Langsam und bedächtig nimmt das offline Gemeindeleben in der Wiener jüdischen Community wieder Fahrt auf. Synagogen haben geöffnet, es muss aber weiter Abstand gehalten werden und auch das Tragen von Masken wird beibehalten. Die koscheren Restaurants kredenzen nicht mehr nur per Lieferservice, sondern auch im Lokal. Die Jugendorganisationen haben Programme entwickelt, die stark auf Outdoor-Aktivitäten fokussieren. Die Schulen sind inzwischen auch für die Oberstufenschüler geöffnet, wie überall anders auch wird in zwei Gruppen unterrichtet, sodass die Kinder abwechselnd Anwesenheits- und Hausübungstage absolvieren.

Die großen Feste müssen allerdings noch warten und auch in Sachen Kulturveranstaltungen zeigt man sich seitens der Gemeindeführung noch abwartend. Der Blick nach Israel, wo wegen zahlreicher Covid-19-Infektionen inzwischen bereits wieder dutzende Schulen geschlossen sind, lehrt: Vorsicht ist angebracht. So tastet man sich nach und nach an das heran, was möglich ist und möglichst niemanden gefährdet.

Während des Shutdowns im März und April fand Pessach statt. Gerade zu Feiertagen ist das Bedürfnis der Menschen nach Verbundenheit zur Gemeinde groß. So organisierte die IKG einerseits gemeinsam mit den Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen (JÖH) einen Lieferdienst, sodass vor allem ältere Mitglieder nicht nur grundsätzlich mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt waren, sondern auch Matzot und koscher le Pessach-Speisen bekamen.

Stückchen spirituelle Heimat

Doch Feiertage sind mehr als ein Anlass, groß aufzukochen. So entschied man sich, Gebete von Oberkantor Shmuel Barzilai einerseits aufzuzeichnen, andererseits online zu übertragen. Das Interesse war groß und ging über die Gemeindemitglieder in Wien weit hinaus. Nun ist der Stadttempel zwar wieder geöffnet. Dennoch entschied man sich, die Gebetsübertragungen fortzusetzen. Menschen, die sonst gar nicht zum Gebet kämen, seien so wieder näher an die Gemeinde herangerückt, sagt IKG-Präsident Oskar Deutsch. Man könnte auch sagen: da wird ein Stückchen spirituelle Heimat nach Hause geliefert.

Eine Portion Jiddischkeit gestaltet derzeit auch der Musiker und Komponist Roman Grinberg mit seinem Online-Kurs "Jiddisch für Anfänger – Von Mazl bis Shlemazl". Der Publikumsliebling, der erst im Februar im Rahmen des "Festivals der jüdischen Kultur" für volle Säle sorgte, konnte in den vergangenen Wochen ebenso wenig live auftreten wie alle anderen Künstler und Künstlerinnen in Österreich. Er hat nun gemeinsam mit der IKG diesen unterhaltsamen Sprachkurs ins Leben gerufen (abrufbar sowohl über Youtube als auch www.ikg-wien.at), der mit Witz und Anekdoten vor allem eines vermittelt: Nostalgie und dieses ganz bestimmte Lebensgefühl, das einen spüren lässt, wie sich Alltagssituationen früher einmal hier noch viel öfter als heute abgespielt haben könnten. Wer weiß, vielleicht hat meine Urgroßmutter, als sie auf der Taborstraße zufällig eine Bekannte traf, diese auch zur Begrüßung gefragt: "Nu, vos hert zikh?" (Sinngemäß: Was tut sich?) Und diese hätte darauf geantwortet: "Gor nisht! Vos zol sich hern?"

Grinberg ist auch im Netz ein Garant für Klicks und Likes. Aber auch andere Angebote, die die IKG Wien in den vergangenen Wochen entwickelt hat, wurden so gut angenommen, dass man sich überlegt, sie auch in Post-Coronazeiten beizubehalten. Die alljährliche Gedenkfeier in der KZ Gedenkstätte Mauthausen konnte heuer nur in massiv reduziertem vor allem Besucher-Umfang abgehalten werden. So entschied man sich, die Feier live zu übertragen – und erreichte damit viel mehr Menschen als in normalen Jahren. Daher soll es auch künftig diese Online-Schiene geben.

Artday an Donnerstagen

Und auch weiterhin sollen jüdische bildende Künstler und Künstlerinnen einen online Ausstellungsort erhalten. Im Rahmen des donnerstäglichen Artday waren zum Beispiel gestern Arbeiten von Sasha Vernik alias Revkin zu sehen. Er studierte Malerei an der Universität für angewandte Kunst. Seine Arbeiten reichen von narrativen Medien wie klassischer 2D Animation und Storyboards bis zu großformatigen Ölgemälden.

Die Coronazeit hat damit wie vielen anderen Einrichtungen auch der Wiener jüdischen Gemeinde einen digitalen Schub verpasst. Schon zuvor wurden immer wieder Veranstaltungen wie etwa Podiumsdiskussionen live ins Netz übertragen. Doch nun hat man Formate auch für ganz andere Bereiche – vom Gebet bis zu Information und Unterhaltung – entwickelt. Aber auch die interne Kommunikation hat mit dem Einzug von Videokonferenzen eine weitere Ebene erhalten. Vielleicht kann so auch in Zukunft die eine oder andere Sitzung zeiteffizienter abgehalten werden.

Die Freude, Kunst wieder einmal im Rahmen einer realen Ausstellung zu sehen, oder Roman Grinberg live am Klavier spielen und singen zu hören, wird, wenn es irgendwann so weit sein wird, dennoch groß sein. Ich sehne mich vor allem nach unbeschwerteren Begegnungen, bei denen man Freunde und Bekannte, wenn man sie etwa zufällig auf der Straße trifft oder sich mit ihnen in einem Schanigarten verabredet, nicht nur mit Abstand begrüßen kann. Aber wer tut das nicht. Bis es so weit ist, empfehle ich mich – so wie es Roman in seinem Jiddisch-Kurs unterrichtet – mit der Abschiedsformel: "Zay gezunt". Man könnte auch sagen: ein Abschiedsgruß wie für Pandemiezeiten geschaffen.