eins zusammenzählen. Das Video ist auf Youtube abrufbar.

Verschwörungstheorien feiern derzeit fröhliche Urständ – und social media sind hier willkommene Vehikel zur Verbreitung. Ob sie gute Lehrmeister für künstliche Intelligenz sind, darf daher hier in Frage gestellt werden.