550 Meldungen über antisemitische Vorfälle gingen 2019 bei der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) sowie dem Forum gegen Antisemitismus (FgA) ein. Gegenüber 2017 bedeutete das eine Steigerung um 9,5 Prozent, binnen der vergangenen fünf Jahre sogar mehr als eine Verdoppelung. Ist das Grund für Alarmismus? Nein. Ist das Grund zu Sorge? Definitiv.

Was sagt diese Zahl aus? 550 Mal wurde 2019 antisemitisches Verhalten festgestellt und auch gemeldet. Das Bewusstsein, Dinge wie Beschmierungen, Beschimpfungen, Attacken zu melden, ist in den vergangenen Jahren sicher gestiegen. Alleine judenfeindliche Einträge aus österreichischen social media-Seiten, würden sie umfassend dokumentiert, würden diese Zahl allerdings um ein Vielfaches ansteigen lassen. Dazu bedürfte es jedoch eines flächendeckenden Monitorings, das nicht zu leisten ist. Es gibt also eine Dunkelziffer, die schwer einzuschätzen ist. Was die Zahl aber in jedem Fall vermittelt: judenfeindliche Aktionen nehmen auch in Österreich zu.

Das Gros der 2019 gemeldeten Vorfälle beschrieb "verletzendes Verhalten". Darunter fallen etwa Beschimpfungen. Sie machten 43 Prozent der erfassten Vorfälle aus. Was kann man sich darunter vorstellen? Im März des Vorjahres war eine durch ihre Kleidung als jüdisch erkennbare Frau mit ihren beiden Nichten, damals neun und zwölf Jahre alt, auf der Straße unterwegs. Ein Mann sagte zu ihnen im Vorbeigehen: "Zyklon B gabs im Angebot." Die Frau stellt ihn zur Rede, darauf antwortet er: "Ich möchte doch nur Staubsauger verkaufen." Zur Erklärung: Es gibt einen "Zyklonstaubsauger" genannten Staubsaugertyp.

Oder: Eine ebenfalls durch ihre Kleidung als jüdisch erkennbare Frau wird in einer Straßenbahn von einem älteren Herrn nach dem Weg zur Stadthalle gefragt. Sie gibt Auskunft und muss dann hören, wie der Mann mit Kindern in der Straßenbahn ein Gespräch beginnt und ihnen erklärt: "Aber eines muss ich sagen, einer Judensau, der darf man nicht trauen."

Solche Vorfälle sind einschneidend und verletzend. Sie machen etwas mit den Betroffenen. Vielleicht gibt man dann keine Auskunft mehr, wenn man in Zukunft von jemandem angesprochen wird. Vielleicht meidet man in Zukunft auf der Straße den Augenkontakt mit anderen.

Sechs tätliche Angriffe

Noch stärker prägt sich dieses Gefühl aus, wenn man tätlich attackiert wird. Sechs antisemitische physische Übergriffe wurden 2019 dokumentiert. Diese Zahl blieb über die vergangenen Jahre konstant. In anderen europäischen Ländern geht es diesbezüglich ganz anders zu – wie etwa in Frankreich. Oder auch in Deutschland, es sei hier etwa an den Attentäter von Halle erinnert, dem es darum ging, Menschen zu ermorden. Dass in Österreich in den vergangenen Jahren kein judenfeindlich motivierter Mord zu verzeichnen war, ist beruhigend. Dazu tragen sicher auch die massiven Sicherheitsvorkehrungen der IKG in enger Kooperation mit dem Innenministerium bei.

Dennoch, wenn schon Beschimpfungen ein mulmiges Gefühl auslösen: wie geht es jenen, die da tätlich angegriffen wurden? Ich habe mir also angesehen, was der aktuelle Bericht hier erzählen kann. Was ich dabei erschreckend fand, jene Fälle, zu denen Details veröffentlicht wurden (nicht jedes Opfer möchte, dass das, was ihm zugestoßen wird, so dokumentiert wird, dass es vielleicht – nicht zuletzt auf Grund der Kleinheit der Wiener jüdischen Gemeinde – zuordenbar wird), involvieren allesamt Kinder beziehungsweise Jugendliche. Da fuhr etwa im April 2019 eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern (zwei und sechs Jahre alt) mit der U1. Die Familie ist auf Grund der Kleidung als jüdisch erkennbar. Eine Gruppe von Jugendlichen steigt ein, einer von ihnen rempelt eines der Kinder stark an und sagt "Fuck Jehudi". Was macht das mit diesen kleinen Kindern?

Oder: ein 13Jähriger, der Kippa trägt, fährt in der Leopoldstadt mit dem Fünfer. Er bemerkt, dass ein anderer Jugendlicher zu ihm herüberblickt. Plötzlich nähert sich ihm dieser, beginnt nach ihm zu treten und ihn zu beschimpfen, der jüdische Teenager ergreift die Flucht.

Oder: Im Anschluss an Jom Kippur macht sich eine jüdische Familie mit zwei kleinen Kindern auf den Weg von der Synagoge nach Hause. Auf der Taborstraße schnellt ein SUV aus einer Garagenausfahrt hervor und verfehlt die Familie nur knapp. Zwischen dem Familienvater und dem Fahrer des Wagens entwickelt sich ein Wortgefecht, es fallen antisemitische Beschimpfungen. Die Auseinandersetzung spitzt sich zu, schließlich schlägt der Fahrer dem Vater ins Gesicht – so stark, dass ein Nasenbeinbruch diagnostiziert wird.

