50.000 Menschen gingen gestern gegen Polizeigewalt und Rassismus in Wien auf die Straße, das war ein starkes Zeichen. Das Grauen des zigfach auf social media geteilten Videos, das die Ermordung von George Floyd durch US-Polizisten zeigt, ist massiv und gräbt sich ins kollektive Bewusstsein ein. Dass Menschen mit dünklerer Hautfarbe von der Exekutive eher kontrolliert und eher von Polizeigewalt bedroht sind als Personen mit heller Hautfarbe, ist leider nicht nur in den USA so, auch wenn sich dort eine besonders lange Kette solcher tödlicher Übergriffe dokumentieren lässt. Auch black people in Österreich oder Deutschland berichten, dass man sie eher als kriminell einstuft, dass sie öfter von der Polizei kontrolliert werden, dass dabei in Sachen Gewalt Grenzen überschritten werden. Hier zu Lande wurde Marcus Omofuma unfreiwillig zur Mahnfigur, dass die Polizei nicht nur Retter ist, sondern manchmal auch den Tod bringt.

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Unter den 50.000 Menschen, die da gestern auf die Straße gingen, waren auch Mitglieder der Wiener jüdischen Gemeinde. Das herauszustreichen ist nicht nötig. Warum? Weil es eine Selbstverständlichkeit ist, sich für Menschenrechte und gegen Unrecht einzusetzen und ja, dafür auch auf die Straße zu gehen (auch wenn es mir gestern leider selbst aus Termingründen nicht möglich war). Warum schreibe ich dann überhaupt darüber? Weil das mit Demos immer so eine Sache ist. Weil Proteste immer auch missbraucht werden, um auch andere Botschaften zu transportieren. Weil man die main message eines Protests mittragen kann, die Nebengeräusche aber nicht überhören will.

Die Black Lives Matter-Bewegung ist eine große, nicht strukturiert organisierte. Immer wieder gab es in der Vergangenheit Berichte, dass Black Lives Matter-Vertreter Israel für dessen Umgang mit Palästinensern verurteilen, dazu auch Manifeste veröffentlichen beziehungsweise die BDS-Bewegung unterstützen (Boycott, Divestment, Sanctions – gefordert wird der vor allem wirtschaftliche und kulturelle Boykott Israels). Einerseits. Andererseits gibt es auch aktuell viel Unterstützung von Aktivisten der BDS-Bewegung für Black Lives Matter– nachzulesen etwa bei BNC, dem palästinensischen BDS-Komitee. Der palästinensische Karrikaturist Mohammad Sabaaneh zeichnete zuletzt einen US-Polizisten, der auf einem Mann mit dunkler Hautfarbe sitzt und ihm dabei die Luft abschnürt und gleichzeitig einen israelischen Soldaten umarmt, der seinerseits auf einem Palästinenser kniet. Begleittext seines Postings der Zeichnung: "The #racism and the #apartheid is the same. #Israeli occupation and the #American #rasism (sic) is the same #BlackLivesMatter."

Nun ist es nicht so, dass Israels Politik sakrosankt ist und nicht diskutiert werden darf. Nur dieses auf eine Ebene heben und vermischen verschiedenster Diskurse passt nicht. Und wenn dann bei Demos auch noch pauschal verurteilende Anti-Israel-Schilder oder Sprechchöre auftauchen, macht es das Juden und Jüdinnen teils schwer, da mitzumarschieren. Hinter dem, wofür man auf die Straße geht, will man schließlich auch zu hundert Prozent stehen können.

Es geht um Solidarität

Erfrischendes schrieb dieser Tage dazu die US-israelische Autorin Maayan Belding-Zidon auf dem Portal Heyalma. "Stop Using Israel as an Excuse to Not Support Black Lives Matter", betitelte sie ihren Beitrag, also: Redet euch nicht auf Israel heraus, wenn ihr Black Lives Matter nicht unterstützt. Ihre Argumentation: wenn wir Jüdinnen und Juden von anderen erwarten, mit uns solidarisch zu sein, wenn wir angegriffen werden (etwa nach dem Attentat auf die Tree of Life Synagoge in Pittsburgh), müssen wir ebenfalls aktiv sein, wenn andere attackiert werden. Sie verstehe, dass es Unbehagen bereite, mit einer Davidsternkette um den Hals für #BlackLivesMatter auf die Straße zu gehen und dann dort auf jemanden zu treffen, der die palästinensische Flagge hochhalte. "Ich verstehe eure Lage, wirklich. Aber ich bin hier um euch zu sagen, ihr müsst trotzdem auf die Straße gehen."

Belding-Zidon weist dabei auch noch auf etwas anderes hin: nicht nur könne man Unrecht und Gewalt am besten gemeinsam bekämpfen. Schwarze und jüdische Amerikaner hätten auch einen gemeinsamen Feind: White Supremacy. Derzeit seien Schwarze zwar eher im Visier der weißen Rassenideologen, aber die jüdische Geschichte lehre, niemals das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Und da lautet ihr Fazit: "White Supremacy ist eine größere Gefahr für amerikanische Juden als BDS für den Staat Israel, aber selbst wenn dem nicht so wäre – selbst wenn es nicht im eigenen Interesse von Juden wäre sich hier solidarisch mit schwarzen Amerikanern gegen Hass und Fanatismus zu zeigen – ich würde mich in jedem Fall an den Protesten beteiligen, denn als observante Jüdin bin ich durch die Tora dazu verpflichtet."

Wenn Menschenleben bedroht sind, muss man dagegen ankämpfen, so die Botschaft von Belding-Zidons Text. Das sehe ich auch so. Dass Proteste, nicht nur jene für #BlackLiveMatters, sondern zum Beispiel auch immer wieder Kundgebungen für eine offenere Flüchtlingspolitik in Österreich von kleinen Gruppierungen dazu missbraucht werden, auch andere Botschaften mittels Täfelchen auf die Demo-Fotos zu bringen, ist ärgerlich. Man muss es auch nicht einfach zur Kenntnis nehmen, sondern kann es thematisieren, diskutieren, kritisieren, versuchen bei anderen ein Ohr dafür zu finden, diesen Gruppierungen klar zu machen, dass sie für ihre Interessen eine eigene Demo machen, aber nicht andere Kundgebungen quasi für ihre Zwecke kapern. Es sollte einen als Jude oder Jüdin aber nicht davon abhalten, auch weiterhin im öffentlichen Raum oder in Texten und Wortmeldungen gegen Rassismus und Diskriminierungen einzutreten.