Was auffällt: in all diesen im Bericht geschilderten Fällen waren die Menschen, die attackiert wurden, durch ihre Kleidung als jüdisch erkennbar. Es handelte sich also um observante Jüdinnen und Juden. In anderen Ländern wird bereits empfohlen, in bestimmten Gegenden zum Beispiel nicht mehr offen die Kippa zu tragen, sondern sie unter einer anderen, nicht klar zuordenbaren Kopfbedeckung wie einer Baseballkappe zu verbergen. Ist das der richtige Weg? Natürlich nicht. Die Geschichte hat gezeigt, dass Assimilierung am Ende auch nichts besser gemacht hat. Grausamstes Beispiel waren die Nürnberger Rassegesetze. Da waren Menschen jüdischer Herkunft auch durch eine Taufe nicht vor Verfolgung geschützt.

Dokumentation ist wichtig

Doch was soll der Einzelne hier tun? Was macht die Mutter, deren kleines Kind in der U-Bahn angerempelt wurde? Traut sie sich, das Kind in ein paar Jahren, alleine mit der U-Bahn fahren zu lassen? Damit dies möglich ist, braucht es Berichte wie den nun vorgelegten. Nur auf Basis dessen, was dokumentiert wird, kann man handeln, kann man Bewusstsein erzeugen. Nur auf Basis dessen, was dokumentiert ist, kann man auch Gefahreneinschätzungen vornehmen und dies in ein Sicherheitskonzept miteinbeziehen. Dass es nötig ist, jüdische Einrichtungen zu bewachen, ist traurig und zeugt nicht von Normalität. Dass es gemacht wird, um Vorfälle hintanzuhalten, ist dennoch gut und wichtig.

Prävention bedeutet auch: Risiken abschätzen zu können und sich darauf einzustellen. Daher ist es auch relevant zu wissen, wer hinter antisemitischen Angriffen, ob im realen Leben oder im Netz, steckt. Hier zeigt sich aber, dass die Zuordnung vielfach nicht möglich ist. Die 550 dokumentierten Vorfälle im Jahr 2019 setzten sich zusammen aus sechs physischen Angriffen, 18 Bedrohungen, 78 Sachbeschädigungen, 209 Massenzuschriften und 239 Fällen von verletzendem Verhalten. All diese Vorfälle erfüllten die Kriterien der Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA): "Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen."

226 der 550 Vorfälle waren allerdings keinem ideologischen Hintergrund zuordenbar. 268 Mal ließ sich ein rechter oder rechtsextremer Hintergrund ausmachen. 31 Fälle erwiesen sich als islamistisch motiviert, 25 Vorfälle waren laut IKG linker oder linksextremistischer Gesinnung zuzuordnen. Sie nennt hier die beiden Felder "Globalisierungskritik" und "Israelfeindlichkeit". Von rechtsextremer Seite wurden vor allem Sachbeschädigungen verübt und verletzendes Verhalten an den Tag gelegt. Bei drei der sechs tätlichen Angriffe war muslimischer Antisemitismus das Motiv.

Was daraus zu lernen ist? Weiter wachsam zu sein. Aber auch: sich solche Dinge nicht gefallen zu lassen, antisemitische Vorfälle anzuzeigen und eben zu dokumentieren. Die Verbreitung des Coronavirus führt im Netz, aber auch auf Demonstrationen gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus aktuell weltweit bereits dazu, dass zunehmend antisemitische Verschwörungstheorien in Umlauf gebracht werden, die sich an das uralte Bild der Brunnenvergifter anlehnen. Mehr als unpassend ist in diesem Kontext auch, dass sich etwas bei solchen Kundgebungen in Deutschland, Menschen den von den Nazis kreierten gelben "Judenstern" an die Brust heften oder auf T-Shirts drucken lassen, auf den der Begriff "ungeimpft" geschrieben wird.

Nun ist das zwar nicht per se antisemitisch, aber ein sehr unpassender Vergleich. Die Verfolgungspolitik der Nazis mit dem Bemühen heutiger Demokratien, eine Pandemie einzudämmen, auf eine Stufe zu stellen, kommt einem massiven Kleinreden der Gräuel des Holocaust gleich. Was allerdings auch passiert: da ist nun dieses Symbol präsent, das sofort mit Juden in Verbindung gebracht wird, und wenn man dann im Netz auf die eine oder andere Verschwörungstheorie stößt, wonach es Juden gewesen seien, die dieses Virus in Umlauf gebracht hätten, fügt sich ein Bild zusammen. Ach ja, da war doch etwas. Da habe ich doch diesen Stern gesehen. Auch bei einer Kundgebung in Wien vor der Albertina wurde dieses so falsche Bild bemüht. Da bezeichnete eine Frau sich und andere als "die Juden, weil wir wieder im Faschismus angelangt seien".

Solche Vergleiche können am Ende ein ungutes Konglomerat ergeben. Wie immer hilft hier nur Information: wie entsteht ein Virus, wie verbreitet es sich. Ob man damit zu allen Menschen durchdringt, die, noch dazu wo nun die Arbeitslosigkeit so gestiegen ist und die Wirtschaft teilweise am Boden liegt, nach einem Sündenbock suchen, ist fraglich. Also gilt es auch in Österreich auf der Hut zu sein, dass sich hier der Zorn auf einen vermeintlich Schuldigen nicht in mehr tätlichen Angriffen gegen Juden und Jüdinnen, vor allem solche, die auch im Straßenbild als jüdisch erkennbar sind, entlädt. Es sind herausfordernde Zeiten – auf so vielen Ebenen.